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Rassismuserfahrungen können die psychische Gesundheit ernsthaft beeinträchtigen.
Rassismuserfahrungen können die psychische Gesundheit ernsthaft beeinträchtigen.Bild: shutterstock

Plötzlich wollten sie nicht mehr mit Marco Fussball spielen

Marco ist 10 Jahre alt, Kind einer Schweizerin und eines Tunesiers. Obwohl er keinerlei Bezug zum Herkunftsland seines Vaters hat, wird er immer wieder damit konfrontiert, «anders» zu sein. Seine Mutter erzählt von Alltagsrassismus und Freundschaftsabbrüchen.
26.06.2022, 20:0127.06.2022, 08:35

Marco* liebt seinen Hund. Er spielt gern Fussball. Mag Süssigkeiten. Wenn es oben in der Wohnung keine hat, geht er runter, wo das Grossmami wohnt, und stibitzt bei ihr welche. Ein kleines Schlitzohr. Marco ist gern draussen, streift mit seinem besten Freund durch den Wald, baut Hütten. Er ist aufgeweckt, lustig, wild. Manchmal etwas zu wild. Dann kocht ihm das Temperament über und er wird wütend. Alles in allem aber ein ganz normales, 10-jähriges Kind.

Trotzdem fühlt sich Marco anders. Unsicher. Fremd. Vor einiger Zeit sagte er zu seinem Mami: «Ich wünschte, ich hätte auch so gerade Haare wie du.» Sie erwiderte, er könne stolz auf seine tollen Locken sein. Viele wünschten sich, sie hätten so schöne Haare wie er. Doch ihre aufmunternden Worte nützten nichts. Marco liess sich den Schopf kurz abrasieren. Ein anderes Mal, er sass ihr auf dem Schoss und war ganz nachdenklich, da legte er seinen Arm neben den ihren, verglich und sagte: «Ich hätte auch gerne so weisse Haut wie du.»

Das N-Wort auf dem Pausenplatz

Olivia Brunner* sitzt auf ihrer Veranda in einem Loungemöbel. Ihre Wohnung liegt im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses irgendwo in der Innerschweiz. Es ist umgeben von viel Grün, das nächste Haus liegt 300 Meter entfernt. Wo genau sie wohnt, will Brunner lieber für sich behalten. Auch nicht will sie, dass ihr richtiger Name genannt wird. Die Gemeinde, in der sie wohnt, hat knapp 4000 Einwohner, man kennt sich, es wird viel geredet. Brunner will nicht, dass ihr Sohn durch die Berichterstattung auf irgendeine Art und Weise verletzt wird. Schweigen will sie trotzdem nicht. Zu sehr erschüttert sie, was Marco widerfahren ist.

Vor ein paar Wochen kam er von der Schule nach Hause und sagte, er dürfe in der Pause nicht mehr mit den anderen Kindern Fussball spielen. Ein paar ältere Schüler hätten ihm das N-Wort gesagt. Brunner zieht an ihrer Zigarette, erzählt mit flackernden Augen und geröteten Wangen. «Er sagte mir, er wisse zwar nicht, was dieses Wort bedeute, er wisse aber, dass es eine Beleidigung ist.» Sie klärte ihn nicht über die Bedeutung des Wortes auf, sondern sagte, es sei verboten, jemanden so zu beleidigen. Die Kinder hätten sich damit riesigen Ärger eingefangen.

Es ist das erste Mal, dass der 10-jährige Marco rassistisch beleidigt wird. Schon früher wurde ihm manchmal zu verstehen gegeben, dass er anders aussieht. Aber so explizit und wüst gedemütigt wurde er bis jetzt noch nie. «Ich befürchtete immer, dass dieser Tag kommen wird. Trotzdem hat es mich unvorbereitet und mitten ins Herz getroffen», sagt Marcos Mutter.

«Der Vater ist Araber?»

Brunner ist ein richtiges Schweizer Bauernmädchen. Aufgewachsen auf dem Land, musste sie schon früh mit anpacken. Die Sommerferien verbrachte sie immer irgendwo in der Schweiz, Schlafen im Stroh, Wandern in den Bergen, Baden im Bach. Mit 13 Jahren fuhr sie zum ersten Mal ans Meer. Sie hat blonde Haare, die sich in den Längen locken, blaue Augen, ein hübsches, rundes Gesicht mit weichen, kindlichen Zügen. Und weisse Haut.

«Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, dann würde ich nicht wollen, dass mein Kind mit Marco spielt. Ich will nicht, dass meine Kinder mit Ausländern zusammen sind.»
Eine ehemalige Freundin zu Marcos Mutter.

Sie ist 16 Jahre alt, als sie mit Marco schwanger wird. Der Vater ist Tunesier. Heute hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm. Schon kurz nach der Geburt sei sie ständig gefragt worden, was für Wurzeln denn das Baby habe. «Die Leute haben sich über den Kinderwagen gebeugt und kommentiert: «Oha, der Vater ist aber nicht von hier».» Übergriffig und frech fand sie das. Findet sie es auch heute noch, wenn sie mit Marco unterwegs ist und von Fremden angestarrt wird. Die Augen der Leute wandern dann von Marco zu Brunner und wieder zurück zu Marco. Wenn sie mit ihrem Sohn am Kebabstand steht, fragen die Verkäufer: «Der Vater ist Araber, oder?»

Bis vor ein paar Jahren hatte sie oft Kontakt zu einer Freundin, die einen Sohn im selben Alter hat. Einmal sagte diese zu Brunner: «Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, dann würde ich nicht wollen, dass mein Kind mit Marco spielt. Ich will nicht, dass meine Kinder mit Ausländern zusammen sind.» Danach hatte Brunner keine Lust mehr, mit der Frau Kafi zu trinken.

Rassismus kann depressiv machen

Sie versucht, Marco so gut es geht aufzubauen, ihm Selbstvertrauen zu geben. Sie sagt ihm, andere Leute gingen extra ins Solarium, damit sie so schöne karamellfarbene Haut hätten wie er. Doch solche Diskriminierungserfahrungen im frühen Alter hinterlassen Narben. Eine Zeit lang zog sich Marco mehr zurück als üblich, wurde stiller und nachdenklich.

«Aus der Forschung geht klar hervor, dass das Selbstwertgefühl stark leidet, wenn man abgelehnt und erniedrigt wird», sagt Alma Wiecken, die Geschäftsleiterin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Solche Diskriminierungserfahrungen können die psychische Gesundheit eines Kindes beeinträchtigen und bis hin zu Depressionen führen.

«Wichtig ist, dass man das Kind ernst nimmt und den Vorfall nicht verharmlost.»
Alma Wiecken, die Geschäftsleiterin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus

Nach wie vor ist das Thema Rassismus ein präsentes Problem in der Schweiz. Vergangenes Jahr wurden dem Beratungsnetz für Rassismusopfer 630 Fälle rassistischer Diskriminierung gemeldet. Die meisten Vorfälle ereigneten sich am Arbeitsplatz und im Bildungsbereich. Bei letzterem nahmen die Diskriminierungen im Vergleich zum Vorjahr deutlich zu. Die meisten Meldungen betrafen Schwarze Personen.

«Es wenden sich oft Eltern an uns, deren Kinder in der Schule rassistisch beleidigt wurden. Oft herrscht bei ihnen grosse Verunsicherung, wie sie mit dem Vorfall umgehen sollen», so Wiecken. Jedes Kind gehe mit solchen Erfahrungen anders um. Mit Wut, Aggression, Rückzug. «Wichtig ist, dass man das Kind ernst nimmt und den Vorfall nicht verharmlost», sagt Wiecken. Die Eltern sollten einfühlsam nachfragen und versuchen, herauszufinden, was die Bedürfnisse des Kindes sind und ihm Unterstützung anbieten. Es kommt vor, dass das Kind nicht möchte, dass der Vorfall in der Schule thematisiert wird. Dann bringe es nichts, wenn das die Eltern durchdrücken. Im Idealfall informiere man die Lehrperson und je nachdem könne auch die Klasse in ein Gespräch miteinbezogen werden.

Wehren kann sich nur, wer die Möglichkeit dazu hat

Im Fall von Marco reagierte die Schule vorbildlich, erzählt Brunner. Sie rief seinen Lehrer an und sprach lange mit ihm. Ein paar Tage später gingen die Schüler, die Marco ausgeschlossen und beleidigt hatten, zu ihm und entschuldigten sich. «Marco kam ganz begeistert nach Hause und erzählte: ‹Sie sagten mir, dass ich super Fussball spielen kann.› Er war mega stolz», so Brunner.

Trotzdem kann sie diesen Vorfall nicht einfach ad acta legen. «Marco hat Glück, dass er zu Hause über seine Probleme sprechen kann und ich mich für ihn einsetze. Andere Kinder und andere Eltern können das nicht.» Sie denke oft an den tamilischen Buben in Marcos Klasse. Dessen Eltern sprechen kaum Deutsch. Brunner fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie ihr Kind vor rassistischen Attacken verteidigen können.

«Vielleicht ist es naiv von mir, anzunehmen, dass es heute besser ist.»
Olivia Brunner, Mutter von Marco

Regelmässig sind es auch Schweizer Adoptiveltern mit Schwarzen Kindern, die sich an die EKR wenden und um Rat fragen. Geschäftsleiterin Wiecken sagt, Personen, die selbst einen Migrationshintergrund haben und vielleicht sogar selbst schon rassistische Erniedrigungen erlitten, trauen sich teilweise nicht, gegen rassistische Herabsetzungen und Beleidigungen vorzugehen. «Entweder, weil sie meinen, dass dies nichts bringe, oder weil sie Angst vor negativen Reaktionen und Folgen haben.» Auch fehle es bei den Betroffenen manchmal an Wissen über entsprechende Beratungsangebote. Umso wichtiger sei, bekannt zu machen, dass es Fachstellen gibt, an die sich Eltern wenden können.

Brunner drückt ihre Zigarette aus. Die Sonne steht inzwischen so tief am Himmel, dass sie unter dem bis zur Hälfte heruntergezogenen Storen durch blinzelt und die Veranda in einen feuchtheissen Tropengarten wandelt. «Vielleicht ist es naiv, von mir anzunehmen, dass es heute besser ist. Aber es erschüttert mich, dass die Gesellschaft über meinen Sohn urteilt, weil seine Haut etwas dunkler und die Haare etwas krauser sind. Ich hoffe wirklich, dass sich das ändert.»

*Namen von der Redaktion geändert.

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188 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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öpfeli
26.06.2022 20:32registriert April 2014
Was für eine traurige Welt. Manchmal erscheint es mlr so, dass der eine Teil toleranter und offener wird, dafür ein anderer Teil stetig engstirniger.
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Maya Eldorado
26.06.2022 20:38registriert Januar 2014
Ich kenne jemand aus einem 1000-Seelen Dorf im Oberbaselbiet. Dort hat eine einheimische junge Frau einen Mann mit dunkler Hautfarbe geheiratet. Die Kinder und gar die ganze Familie wurde ausgegrenzt. Sie verlegten dann den Wohnsitz nach Basel. Dort hatten sie dann kaum noch Probleme. Das gibt zu denken.
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R10
26.06.2022 20:40registriert Juli 2016
Das bricht mir das Herz. Wir sollten uns nichts schönreden, auch in der Schweiz ist Rassismus leider immer noch gang und gäbe. Ich verstehe einfach nicht, wie man einen anderen Menschen nur aufgrund der Herkunft oder der Hautfarbe ausgrenzen kann und will es auch gar nicht verstehen.
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