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Bundesrat Alain Berset beantwortet Fragen von Journalisten am Ende einer Medienkonferenz ueber die Situation des Coronavirus, am Montag, 24. Februar 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Bundesrat Alain Berset zu Beginn der Corona-Krise am 24. Februar 2020. Bild: KEYSTONE

Review

«Fax wird nicht mehr akzeptiert»: Das steht im neuen Buch zum Corona-Bundesrat Berset

Heute erscheint ein Buch über Gesundheitsminister Alain Berset. Wir haben die interessantesten Punkte zusammengetragen – darunter das Fax-Fiasko und die Frage rund um die Maskenpflicht – inklusive, ob sich das Buch lohnt.



Wie das Buch entstanden ist

«Wollen wir nicht einfach ein langes Interview mit Alain Berset führen, einer Schlüsselfigur dieses ausserordentlichen Ereignisses?» – diesen Vorschlag machte Felix E. Müller, ehemaliger Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Lakonisch schreibt er dazu in der Zeitung: «Wer Ideen äussert, muss mit den Folgen leben.»

Müller traf sich daraufhin fünf Mal mit dem Bundesrat im Zeitraum zwischen dem 20. August und 11. November 2020 in Bern. Es seien längere Interviews gewesen, bei denen Bersets Sprecher Peter Lauener mit dabei war. Aus dem Material entstand das vorliegende Buch. Wir haben es für euch gelesen und die spannendsten Antworten zusammengefasst.

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Buch «Wie ich die Krise erlebe – Bundesrat Alain Berset im Gespräch mit Felix E. Müller»

Bild: NZZ Libero

Berset ganz persönlich

Spannend sind die Seiten, auf denen Müller dem Bundesrat ganz persönliche Fragen stellt. Berset gibt zwar Persönliches nur mit grosser Zurückhaltung preis – dennoch gelingt es Müller, ein paar wenige Einblicke in Bersets Privatleben zu schaffen. So erzählt der Gesundheitsminister, wie sein Arbeitsalltag zu Beginn der Krise aussah.

Von Ende Februar bis Anfang April fuhr Berset nie nach Hause in den Kanton Fribourg, sondern wohnte ausschliesslich in Bern. Mit seiner Familie telefonierte er täglich. Politische Fragen habe er mit seiner Frau nie diskutiert, so der Gesundheitsminister.

«Aber mit meiner Frau diskutiere ich nicht politische Entscheide. Ich will sie nicht in die Mitverantwortung ziehen.»

Bundesrat Alain Berset

Berset erzählt auch vom Druck, den er während der Pandemie erlebte. Er spricht von Nächten, in denen er geweckt wurde, weil «etwas Wichtiges» vorgefallen war – und dass er sich zur Erholung einige nächtliche Spaziergänge gönnte. Eindrücklich ist seine Antwort zur generellen Arbeitsbelastung.

«Ich habe so viel gearbeitet wie noch nie zuvor. Als Bundesrat habe ich auch schon Perioden mit grosser Arbeitslast erlebt. Aber Corona ist in einer völlig anderen Dimension. Hätte man mir vorgängig gesagt, wie stark die Belastung sein würde, wäre meine Antwort gewesen: Das schafft man nicht.»

Das Führungschaos zu Beginn der Krise

Zu Beginn der Krise wurde der Gesamtbundesrat wegen seiner zögerlichen Haltung zu Schulschliessungen kritisiert. Berset sagt im Buch, dass es «Unstimmigkeiten» gegeben habe. Er selbst habe die Schulen offen lassen wollen – die Reaktionen aus dem Tessin bewogen ihn zu einer Meinungsänderung. Er spricht von einer «Korrektur» bzw. einem «Fehler».

«In einer Ausnahmesituation, in der alles ganz rasch gehen muss, lässt sich nie vermeiden, dass Entscheide korrigiert werden müssen oder ein Fehler passiert.»

Bundesrat Alain Berset

Auch die Maskenfrage kommt zu Wort. Berset widerspricht da der landläufigen Interpretation, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe wegen knapper Maskenanzahl auf eine Tragepflicht verzichtet. Es seien auch wissenschaftliche und praktische Gründe gewesen: «Eine Maskenpflicht anordnen, wenn die meisten Institutionen geschlossen sind, Schulen, öffentlicher Verkehr, Restaurants, Läden, Kino?», sagt Berset.

Die Diskussion rund um die Fax-Mitteilungen beim BAG wird ebenfalls retrospektiv diskutiert. Berset sagt, dass das Problem in der Schweiz «viel grundsätzlicher» sei. Er spricht von einem «atomisierten» Gesundheitssystem, das noch nach analogen Gewohnheiten funktionierte. Eine Folge der Corona-Krise sei nun, dass das «BAG künftig den Fax nicht mehr akzeptieren wird.»

«Es gibt viele Akteure, die sich gewohnt sind, zu funktionieren wie in der analogen Vergangenheit.»

Bundesrat Alain Berset

Berset und die Macht

Bundesrat Alain Berset äussert sich im Buch auch zu seiner politischen Überzeugung und seiner Vorstellung von Macht. So erzählt er, wie er zu Beginn der Corona-Pandemie von Westschweizer Politikerinnen und Politikern dazu gedrängt wurde, eine Ausgangssperre zu beschliessen. Berset sagt mehrmals, dass das seinen eigenen Prinzipien fundamental widerspreche.

«Ich gehöre nicht zu jenen, die einen möglichst schwachen Staat wollen. Ich lege aber sehr viel Wert auf Freiheit.»

Bundesrat Alain Berset

Seiner Ansicht nach sollten die Menschen so leben können, wie sie das möchten. Die Ausgangssperre lehnte er zwar ab, das Verbot von Grossveranstaltungen brachte er aber trotzdem contre coeur im Bundesrat ein. «Das war schwierig, aber notwendig», sagt Berset dazu.

Berset spricht auch über die Arbeit im Gesamtbundesrat – insbesondere auch über seinen Kollegen Ueli Maurer, der sich kritisch zu den Corona-Massnahmen äusserte. Rüffel oder Gegenkritik hört man dazu nicht. Stattdessen sagt der Interviewte: «Es braucht Meinungsvielfalt, um gute Entscheide zu finden. Das zwingt alle Bundesratsmitglieder dazu, ihre Argumente zu überprüfen. Ich bin froh darüber.» Geärgert hat ihn was anderes: Die Indiskretionen. Diese hätten sich ab Ostern verschlimmert.

«Ich bin lange genug in Bern tätig, um zu wissen, dass Indiskretionen leider im politischen Alltag vorkommen. Sie sind normalerweise einfach unangenehm. Doch in Corona-Zeiten war es zuweilen wirklich problematisch.»

Lohnt sich das Buch?

Die oben genannten Einblicke geben jeder politisch interessierten Person spannende Einblicke, wie ein Bundesrat während einer Pandemie denkt und fühlt. Berset funktioniert. Der Autor Felix E. Müller übertreibt deshalb nicht, wenn er über den Gesundheitsminister schreibt: «Krise kann er. Vermutlich solche jeder Art.»

Man vermisst einzig noch persönlichere Einblicke in Bersets Gemüt. Er erwähnt mehrmals, wie sehr die Krise ihm an die psychische Substanz ging – doch Berset funktionierte. Und wenn man funktionieren muss, dann bleibt kein Raum für Selbstzweifel und Ängste. Vor allem jetzt nicht, wo kurz vor Weihnachten sich die Pandemie wieder verschlimmert. Es stellt sich deshalb die Frage, ob Felix E. Müllers Buch über Bersets Pandemie-Erfahrung zu früh kommt.

Sicher ist, dass die fünf Interviews, aufgesplittet in zwölf Themengebiete, der Leserin und dem Leser einen institutionellen Erlebnisbericht eines Bundesrats geben. Die Antworten im Gespräch zwischen Berset und Müller geben Bürgerinnen, Politikern und Interessierten einen Einblick, wo die Fehler und Hürden in der Pandemiebekämpfung der vergangenen Monate waren. Es sind wichtige Erkenntnisse, wenn es um die nächsten Wochen und Monate geht, wo Corona weiterhin beschäftigen wird.

Das Buch «Wie ich die Krise erlebe» von Felix E. Müller erschien am 9. Dezember im Verlag NZZ Libro.

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