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Die Pendler kehren zurück und zwingen die SBB damit zum Umdenken – das sind die Pläne

Die Fahrten ins Blaue und jene ins Büro nehmen wieder zu. Das zwingt die SBB, beim Fahrplan angesetzte Sparabsichten rückgängig zu machen.
10.08.2022, 09:09
Florence Vuichard, Pascal Michel / ch media

Von wegen alle sitzen im Homeoffice. Viele sitzen wieder im Zug, Schulter an Schulter gedrängt, Laptop aufgeklappt, Stöpsel in den Ohren. Die Pendlerinnen und Pendler sind zurück. Im Intercity zwischen Bern und Zürich jedenfalls sind die freien Plätze rar, die Zeiten der pandemiebedingten, luxuriösen Platzverhältnisse definitiv vorbei.

Was Zugreisende vielleicht stresst, freut die SBB. Die Reiselust sei zurück, sagt SBB-Sprecherin Jeannine Egi. Dies zeige sich insbesondere im Freizeitverkehr, aber auch bei den Pendlerinnen und Pendlern. «Im Pendlerverkehr liegt die Nachfrage zwar nach wie vor unter Vor-Corona-Niveau, sie nimmt aber ebenfalls zu.» In der Statistik der zurückgelegten Personenkilometern nähern sich die Werte der Vor-Corona-Zeit an. So ist im Juni die Differenz zur Vergleichsperiode im 2019 auf gerade noch 6 Prozent geschrumpft.

Im Vergleich zum Juni 2021 hat die Zahl der auf dem Schienennetz zurückgelegter Personenkilometer gar um 50 Prozent zugenommen.

Bei Pendlerinnen und Pendlern wieder begehrt: Der Zug.
Bei Pendlerinnen und Pendlern wieder begehrt: Der Zug.Bild: keystone

Der Abbau des Abbaus: Die Züge nach Bern und Luzern bleiben

Die rasche Zunahme hat die SBB offensichtlich überrascht: Sie rechneten wohl nicht damit, sonst hätten sie keine Abbaupläne beim Pendlerverkehr beschlossen. Konkret wollte das Bahnunternehmen die Entlastungszüge während der Hauptverkehrszeit zwischen Zürich und Bern sowie zwischen Zürich und Luzern streichen: «aufgrund der tieferen Nachfrage im Pendlerverkehr», wie die SBB Mitte Mai bekanntgaben. Betroffen waren folgende Verbindungen:

  • Bern–Zürich: Abfahrt in Bern um 07.10 Uhr und 16.10 Uhr.
  • Zürich–Bern: Abfahrt in Zürich um 06.49 Uhr.
  • Luzern–Zürich: Abfahrt in Luzern um 06.20 Uhr.
  • Zürich–Luzern: Abfahrt in Zürich um 16.39 Uhr.

Nun streicht das Bahnunternehmen die geplante Streichung wieder: «Die SBB hat angesichts der zunehmenden Nachfrage entschieden, dass die Zusatzzüge während der Hauptverkehrszeit auch im nächsten Jahr verkehren sollen», sagt Sprecherin Egi. Weitere Angaben zum Fahrplan wollen die SBB derzeit noch keine machen. Über den definitiven Fahrplan 2023 werde Ende November informiert.

Direktverbindung als Argument gegen das Auto

Die Rückkehr der Berufsleute freut die Bahn, sie will sich aber nicht mehr allein auf sie verlassen. Sie möchte vor allem ihr Geschäft mit dem Freizeitverkehr ausbauen, im Winter wie im Sommer. Skifahrerinnen und Wanderfreunde sollen vermehrt mit dem Zug in die Berge fahren, statt mit dem Auto. Denn hier gibt es für die SBB Ausbaupotenzial: Während zu Arbeitszwecken rund 30 Prozent der Wege mit Bahn, Bus und Tram zurückgelegt werden, sind es in der Freizeit kümmerliche 13 Prozent.

SBB-Chef Vincent Ducrot formuliert es gegenüber «10vor10» so: «Wir müssen einen ‹Switch› machen», einen Wandel, von einer «reinen Pendlerbahn» zu einer «gemischten Bahn mit viel mehr Freizeitangeboten». Im Vordergrund stehen hier vor allem neue, teilweise auch saisonale Direktverbindungen. Denn je mehr Ausflügler umsteigen müssen, desto eher wählen sie das Auto. Oder wie ein Papier des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV) festhält, bedeutet ein zusätzlicher Umsteigevorgang einen Kundenverlust von bis zu 20 Prozent.

Bild: Stefan Trachsel / Daten: SBB

Verschiedene Abos im Test

Anlocken will die Branche ihre neuen Kundinnen und Kunden mit günstigen Ausflugstickets und Kombiangeboten. Das Tarifwerk soll grundsätzlich etwas flexibler ausgestalten werden, weshalb derzeit verschiedenste, neue Abos getestet werden. Dazu gehört eine Art Generalabonnement für Pendler, die nur noch zwei oder drei Tage ins Büro fahren und sonst vom Homeoffice aus arbeiten.

Daneben experimentiert die Branche mit weiteren Modellen: etwa dem sogenannten «ÖV-Guthaben» oder dem «Preis-Capping». Beim ÖV-Guthaben können Pendlerinnen und Pendler mit der SBB-Easyride-App Billette im Wert von insgesamt 3000 Franken zum Preis von 2000 Franken beziehen. Ein allfälliger Restbetrag, sollte die 2000-Franken-Limite nicht erreicht worden sein, wird nach Ablauf der Abodauer rückerstattet. Bei der Capping-Variante werden unterschiedliche regionale Modelle getestet. Grundsätzlich steht dahinter die Idee, dass der Preis bei einem bestimmten Betrag gedeckelt wird und alle weiteren Fahrten danach kostenlos sind.

Während einige dieser Tests noch bis ins nächste Jahr hinein andauern, will die Alliance Swisspass beim Homeoffice-GA bis Ende Jahr entscheiden, ob und wie dieses Angebot weitergeführt wird.

Premiere nach 7 Jahren

Bereits entschieden haben die Alliance Swisspass und die darin vereinten 18 Tarif- und Verkehrsverbünde, dass die Tarife für 2023 nicht angehoben werden sollen. Das haben sie am 8. April dieses Jahres bekannt gegeben. Doch gut möglich, dass die Preise 2024 angehoben werden. Das jedenfalls tönt Ducrot im besagten «10vor10»-Beitrag an: Das sei «abhängig von der Höhe der Teuerung», sagte er. Auch VöV-Direktor Ueli Stückelberger will sich auf Anfrage nicht festlegen. Bei stark steigenden Kosten müssten letztlich auch die Preise angepasst werden. Die Frage will er aber nicht abschliessend beantworten, «es ist offen», sagt Stückelberger.

Sollten die Tarife 2024 tatsächlich angehoben werden, dann wäre es das erste Mal seit vielen Jahren. Denn SBB und Co. haben 2017 zum letzten Mal die Tarife angehoben.

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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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rephil
10.08.2022 13:04registriert August 2021
Bitte hört auf mit den Aktionen und massenweisen unterschiedlichen Abos / Preismodellen. Unterm Strich macht eine Aktion die Billete für alle anderen teurer. Und bei diesen diversen Angeboten muss man zuerst eine Studie durchführen, bis man weiss, wie man am günstigsten von A nach B kommt. Dann lässt man es aus Frust unter Umständen gleich ganz bleiben.
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