Die meistgenutzten Zugstrecken der Schweiz – und welchen Einfluss Corona bis heute hat
Würde man vor dem Bahnhof Effretikon ZH neben die Bahnstrecke sitzen und für jeden Passagier, der in einem durchfahrenden Zug sitzt, einen Strich machen, müsste man öfter als jede Sekunde zum Stift greifen. Insgesamt wurden am Querschnitt auf der Bahnstrecke Zürich–Winterthur vergangenes Jahr 108'000 Reisende pro Tag gezählt – so viele wie nie. Das zeigen neue Daten der SBB, die CH Media analysiert hat.
Die Bahn wertet seit Jahren die Passagierfrequenzen an verschiedenen Stellen auf ihrem Netz aus. Diese Daten erlauben Antworten auf die Frage, auf welchen Strecken sich die Nachfrage besonders stark entwickelt und wo sie stagniert.
Im vergangenen Jahr schaffte es mit der Messstelle Heitersberg auf der Strecke Zürich–Aarau nicht nur eine weitere, die 100'000er-Marke zu knacken. Es ereignete sich auch eine zweite Premiere. Erstmals seit Jahren zählten die SBB auf der Gotthard-Achse mit 17'800 mehr Passagiere pro Tag als am Lötschberg. Auf beiden Achsen wurden die Zahlen der Reisenden auf der alten Bergstrecke und auf den Strecken durch die neuen Basistunnel addiert.
Dass die Gotthard-Achse die Lötschberg-Achse überholen würde, zeichnete sich nach der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels Ende 2016 und des Ceneri-Basistunnels Ende 2020 ab. Dank der beiden Bauwerke verringerte sich die Fahrzeit aus der Deutschschweiz ins Tessin und nach Italien markant. Das Angebot wurde ausgebaut auf einen Halbstundentakt, neue Direktverbindungen etwa nach Genua, Venedig oder Bologna kamen hinzu.
Nachdem die Zahl der Passagiere auf der Gotthard-Achse zuvor sogar leicht rückläufig gewesen war, resultierte zwischen 2016 und 2025 beinahe eine Verdopplung. Mit Ausnahme der Corona-Jahre – die bei allen Messstellen für einen Einbruch sorgten – verzeichnen die SBB Jahr für Jahr stark steigende Zahlen.
Am Lötschberg hatte die Eröffnung des Basistunnels Ende 2007 zwar einen ähnlichen Effekt. Acht Jahre nach Eröffnung hatten sich dort die Passagierzahlen ebenfalls verdoppelt. Doch seither ist das Wachstum abgeflacht.
In den nächsten Jahren dürfte das so weitergehen. Nach der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels habe es dort wegen einer Zunahme der Pendelnden aus dem Oberwallis und mehr touristischem und internationalem Verkehr ein starkes Wachstum gegeben, heisst es bei den SBB. Doch 21 Jahre nach Eröffnung «dürfte dies zu einem guten Teil gesättigt sein» – anders als auf der Gotthard-Achse, deren Ausbau noch vergleichsweise jung ist.
Zudem wurde das Angebot an internationalen Zügen durch den Simplon-Tunnel – also die Verlängerung der Lötschberg-Strecke in Richtung Italien – in den vergangenen Jahren wegen Bauarbeiten verkleinert, die Passagierzahlen gingen zurück. Eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht, da die Arbeiten auf der italienischen Seite noch andauern.
In absoluten Zahlen nahmen die Passagierzahlen allerdings nicht auf den Nord-Süd-Achsen, sondern im Mittelland am stärksten zu. An den Querschnitten Effretikon und Heitersberg stieg zwischen 1998 und 2025 die durchschnittliche Zahl der Reisenden pro Tag um über 58'000. Danach folgt die Messstelle Mattstetten BE mit einer Zunahme von knapp 43'000 Reisenden.
Das liegt etwa am Bevölkerungswachstum, am Angebotsausbau und an der Inbetriebnahme der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist (NBS) im Jahr 2004. Diese verkürzte die Reisezeiten zwischen Olten und Bern massiv. Damit wurde auch das Pendeln etwa zwischen Zürich und Bern attraktiver.
Nur ein Bahnhof verliert Ein- und Aussteigende
Relativ wurde in dieser Periode das stärkste Wachstum an den Messstellen Melide und Ceneri TI sowie in Zofingen AG registriert. Letzteres hängt ebenfalls zusammen mit der NBS. Laut den SBB verkürzten sich die Fahrzeiten in Richtung Bern dadurch von keinem anderen Bahnhof stärker als von Zofingen.
Seit der Coronakrise zeigt sich in den Daten noch ein zweiter Effekt: die Verlagerung hin vom Pendler- zum Freizeitverkehr. Bei Mattstetten wurden im vergangenen Jahr 82'500 Reisende pro Jahr gezählt, über 10 Prozent weniger als 2019. An diesem Querschnitt machen Pendlerinnen und Pendler einen grossen Teil der Nachfrage aus. Seit der Coronakrise arbeiten diese öfter im Homeoffice und weniger oft im Büro. Deshalb sind sie auch weniger auf klassischen Pendlerstrecken im Zug unterwegs.
Ein weiteres Indiz dafür ist die Entwicklung der Zahl der Ein- und Aussteigenden an den grössten Bahnhöfen. An stark vom Pendlerverkehr geprägten Bahnhöfen wie Zürich HB, Basel SBB oder Biel stiegen diese vergleichsweise schwach. Bern zählte 2025 als einziger grösserer Bahnhof sogar weniger Ein- und Aussteiger als 2018, was neben grösseren Bauarbeiten auch mit diesen Pendler-Trends zu tun hat.
Anders sieht es im Freizeitverkehr aus. Beim Querschnitt Weesen SG auf der Strecke Zürich–Chur nahm die Zahl der Reisenden seit 2019 beispielsweise um über 40 Prozent zu. Dort sind Menschen, die etwa in Graubünden Skifahren oder Wandern, ein wichtiger Teil der Nachfrage.
«Die Nachfrage im Freizeit- und Fernverkehr wächst seit der Pandemie deutlich stärker als der klassische Pendlerverkehr», sagt SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg. Entsprechend lege die Bahn bei der Weiterentwicklung des Angebots einen grossen Fokus auf den Freizeitverkehr.
In den vergangenen Jahren führten die SBB etwa neue Direktverbindungen am Wochenende von Genf und Bern nach Chur, von Zürich nach Brig und Domodossola oder von Zürich nach Einsiedeln ein. In Zukunft dürften weitere solche Züge lanciert werden. Grundsätzlich seien neue Angebote ein wichtiger Treiber für die Zahl der Reisenden, sagt Schellenberg. Wo Geld investiert wird, so die Erkenntnis, folgen auch die Reisenden.

