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Meinungsverschiedenheiten sind in Beziehungen kaum zu vermeiden. Diese mit Gewalt zu lösen, ist für eine grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer aber ein absolutes No-Go.
Meinungsverschiedenheiten sind in Beziehungen kaum zu vermeiden. Diese mit Gewalt zu lösen, ist für eine grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer aber ein absolutes No-Go.bild: shutterstock

Das ist für Schweizerinnen und Schweizer der Trennungsgrund Nummer 1

Eine neue Studie zum Thema Gewalt in Partnerschaften zeigt, wie viele Personen in Beziehungen schon gewalttätig wurden. Und was für Schweizerinnen und Schweizer beim Streiten noch in Ordnung ist und was nicht. Die 9 spannendsten Punkte dazu.
09.11.2021, 09:5809.11.2021, 12:40
helene obrist

Wer schon in einer Beziehung gewalttätig wurde

Bei Statistiken zu häuslicher Gewalt ging es bislang primär um die Opfer. Die jüngste Untersuchung zum Thema fragte die Studienteilnehmenden aber auch, ob sie in Paarbeziehungen selbst schon gewalttätig wurden.

15 Prozent der Befragten bejahten dies. Was genau mit Gewalt antun gemeint ist, wurde nicht genauer definiert. Was für ein grosser Teil der Befragten aber einer Grenzüberschreitung in einer Beziehung ist, lest ihr bei weiter unten.

Ein Fünftel der 26- bis 45-Jährigen gab an, mindestens einmal Gewalt ausgeübt zu haben. Bei den jüngeren und älteren Personen sind es deutlich weniger. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch beim Einkommen: 18 Prozent der Personen, die weniger als 4000 Franken im Monat verdienen, gaben an, gewalttätig geworden zu sein. Bei den Personen, die mehr als 10'000 Franken im Monat verdienen, waren es 11 Prozent.

Wer schon Gewalt in einer Beziehung erlebt hat

Die von der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein in Auftrag gegebene repräsentative Studie zeigt: Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hat Gewalt in einer Partnerschaft erlebt.

42 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer in der Schweiz haben schon Gewalt in einer Beziehung erlebt.

Frauen erleben signifikant mehr Gewalt in Paarbeziehungen als Männer. So gaben 42 Prozent der weiblichen Befragten an, dass sie in Beziehungen Gewalt erfahren haben. Bei den Männern sind es 24 Prozent.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind am deutlichsten. Doch auch in den Alters- und Einkommensklassen stellten die Studienautorinnen signifikante Unterschiede fest. Jüngere Personen unter 25 sind deutlich weniger von Gewalt betroffen. Am meisten Gewalt erfahren haben die 26- bis 45-Jährigen. Fast die Hälfte der Frauen in dieser Altersgruppe gab an, bereits mindestens einmal Gewalt in einer Partnerschaft erfahren zu haben.

Auch Personen mit einem Einkommen unter 4000 Franken gaben an, häufiger Gewalterfahrungen in Partnerschaften gemacht zu haben.

Hilfe für gewaltbetroffene Personen
Im Notfall direkt bei der Polizei melden: Telefonnummer 117

In allen Kantonen gibt es zudem Beratungsstellen, die Opfer von häuslicher Gewalt weiterhelfen. Alle Angebote findest du hier.

Zuflucht für volljährige Frauen und deren Kinder, die von körperlicher, psychischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen sind, gibt es in diversen Frauenhäusern in der Schweiz. Weitere Informationen findest du hier.

Zuflucht für Männer, die von psychischer oder physischer Gewalt betroffen sind, gibt es in den Einrichtungen von Zwüschehalt. Weitere Informationen findest du hier.

Im Schlupfhuus finden Kinder und Jugendliche Zuflucht und Ansprechpersonen. Weitere Informationen findest du hier.

Zuflucht für minderjährige Mädchen gibt es im Mädchenhaus. Weitere Informationen findest du hier.

Die Dargebotene Hand bietet Gespräche und anonyme Beratungen rund um die Uhr an. 📱142 / www.143.ch

Für Jugendliche gibt es das gleiche Angebot von Pro Juventute. 📱147 / www.147.ch

Die LGBT+-Helpline bietet Hilfe und Unterstützung für queere Menschen. 📱0800 133 133 / www.lgbt-helpline.ch

Der wichtigste Grund zum Schluss machen

Die Befragten mussten sich auch darüber Gedanken machen, aus welchen Gründen sie eine Beziehung beenden würden. Für drei Viertel der Befragten wäre Gewalt in der Beziehung Trennungsgrund Nummer eins. Auf Platz zwei folgte mit 55 Prozent Kontrolle und Misstrauen, Platz drei besetzte die sexuelle Untreue (48%). Das Schlusslicht der Liste bildet der unerfüllte Kinderwunsch (8%).

Gewalt in der Beziehung wurde mit 75 Prozent als häufigster Grund für eine Trennung genannt. grafik: watson, daten: sotomo/dao
Zur Studie
Die Studie, die von der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO) in Auftrag gegeben wurde, ist der erste Teil einer Untersuchung zum Thema Gewalt in Paarbeziehungen im Kontext von häuslicher Gewalt. Im Rahmen der Studie wurden 3'500 Personen aller Altersklassen befragt. Bis im Sommer 2022 werden weitere Studien zum Thema publiziert.

Was es für eine gute Beziehung braucht

Neben den Gründen, eine Beziehung zu beenden, fragten die Studienautoren auch, was es für eine glückliche Beziehung braucht.

80 Prozent der Befragten gaben an, dass gegenseitiger Respekt unabdingbar sind. Ebenso das Vertrauen in den Partner oder die Partnerin (57%) und Freiraum und genügend Zeit für sich selbst (26%).

80 Prozent der Befragten gaben an, dass gegenseitiger Respekt enorm wichtig ist.

Was beim Streiten nicht passieren darf

Dass man in Beziehungen Streit und Auseinandersetzungen hat, liegt auf der Hand. Wie man diese aber austrägt und was noch akzeptabel ist, da gehen die Meinungen auseinander. In der Studie mussten die Befragten deshalb angeben, welche Verhaltensweisen sie im Streitfall noch in Ordnung finden und welche nicht.

Dass man sich ab und zu laut anschreit, fanden 43 Prozent der Befragten kein Problem. 34 Prozent fanden auch, dass Türen zuknallen oder die Eigenschaften der anderen Person zu kritisieren (31%) noch zum Streiten dazu gehört.

Danach nimmt die Akzeptanz aber rasant ab. Nur für acht Prozent der Studienteilnehmenden ist es noch in Ordnung, wenn mal ein Teller in die Brüche geht. Vier Prozent finden Schläge oder Waffengewalt androhen akzeptabel.

Männer und Frauen haben die Verhaltensweisen praktisch gleich beurteilt. Zudem muss angemerkt werden, dass mehr als die Hälfte der Studienteilnehmenden alle der aufgelisteten Verhaltensweisen gar nicht in Ordnung finden.

Warum Männer gewalttätig sind

In der Umfrage wurden die Studienteilnehmenden auch gefragt, ob Menschen, die Gewalt ausüben, gewisse Merkmale haben.

Vier der fünf Befragten waren der Ansicht, dass Männer vor allem gewalttätig werden, wenn sie zu viel Alkohol trinken. An zweiter Stelle, mit 68 Prozent, stand die Aussage, dass Männer eher Gewalt ausüben, wenn sie als Kind selbst Gewalt erfahren haben. Allerdings fanden die Studienautorinnen bei genauerem Hinschauen heraus, dass deutlich mehr Frauen als Männer dieser Ansicht sind (siehe zweite Grafik in der Slideshow).

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Gewaltbereite Männer
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64 Prozent der weiblichen Befragten glauben zudem, dass Männer, die ihre Gewaltfantasien nicht im Griff haben, eher gewalttätig sind. Bei den Männern sehen das nur 57 Prozent so.

Zudem denken mehr Frauen (57%) als Männer (44%), dass ein niedriges Selbstwertgefühl zu Gewalt führt. Dagegen glauben viel mehr Männer (29%) als Frauen (13%), dass eine nicht-christliche Religion zu einem gewalttätigeren Verhalten führt.

Warum Frauen gewalttätig sind

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei der Frage, was dazu führt, dass Frauen gewalttätig werden. Wie bei den Männern belegt der Faktor Alkohol mit 74 Prozent den ersten Platz. Danach folgt aber das Thema Eifersucht. Mehr als jeder sechste der Studienteilnehmenden ist der Meinung, dass Täterinnen sehr eifersüchtig sein müssen.

Wie bei der männlichen Täterschaft zeigen sich auch Wahrnehmungsunterschiede je nach Geschlecht. So glauben sieben von zehn befragten Frauen, dass Täterinnen in ihrer Kindheit Gewalt erfahren mussten, bei den Männern denkt das nur die Hälfte (siehe zweite Grafik in der Slideshow).

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Gewaltbereite Frauen
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Weibliche Stereotypen

In einigen weiteren Aussagen mussten die Befragten auch ihre Haltung gegenüber Geschlechterstereotypen und Rollenbilder darlegen. Fast sechzig Prozent der Studienteilnehmer stimmen der Aussage (eher) zu, dass Frauen solidarischer und empathischer sind als Männer.

Ein Drittel der Befragten findet zudem, dass die berufliche Karriere Männern wichtiger ist als Frauen und dass Frauen besser den Haushalt schmeissen und sich um die Kinder kümmern.

Schaut man sich die Antworten nach Alter an, zeigt sich ein deutlicher Trend: In der Tendenz stimmen ältere Studienteilnehmende den Aussagen eher zu als jüngere (siehe zweite Grafik in Slideshow). So finden zum Beispiel 55 Prozent der über 65-Jährigen, dass Frauen besser haushalten und Kinder erziehen können als Männer.

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Stereotypen Frauen
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Männliche Stereotypen

Auch Männer sind mit vielen Stereotypen behaftet. So finden jeder zweite Mann und jede fünfte Frau, dass ein Mann bereit sein sollte, seine Familie mit Gewalt zu verteidigen.

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Stereotypen Männer
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Ältere Befragte sind zudem viel deutlicher der Meinung, dass Kinder leiden, wenn ihre Mutter viel arbeitet. 39 Prozent der befragten Männer finden zudem, dass ein Mann manchmal auch Härte zeigen muss. Bei den befragten Frauen waren nur 16 Prozent dieser Ansicht.

Fazit

Die Studienergebnisse sowie die hohe Anzahl begangener Femizide in den letzten Wochen zeichnen laut Medienmitteilung der Dachorganisation der Frauenhäuser (DAO) ein gravierendes Bild. Die Femizide seien angesichts der vielen Frauen, die gemäss Studie bereits partnerschaftliche Gewalt erlebt haben, offenbar nur die Spitze des Eisbergs.

Für viele gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder sind darum laut Mitteilung Frauenhäuser eine wichtige Anlaufstelle und stellen eine Chance dar, um die Gewaltspirale verlassen zu können. Die Flucht in ein Frauenhaus markiert laut der Studie einen mutigen Schritt im Leben der Frauen.

Die Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein startet eine gross angelegte Kampagne, um für das Thema häusliche Gewalt in der Schweiz zu sensibilisieren.
Die Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein startet eine gross angelegte Kampagne, um für das Thema häusliche Gewalt in der Schweiz zu sensibilisieren. bild: dao/zvg

In der Studie haben über 90 Prozent der Befragten angegeben, dass es sinnvoll sei, wenn die öffentliche Hand mehr für Kampagnen gegen häusliche Gewalt ausgibt. In einer eigenen Kampagne zeigt die Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein anhand von echten Gegenständen von vier Frauen, was diese bei sich hatten, als sie Zuflucht im Frauenhaus fanden.

Mit der Unterzeichnung der Istanbul-Konvention hat sich die Schweiz 2018 dazu verpflichtet, umfassende Massnahmen gegen geschlechtsspezifische und häusliche Gewalt zu ergreifen.

Mit Material der sda

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Vergewaltigt, ausgeraubt, verdrängt. Die Folge: Eine Anpassungsstörung.

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