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Wer im Fussball wirklich viel Kohle macht (es sind NICHT nur die Spieler)

Geld regiert die Welt. Für den schnellen finanziellen Gewinn blendet so mancher junge Fussballer Logik und Verstand aus. Die treibenden Kräfte sind oft die Strippenzieher auf dem Fussball-Basar: die Spielervermittler.

Thomas Renggli / schweiz am wochenende



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Er gehört zu den grössten Hoffnungen im Schweizer Fussball. Kenner bezeichnen den albanisch-schweizerischen Doppelbürger Albian Ajeti als grösstes Talent neben Breel Embolo. Mit Embolo verbinden Ajeti das Alter (20), die Position (Stürmer), der Name seines Beraters (Erdin Shaqiri) – und der frühe Transfer ins Ausland.

Der St. Galler Albian Ajeti in Aktion im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und dem FC St. Gallen, im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Samstag, 10. Dezember 2016. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Die Nachwuchshoffnung Albian Ajeti. Bild: KEYSTONE

Mit 18 verliess er im Januar 2016 den FC Basel und schloss sich für eine kolportierte Ablösesumme von einer Million Euro dem Bundesligisten Augsburg an. Ajetis Traum vom schnellen Durchbruch dauerte 40 Minuten. So lange spielte er in der Bundesliga – bevor er sich im vergangenen Sommer leihweise dem FC St. Gallen anschloss.

Vor wenigen Tagen übernahmen die Ostschweizer den jungen Stürmer definitiv. Der «Blick» schrieb von einem «Transfer-Coup». Wieder floss eine Million – diesmal von St. Gallen nach Augsburg.

Die Verlockung des Geldes

Ajeti liefert ein Fallbeispiel für die Zustände auf dem Fussball-Basar. Die Verlockung auf das schnelle Geld zählt oft mehr als die vernünftige Karriereplanung.

«Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man im Fussball mit kleinem IQ sehr viel Geld verdienen kann.»

Ein erfahrener Trainer und Manager aus Zürich, der anonym bleiben möchte.

Dabei gäbe es genügend junge Fussballer, die sich mit einem verfrühten Auslandtransfer in die Sackgasse manövrierten – und letztlich froh sein mussten, zu Hause oder in einer unteren ausländischen Liga nochmals einen neuen Anlauf nehmen zu können: Johan Vonlanthen, Davide Chiumiento, Sandro Burki, Jonas Elmer, Martin Angha, Benjamin Siegrist.

Die Liste liesse sich fast beliebig verlängern. Gerade bei Talenten mit Migrationshintergrund sind oft die Eltern der Auslöser: Sie sehen die Aussichten auf einen grossen Lohn und hoffen, dass der Sohn die Familie ernähren kann. Als «Brandbeschleuniger» treten dann die Spielvermittler auf den Plan.

Erkundigt man sich nach ihren Geschäftspraktiken, dämpfen selbst sonst mitteilsame Sportfreunde die Stimme, werden wortkarg und legen Wert darauf, nicht mit Namen zitiert zu werden.

«Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man im Fussball mit kleinem IQ sehr viel Geld verdienen kann», sagt ein erfahrener Trainer und Manager aus Zürich. Oft genüge es, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein – und mit der nötigen Forschheit aufzutreten.

Denn im Beratermilieu braucht es weder einen Grundschulabschluss noch einen Leistungsausweis, um mitzumischen. Und es gibt auch keine Zugangskriterien. Es ist, als hätte das Strassenverkehrsamt die Fahrprüfung abgeschafft und würde jedem Neulenker den Ausweis mit einem Kanister Benzin als Motivationsspritze und der Aufforderung «gib Vollgas» überreichen.

Die Fifa hat die Bemühungen um eine Regulierung und Reglementierung des Agentengeschäfts aufgegeben. Auch die Fachprüfung des Schweizerischen Fussballverbands für Vermittler wurde 2015 abgeschafft. «Das war ein Fehler. Es unterwandert die Glaubwürdigkeit der ganzen Szene», sagt der Zürcher Christoph Graf, Inhaber der Beraterfirma Graf Sports International.

Die vom früheren Profi und heutigen Vermittler Wolfgang Vöge präsidierte Swiss Football Agents Association will das Vakuum überbrücken. Doch letztlich steht auch sie im rechtlich luftleeren Raum. «Die Mitgliedschaft bei uns ist keine Bedingung, um als Agent tätig zu sein», so Graf.

Das Bruder-Modell

Wie Vöge gilt der frühere Sportjournalist Graf als seriöser Vertreter der Branche. Selbst wenn es auch ihnen letztlich um die Gewinn- und Gehaltssteigerung ihrer Klientel geht, treten sie zurückhaltend und diskret auf. Der ehemalige FCZ-Sportchef Marco Bernet spricht von «menschlich orientierten Beratern».

130 Millionen Franken...

...wurden allein im August 2016 von den europäischen Vereinen an Spielervermittler bezahlt. Die Summe ist bekannt, weil die Klubs die Zahlungen an Agenten der Fifa deklariert haben.

Doch im kaum überschaubaren Geschäft ist die Durchlauffrequenz grösser als an der Zürcher Bahnhofstrasse während der Adventszeit. Selbst als die Fifa und die nationalen Verbände das Geschäft mit einem Lizenzierungsverfahren zu regulieren versuchten, genügte die Blutsverwandtschaft mit einem Spieler, um auf dem Transfermarkt mitzudribbeln.

So wird der begabteste Schweizer Fussballer – der Basler Xherdan Shaqiri (25) – (wie Embolo und Ajeti) von seinem älteren Bruder Erdin betreut. Letzterer sortierte früher bei einem Grossverteiler die Regale und scheiterte beim Versuch, selbst Fussballprofi zu werden.

Im Windschatten von Xherdan trat er doch noch auf die grosse Bühne – mit beschränkter sportlicher Gewinnoptimierung. Bayern München, Inter Mailand, Stoke City: Die Stationen von Xherdan Shaqiris Auslandlaufbahn lassen erahnen, dass ein «Berater» selbst das grösste Talent in die falsche Richtung lenken kann.

Erdin Shaqiri und sein Vater

Erdin Shaqiri und sein Vater. bild: twitter

Das sei das typische Muster, sagt ein Insider: erfolgreicher Bruder, erfolgloser Bruder – die Mischung führe langfristig fast immer ins Abseits. Doch das Geschäft lohnt sich trotzdem. «Eine externe Person kann bei Lohnverhandlungen und bei der Marktsondierung viel offensiver auftreten als der Direktbeteiligte – das ist aber nicht nur im Sport so», erklärt Christoph Graf.

Dabei gibt es zwei Finanzierungsmodelle. Der Agent lässt sich seine Dienste bei Vertragsabschluss entweder durch eine Beteiligung am Spielerlohn (rund drei bis fünf Prozent) oder eine einmalige Bonuszahlung vom Klub honorieren. Bei einem (Schweizer) Nationalspieler bewegt sich diese im sechsstelligen Bereich.

Marco Bernet bezeichnet den Schweizer Spitzenfussball als «Geldvernichtungsmaschine» und die Vermittler als «Preistreiber». Allein im August 2016 deklarierten die europäischen Vereine gegenüber der Fifa Zahlungen von 130 Millionen Franken an Agenten. Im Fall von Ajeti wurde gleich zweimal bezahlt – von Augsburg und St. Gallen. Die Rechnung hat der Spieler zu begleichen – vor allem sportlich.

Eishockey: Die fetten Jahre sind für die Spielerberater vorbei

Im Schweizer Eishockey liess sich bis im letzten Sommer als Spielerberater viel und gutes Geld verdienen. Die Klubs entrichteten zwischen vier und sieben Prozent der Lohnsumme der Spieler an die Agenten, welche bei Jahressalären von teilweise über einer halben Million Franken ein sehr gutes Geschäft machten.

Vor der Saison 2016/17 schoben die 22 Nationalliga-Klubs dem für sie teuren Treiben aber einen Riegel und beschlossen an einer Liga-Versammlung, dass die Spieler die Provisionen ihrer Agenten in Zukunft aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. Dieser Entschluss kam in der Agentenszene selbstredend nicht gut an. Man fürchtet – nicht zu Unrecht –, dass die Existenzgrundlage wegbricht.

Angesichts der neuen Ausgangslage dürften sich viele Spieler gut überlegen, ob sie noch auf einen Berater angewiesen sind. In Beraterkreisen wird gerne darauf hingewiesen, dass die Spieler für die Provision, die sie abgeben müssen, ja mehr erhalten als nur einen möglichst hohen Lohn, sondern auf Wunsch auch eine Finanzberatung und Karriereplanung. (KU)

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