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Gigaliner: Schweiz beunruhigt wegen EU-Plänen für Monster-LkW

Ein Eurokombi der Speditionsfirma Meyer & Meyer, auch Gigaliner genannt, faehrt am Dienstag, 20. Maerz 2007, ueber die Autobahn 61 bei Moenchengladbach. Die Zulassung von 25 Meter langen und bis z ...
Ein Gigaliner auf einer deutschen Autobahn bei Mönchengladbach.Bild: AP

EU-Pläne für Mega-Brummis sorgen für Unruhe in der Schweiz

Die EU-Kommission will den grenzüberschreitenden Einsatz von 60 Tonnen schweren Gigalinern erleichtern. Die Alpeninitiative befürchtet, dass die Schweiz nachziehen muss.
18.07.2023, 06:05
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Im Verhältnis zwischen der Schweiz und der Europäischen Union läuft es nicht optimal, um es freundlich zu formulieren. Und nun könnte sich eine weitere «Kampfzone» eröffnen. Die EU-Kommission präsentierte letzte Woche einen Gesetzesentwurf, mit dem sie den grenzüberschreitenden Einsatz von überlangen Lastwagen oder Gigalinern erleichtern will.

Die Mega-Brummis sind 25,25 Meter lang und 60 Tonnen schwer. Mit ihren Plänen sorgt die EU-Kommission auch in der Schweiz für Unruhe. Denn heute sind maximal 18,75 Meter lange und 40 Tonnen schwere Lastwagen auf den hiesigen Strassen zugelassen. Die Alpeninitiative befürchtet, dass die EU eine Öffnung der Grenzen für Gigaliner fordern wird.

A mobile crane is used to unload containers from trucks onto the railway at the transhipment terminal of Swiss Federal Railways Cargo in Dietikon, Switzerland, on June 21, 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally ...
Containerverlad im SBB-Terminal Dietikon (ZH): Die Alpeninitiative befürchtet Nachteile für die Bahn.Bild: KEYSTONE

«Gigaliner bremsen ganz klar das Erfolgsmodell der Schweizer Verlagerungspolitik aus», hält Geschäftsleiter Django Betschart gegenüber watson fest. Denn mit den überlangen Lastwagen werde der Preisdruck zunehmen: «Je billiger die Tonne auf der Strasse wird, desto schwieriger ist es für die Bahn, in diesem unfairen Konkurrenzkampf mitzuhalten.»

«Grünerer Güterverkehr»

Neu sind die EU-Pläne nicht. Die Brüsseler Kommission nahm vor zehn Jahren einen ersten Anlauf, scheiterte aber am Widerstand des EU-Parlaments. Jetzt versucht sie es mit ökologischen Argumenten. Gigaliner ermöglichten einen «grüneren Güterverkehr», weil die gleiche Menge an Waren mit weniger Fahrten transportiert werden könnte.

In absehbarer Zeit sollen in der EU nur noch Null-Emissions-Lastwagen verkehren, lautet ein weiteres Argument für die Mega-Brummis. Auch der Mangel an Lastwagenfahrern wird ins Spiel gebracht. Django Betschart hält wenig davon: Der wahre Beitrag zur CO2-Reduktion sei die Verlagerung auf die Schiene, die «hier und heute elektrisch betrieben ist».

Salamitaktik aus Deutschland?

Wie gross aber sind die Chancen beim erneuten Anlauf? In einigen EU-Regionen gehören die Gigaliner schon länger zum Strassenbild, vor allem in Finnland und Schweden, zwei flächenmässig grosse und dünn besiedelte Länder. Anderswo sind sie versuchsweise im Einsatz. In Deutschland etwa dürfen sie auf einigen ausgewählten Strecken verkehren.

epa10630886 Leonore Gewessler, Federal Minister for Climate Action, Environment, Energy, Mobility, Innovation and Technology of Austria, arrives for the 'Austrian World Summit' at the Hofbur ...
Österreichs grüne Verkehrsministerin Leonore Gewessler will gegen Gigaliner kämpfen.Bild: keystone

Allerdings wurde das Netz ständig ausgeweitet. Heute ist es gemäss der NZZ problemlos möglich, mit einem Gigaliner von der dänischen bis zur Schweizer Grenze zu fahren. Das sorgt bei der Alpeninitiative zusätzlich für Alarmstimmung. Man befürchtet eine Art Salamitaktik, denn Deutschland als grösstes EU-Land verfügt über entsprechendes Gewicht.

Österreich als «wichtiger Partner»

Allerdings gibt es nach wie vor Widerstand gegen einen grenzüberschreitenden Einsatz in der gesamten Union. Vor allem Österreich, durch das Europas meistbefahrene Alpentransitstrasse über den Brenner nach Italien führt, will gegen die Monster-LKWs kämpfen, wie die grüne Klimaschutz- und Verkehrsministerin Leonore Gewessler betonte.

Für die Alpeninitiative sei Österreich «ein wichtiger Partner», so Betschart. Im Kampf gegen die Gigaliner setzt sie auf die Zusammenarbeit mit europäischen Umweltverbänden und verbündeten Kräften im EU-Parlament. Auch in der Schweiz selbst ist die Ablehnung der Grosslastwagen breit und überraschend geschlossen. Befürworter findet man kaum.

Kritik wegen Infrastruktur

Der Nutzfahrzeugverband Astag, ein häufiger Gegenspieler der Alpeninitiative, will keine Gigaliner. Auch das Bundesamt für Strassen (Astra) äussert sich in einer Analyse kritisch zu einer möglichen Zulassung, vor allem wegen der Infrastruktur: «Bereits bei der Einfahrt in die Schweiz gäbe es kritische Punkte, da Zollanlagen nicht auf Gigaliner ausgerichtet sind.»

Ob das genügt? Man fühlt sich an die Diskussion in den 1990er-Jahren erinnert. Damals galt in der Schweiz eine Gewichtslimite für Lastwagen von 28 Tonnen, doch die EU drängte auf die Zulassung von 40-Tönnern. Die politische Debatte und der Widerstand der Umweltverbände waren heftig, doch am Ende musste die Schweiz dem Druck nachgeben.

Gigaliner als Pfand für Lohnschutz?

Im Landverkehrsabkommen, einem Bestandteil der Bilateralen I, stimmte die Schweiz den 40-Tönnern zu, erhielt im Gegenzug aber wichtige Konzessionen von der EU. So akzeptierte sie das Schweizer Nachtfahrverbot und eine Transitgebühr, die faktisch der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) entspricht.

Heute befürchtet die Alpeninitiative, dass es im Tauziehen die institutionellen Fragen und neue bilaterale Abkommen ähnlich laufen könnte, aber nicht im positiven Sinn. Es bestehe das Risiko, dass die 60-Tönner «zum Beispiel als Pfand für mehr Lohnschutz» eingebracht werden, meint Django Betschart. Allerdings sei eine Einschätzung schwierig.

Vieles rund um die Zulassung von Gigalinern bleibt offen. So ist unklar, ob Österreich weiter dagegen sein wird, wenn die Grünen nicht mehr in der Regierung sein sollten. Die Schweiz allerdings kann sich einen weiteren Konflikt mit der EU eigentlich nicht leisten.

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234 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Roro Hobbyrocker
18.07.2023 06:22registriert August 2016
Ich hätte mehrere Vorschläge an die EU.
Mehr Rastplätze auf der Autobahn für die Chauffeure.
Bessere Bezahlung der Chauffeure (350 Euro/Monat sind zuwenig für die Arbeit die sie machen)
Zeitregelung das die Chaffeure min. alle 11 Tage ihre Wochenendenruhezeit zuhause verbringen können.
Und das wichtigste richtig hohe Strafen für die Transportunternehmen bei Nichteinhaltung.
Dies sollte eigentlich dass Mindestene sein.
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Troxi
18.07.2023 06:22registriert April 2017
Es ist doch ganz einfach... Wenn ein Giga-Liner von D nach I will oder umgekehrt, dann wird in BW verladen und in Mailand ebenfalls. Giga-Liner durchqueren die Schweiz nur auf der Bahn. Aber dies werden wir sicher nicht durchsetzen können und dann werden wir noch in 100 Jahren rum Jammern, dass die Alpenschutzinitiative nicht eingehalten wird.
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HugiHans
18.07.2023 06:34registriert Juli 2018
Gigaliner sind gedacht um zwischen Verteilzentren zu verkehren. In der flächenmässig kleinen Schweiz geht da eh alles unter Nahverkehr und Feinverteilung. Somit sind diese praktisch ausschliesslich für den grenzüberschreitenden Verkehr interessant.
Unter dem Strich werden davon einige profitieren und der Kunde bezahlt den Infrastrukturausbau und die Reparaturen der Strassen …
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