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Widerstand im Dorf: Ein Plakat in Wileroltigen wirbt gegen den Transitplatz. bild: keystone

Ein Dorf wehrt sich: Kanton Bern will Transitplatz für Fahrende bauen

Schweizweit fehlen Plätze für Jenische, Sinti und Roma. Wie schwierig die Suche nach Standorten ist, zeigt sich gerade im Kanton Bern.

Maja Briner / Aargauer Zeitung



Es gibt weder Post noch Laden in Wileroltigen. Dafür grosse Bauernhäuser, viel Platz, viel Grün, und vor allem: viel Ruhe. Ein Stück heile Welt, sagt Armin Mürner, «aber leider nur noch auf der einen Seite des Dorfes». Auf der anderen Seite ist die Welt für ihn nicht mehr in Ordnung. Denn dort soll ein Transitplatz für ausländische Fahrende entstehen.

Die Berner Regierung hat das 370-Einwohner-Dorf Wileroltigen nach langer Suche ausgewählt; am Sonntag stimmt der Kanton Bern darüber ab. Der Transitplatz soll bei einem Rastplatz an der Autobahn Bern – Murten entstehen, ein Kilometer vom Dorf entfernt.

Als 500 Fahrende auf den Feldern Halt machten

Armin Mürner, gelernter Metzger und ehemaliger Seemann, kämpft an vorderster Front dagegen. Der parteilose 72-Jährige erzählt von den schlechten Erfahrungen, die das Dorf schon gemacht hat. Im Sommer 2017 hatten rund 500 ausländische Fahrende während Wochen neben dem Rastplatz Halt gemacht – und landesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Fäkalien und Abfall landeten auf den Feldern. Die Wileroltiger waren wütend. «Alle fluchten», erzählt Mürner am Küchentisch seines Hauses. Er selbst wollte nicht nur fluchen, er wollte etwas tun. Und so wurde er damals Präsident des Bürgerkomitees.

Gegner warnen vor «Sogwirkung»

Seither hatte Mürner einiges zu tun. Die Wileroltiger wehren sich gegen den geplanten Transitplatz; nicht nur das Bürgerkomitee, auch der Gemeinderat ist dagegen. Aus Sicht der Befürworter ist der Standort jedoch ideal: an einer Transitachse, über die Autobahn erreichbar. Das Kantonsparlament hat mit klarem Mehr zugestimmt. Die Junge SVP ergriff jedoch zusammen mit dem Bürgerkomitee das Referendum, sodass es nun zur Abstimmung kommt.

«Die Erfahrungen zeigen: Wenn es einen offiziellen Platz gibt, gibt es weniger irreguläre Landnahmen.»

Schon 2018 hatte die Junge SVP Stimmung gegen den Transitplatz gemacht, damals mit einem rassistischen Facebook-Post, für den sie später verurteilt wurde. Nun argumentieren die Gegner vor allem mit den Kosten: Die 3,3 Millionen Franken für den Transitplatz seien viel zu viel. Und sie warnen vor einer «Sogwirkung»: Ihr Plakat zeigt den Kanton Bern, überrollt von Wohnwagen.

Armin Mürner betont, er sei nicht gegen Fahrende. Er sagt es präventiv, noch bevor eine Frage in diese Richtung zielt. «Es geht um die Gleichstellung», sagt er. «Wenn Fahrende Farbe einfach das Loch runterlassen, zahlt der Kanton nachher das Auspumpen. Wenn ein hiesiger Maler dasselbe macht, wird er gebüsst», ärgert er sich. Die Behörden trauten sich nicht, bei den Fahrenden durchzugreifen, weil es sich um eine Minderheit handelt, glaubt er.

«Das ist der Widerspruch: Man gibt ihnen Arbeit, aber niemand will sie in der Nähe.»

Der Widerspruch

Einer, der sich für den Transitplatz einsetzt, ist Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. «Vorurteile vernebeln manchen Gegnern die Sicht», sagt er. «Die Erfahrungen zeigen: Wenn es einen offiziellen Platz gibt, gibt es weniger irreguläre Landnahmen.» Mit anderen Worten: Probleme gibt es, weil offizielle Plätze fehlen.

Röthlisberger sagt, das Gebiet um Wileroltigen sei bei Fahrenden sehr beliebt – auch, weil sie dort Arbeit finden. «Das ist der Widerspruch: Man gibt ihnen Arbeit, aber niemand will sie in der Nähe.»

Schweizweit fehlen Dutzende Plätze

Bis zu 3000 Schweizer Jenische und Sinti reisen im Sommer durch die Schweiz, ebenso rund 1000 ausländische Roma, insbesondere aus Frankreich. Sie haben ein Recht auf angemessene Plätze, das hat das Bundesgericht 2003 festgehalten. «Es ist richtig, dass der Staat den Fahrenden Infrastruktur zur Verfügung stellt – wie er dies auch für Sesshafte macht», sagt Röthlisberger. Die Fahrenden zahlen dafür Miete.

Bisher gibt es schweizweit erst zwei langfristig gesicherte Transitplätze, einen im Kanton Freiburg, einen in Graubünden. Dabei bräuchte es zehn bis zwölf, sagt Röthlisberger. Für inländische Fahrende fehlten über 60 Durchgangs- und Standplätze. Schweizweit verläuft die Suche nach Standorten harzig – oft wegen des Widerstands der Gemeinden.

In Wileroltigen hat der Kanton versucht, den Bedenken der lokalen Bevölkerung Rechnung zu tragen: Geplant ist ein zwei Meter hoher Zaun um den Platz, die Zufahrt ist nur über die Autobahn möglich. Mürner überzeugt das nicht. Er sagt:

«Das ‹Gstürm› wird nicht aufhören.»

Wie sieht seine Lösung aus? Die Behörden müssten durchgreifen, fordert er, sodass nur noch jene Fahrenden kämen, die keine Probleme machen. Dann würden die Bauern gerne Land zur Verfügung stellen, ist er überzeugt. Röthlisberger widerspricht: «Das ist keine realistische Lösung.» Die ausländischen Fahrenden, die in grösseren Gruppen unterwegs seien, bräuchten fixe Plätze mit der entsprechenden Infrastruktur.

Das sehen fast alle Parteien so: Alle ausser der SVP sind für den Transitplatz in Wileroltigen. Dennoch zeichnet sich laut einer Tamedia-Umfrage ein Nein ab. Es wäre eine Niederlage für die Berner Regierung und für die Fahrenden – und ein Sieg für Armin Mürner und Wileroltigen. Aber eben, das ist erst eine Umfrage, sagt Mürner. «Ich bin froh, ist es bald vorbei», ergänzt er. «Denn eigentlich hätte ich viele Hobbys.»

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