Aargauer Nationalrätin will Viola Amherds fixe Frauenquote in Dorfvereinen abschaffen
Die Gleichstellungsdebatte erreicht die Dorfvereine. Zwar verlangt niemand einen klar definierten Wert, wie viele Frauen und Männer im Vorstand sitzen müssen. Doch per Anfang Jahr müssen sie in ihren Statuten eine individuelle Geschlechterquote festschreiben. Sonst droht der Entzug von J+S-Geldern. Es handelt sich um einen finanziellen Zustupf, der für viele Sportvereine und Jugendverbände essenziell ist.
Jetzt stellt das Departement von Sportminister Martin Pfister (Mitte) die Geschlechterquote für Dorfvereine auf den Prüfstand. Nationalrat Leo Müller (Mitte/LU) hatte das Thema in der Fragestunde aufgeworfen, nachdem CH Media darüber berichtet hatte.
Die Geschlechterquote ist ein Teil des sogenannten Branchenstandards, der Diversität und Inklusion fördern soll. Sie ist ein Herzensanliegen von Viola Amherd. Für nationale Verbände installierte die ehemalige Sportministerin eine verbindliche Vorgabe: Ab diesem Jahr müssen in den Vorständen mindestens 40 Prozent Frauen oder Männer vertreten sein. Sonst kann das Bundesamt für Sport (Baspo) Beiträge kürzen oder streichen. Es geht um viel Geld. Der Bund überweist dem Dachverband Swiss Olympic jährlich 37,6 Millionen Franken, der diese an die nationalen Sportverbände weiterleitet.
Frauenquote als Beleidigung und Bürokratiemonster
Doch an Amherds Erbe wird gerüttelt. Die Aargauer SVP-Nationalrätin Stefanie Heimgartner will die Frauenquote abschaffen. Ein entsprechender Vorstoss ist im Parlament hängig und erfährt parteiübergreifenden Support; auch GLP-Nationalrat Matthias Jauslin hat ihn mitunterzeichnet.
«Eine Frauenquote ist für mich eine Beleidigung», sagt Heimgartner. Sie wolle nicht, dass jemand nur wegen seines Geschlechts anstatt wegen seiner Fähigkeiten in ein Amt gehebelt werde. Die Nationalrätin, Passivmitglied in einem Schwingklub und Aktivmitglied in einem Skiclub, warnt davor, ehrenamtliches Engagement zu verbürokratisieren. «Starre Quotenregeln belasten die Verbände und beschneiden ihre Autonomie auf unzulässige Weise», sagt sie. Die Sportgemeinschaft sei auch ohne Diversitätsvorgaben aus Bern in der Lage, eine faire und inklusive Umgebung zu schaffen – für Männer und Frauen.
Für Heimgartner scheitert die Quotenvorgabe auch am Realitätscheck. In der Tat sind die meisten Vorstände nach wie vor männlich dominiert. Wie die «NZZ am Sonntag» neulich berichtete, erreichen von 69 Verbänden aktuell nur 31 die geforderten Werte. Nicht erfüllt werden sie unter anderem vom Schweizerischen Fussballverband, dem Eishockeyverband, dem Tennisverband und dem Skiverband, geschweige denn von den Schwingern, einem traditionellen Männersport.
Bundesamt für Sport verspricht Augenmass
Bei den nationalen Verbänden hält der Bundesrat aber an Amherds fixer Geschlechterquote fest. Im aktuellen gesellschaftlichen Umfeld sei es nicht mehr zeitgemäss, wenn Frauen in Leitungsorganen von nationalen Sportorganisationen untervertreten seien, argumentiert er. Das ist ganz im Sinne von Nationalrätin Aline Trede (Grüne/BE), die im Juni 2024 in den Vorstand des Schweizerischen Fussballverbandes gewählt wurde. «Ohne Druck passiert leider nichts», sagte sie der «NZZ am Sonntag». Spürbare Konsequenzen für nicht erfüllte Quoten würde sie begrüssen.
Das Bundesamt für Sport hat bis jetzt aber keine Beiträge gestrichen oder gekürzt. Es setze auf Augenmass und Verhältnismässigkeit, teilt eine Sprecherin mit. Und: «Die Verweigerung oder Kürzung von Subventionen ist nur als allerletzte Konsequenz vorgesehen für den Fall, dass ein Verband trotz vorgängiger formeller Mahnung und Nachfrist die Bedingungen nicht einhält.»
Auf positive Anreize setzt Swiss Olympic. Der Dachverband hat jenen 25 Verbänden, die per 1. Januar dieses Jahres die Geschlechterquote erfüllten, einen Sonderbonus von 14'000 Franken entrichtet. «Swiss Olympic ist von der Geschlechterquote in den nationalen Sportverbänden überzeugt, weil Diversität in den Leitungsgremien ein Gewinn ist», sagt Alexander Wäfler, Leiter Medien. Die Verbände hätten in diesem Bereich schon viel erreicht, «und wir unterstützen sie dabei». (aargauerzeitung.ch)
