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SVP-Glarner weigerte sich, eine Transfrau Frau zu nennen

SVP-Glarner weigerte sich, eine Transfrau Frau zu nennen – Zeit für ein paar Fragen

Wann ist ein Mann ein Mann? Die Frage ist alt - aber dringend. Andreas Glarner will sich nichts vorschreiben lassen. Deshalb sprachen wir mit dem Politiker über Rollenbilder und wollten wissen, ob auch er eine eher weibliche Seite hat.
07.05.2023, 18:5708.05.2023, 19:55
Sabine Kuster / ch media
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Andreas Glarner
SVP-Nationalrat Andreas Glarner ist gerne Mann gemäss dem traditionellen Rollenbild.Bild: Keystone/watson

«Niemand - auch keine Kanzlei - kann mich zwingen, diesen Mann als Frau zu bezeichnen.» Das kommentierte der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner online auf Twitter zum Foto der deutschen Journalistin und Transfrau Georgina Kellermann. Daneben stand der Brief einer deutschen Anwaltskanzlei, zuhanden einer Margarita Maler wegen Persönlichkeitsverletzung. Die Twitter-Userin hatte schon vor Glarner mehrfach geschrieben, Georgina Kellermann sei ein Mann.

Warum haben noch so viele Leute ein Problem mit Transpersonen? Und soll man das thematisieren? Wir fanden: ja, über diesen Zorn sollten wir reden.

«Die Frau aus meiner Twitter-Nachricht sieht jedenfalls lächerlich aus. Sie muss sich gefallen lassen, dass man sagt: Der hat eins an der Waffel.»

Sind Sie gerne ein Mann?
Andreas Glarner: Sehr, ja.​

Hat das Mannsein für Sie eine unangenehme Seite?
Nein. Mann sein ist herrlich.​

Ohne Abstriche? Auch in der heutigen Zeit?
Gut, da sprechen Sie was ganz anderes an: Die Mentalität, dass wir uns von absoluten Minderheiten vorführen und uns vorschreiben lassen, was wir sagen dürfen und was nicht. So entstehen für Männer schon Nachteile, aber ich wehre mich, sonst läuft es echt schief. Immer neue Wörter werden verboten.​

«Grillieren, mit Kollegen rumhängen und über Frauen Sprüche machen.»
Andreas Glarner auf die Frage, was Männern Spass mache

Das finden Sie kompliziert, diese immer neuen Regeln?
Wer schreibt mir denn das überhaupt vor? Wer kommt auf die Ideen, dass gewisse Wörter nicht mehr gesagt werden dürfen?​

Anstandsregeln verändern sich laufend. Die Gesetze folgen.
Ich habe meinen Kindern auch Anstand beigebracht. Aber wenn jemand offensichtlich ein Mann ist, dann darf man das doch sagen.​

Sie sprechen den Grund an, warum wir uns zum Interview getroffen haben. Sie haben kürzlich auf Twitter zum Foto von Georgina Kellermann geschrieben: «Niemand - auch keine Kanzlei - kann mich zwingen, diesen Mann als Frau zu bezeichnen.»
Ja, wenn man eine Abmahnung eines Anwaltsbüro erhält, weil man diese Person als Mann bezeichnet hat, finde ich das völlig daneben. Jedes Kind auf der Strasse würde diese Person als Mann bezeichnen.​

Muss man denn so klar sagen können, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist?
(zögert) Wir reden über Nullkomma-irgendwas Prozent in der Gesellschaft. Aber wenn wir so weitermachen, haben wir plötzlich viel mehr Transpersonen wegen dieser Pubertätsblocker, mit denen man den Kindern mehr Zeit zu geben versucht, um ihr Geschlecht zu finden und sie damit aber gerade in einer Phase der Identitätsfindung zusätzlich verwirrt.​

«Selbstverständlich bin ich harmoniebedürftig!»
Andreas Glarner

Spielt es eine Rolle, wie viel Prozent der Bevölkerung Transpersonen sind oder wie viele sagen, ich lasse mich nicht den zwei Geschlechtern zuordnen?
Es gibt offensichtlich Leute, die im falschen Körper zur Welt gekommen sind. Auf diese kann man Rücksicht nehmen. Aber man soll deswegen nicht die ganze Welt umbauen und den Kindern beibringen, wie viele Geschlechtsvariationen es gibt.​

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Wäre es schlimm für unser Land, wenn sich der Anteil Transmenschen erhöhen würde?
Es kommt drauf an. Schlimm wäre es, wenn die Krankenkassen noch mehr Kosten für die Geschlechtsumwandlungen übernehmen müssten. Und schlimm wäre es für Sportlerinnen, falls weniger erfolgreiche Männer dann einfach bei den Frauen starten würden.​

Transsportlerinnen … jetzt wird es politisch. Aber ich wollte noch fragen: Kennen Sie typisch weibliche Seiten an sich?
(überlegt) Gute Frage. Ich glaube nicht.​

Besonders harmoniebedürftig sind Sie jedenfalls nicht - falls man das als eher weiblich bezeichnen möchte.
Ich bin Waage in Sternzeichen, hallo! Selbstverständlich bin ich harmoniebedürftig!

Diesen Charakterzug zeigen Sie aber selten.
Ich habe ja auch eine Rolle und eine Aufgabe als Politiker. Aber Leute, die mich privat kennen, sagen oft, warum schreibt niemand, wie du wirklich bist? Da antworte ich: Zur Hälfte bin ich selber schuld und zur anderen will man mich auch in diese Ecke drängen. Ich habe es wirklich am liebsten friedlich. Aber ich liebe natürlich auch den Kampf, wenn es nötig ist.​

Tragen Sie manchmal Schmuck?
Ich habe einen Siegelring von meinem Grossvater und eine schöne Uhr.​

Hatten Sie nie Lust, einen Ohrring zu tragen?
Nein, auch keine Piercings, keine Tattoos. Chli langweilig halt.​

Nationalrat Andreas Glarner (ZH) spricht an einer Medienkonferenz der SVP zur Schweizer Asylpolitik, am Dienstag, 31. Januar 2023, in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Bild: keystone

Sie mögen den Glamour nicht.
Nein, ich definiere mich über die Person, nicht über das angehängte Zeugs.​

Wann bezeichnen Sie eine Person als Frau?
Wenn die äusserlichen optischen Merkmale da sind. Ich kann ja keine biologische Untersuchung machen.​

Aber vorhin sagten Sie, Sie würden sich nicht über angehängtes Zeugs definieren.
Ich meinte, dass sich andere über Schmuck oder Statussymbole definieren. Diese sind mir nicht wichtig. Die Frau aus meiner Twitter-Nachricht sieht jedenfalls lächerlich aus. Sie muss sich gefallen lassen, dass man sagt: Der hat eins an der Waffel.

Ich finde Ihre Aussage nicht nur unanständig, ich denke auch, es bewirkt, dass mehr Transpersonen sich operieren lassen oder als Jugendliche schon Pubertätsblocker nehmen: So eliminiert man am besten sichtbar das biologische Geschlecht. Finden Sie das gut?
Nein, man soll der Natur nicht reinpfuschen.​

Das hat die Person, die Sie auf Twitter angegriffen haben, eben nicht gemacht. Sie hat sich nur das Recht herausgenommen typische Frauenkleider zu tragen und sich zu schminken.
Das kann sie, wenn sie sich der Lächerlichkeit preisgeben will.​

Im Ausgang habe ich kürzlich eine Person gesehen, die hatte Jeans an und ein Hemd, trugeinen Bart und die Haare nach hinten zusammengebunden. Sie war geschminkt und trug silberne Ohrringe. Ich fand, es sah abgefahren glamourös aus. Aber Sie stören sich am ungewöhnlichen Aussehen.
Ja, als Waage bin ich nicht nur friedliebend, sondern ein Ästhet. Wenn mir jemand sagt, ich sei zu dick, sage ich auch: Du hast recht und ich sollte endlich etwas dagegen machen. Das beleidigt mich nicht.​

Vielleicht trauen es sich manche Leute nicht zu sagen, weil sie anständig sind.
Ja, das ist gut möglich, so sind wir ja und werfen einander nicht gleich alles an den Kopf.​

Aber auf Twitter und hier beleidigen Sie die Frau andauernd. Wie hätten Sie diese Person angesprochen, wenn sie Ihnen gegenübergestanden wäre?
Dem Herr Kellermann?​

Jetzt sagen Sie Herr. Davor verwendeten Sie das weibliche Pronomen.
Wenn sie Wert darauf legen würde, würde ich ihr vermutlich schon Frau sagen. Aber wenn ich sie nur auf der Strasse sehen würde, würde ich sagen, das ist ein Mann, mit dem etwas nicht stimmt. Ich habe nun ein Interview mit ihr gesehen und da sagte sogar die Redaktionskollegin dreimal «er».

Es ist sicher okay, sich zu versprechen. Aber Sie weigern sich. Ich vermute, Sie haben sich von der Anwaltskanzlei provoziert gefühlt. Sie hassen Verbote.
Ja, das finde ich schlimm. Auch er - oder sie - soll darüberstehen und sagen, ist doch egal. Mit einer gerichtlichen Verfügung erreicht man doch nur, dass sich die Leute im Untergrund zusammenrotten zu einem Gegenschlag von allen, die genug haben von LGTBQ und Drag Queens im Kindergarten. Das ist doch nicht normal.​

Wer sagt, was normal ist?
Alle in meinem Umfeld sehen das gleich und ich glaube, dass das Pendel gewaltig zurückschlagen wird. In einem Land, wo wir grosse Krisen haben, müssen wir einfach einmal sagen, jetzt ist gut.​

Gehört dieses Thema zu unseren grossen Problemen?
Nein, das eben nicht. Aber es sind dieselben Idioten, die uns in die Stromkrise reingeritten haben.​

Stromkrise, Genderdebatte, alles eins? Ernsthaft?
Ja, wir arbeiten an einem bürgerlichen Manifest. Wir müssen uns zusammenraufen und dann diese Brüder und Schwestern mit unglaublicher Härte abstoppen.​

Jetzt sind wir wieder bei der Politik. Zurück zur Gesellschaft. Finden Sie es eigentlich nicht megamutig, wenn sich eine Transperson als solche zu erkennen gibt?
Doch, es braucht Mut. Aber man muss halt darüberstehen und sich auch die Kommentare gefallen lassen.​

Das habe Sie jetzt mehrfach gesagt. Anständig sind Sie nur, wenn es Ihnen passt. Letzter Versuch, um über Geschlechterbilder zu diskutieren. Ich frag wie Herbert Grönemeyer, Vertreter Ihrer Generation: Wann ist ein Mann ein Mann?
Klischeehaft gesprochen: Wenn er steht beim Pinkeln, wenn er macht, was Männern Spass macht.

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Grillieren, mit Kollegen rumhängen und über Frauen Sprüche machen. All das, was Frauen auch machen übrigens.

Jetzt wird es kompliziert, wenn Frauen alles auch machen. Sie können sogar zum Pinkeln stehen.
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Absolut. Allen Frauen gegenüber - alte Schule eben. Ich habe bislang nur selten eine Frau bezahlen lassen.​

Über etwas haben wir noch nicht gesprochen. Es könnte sein, dass sich ein hetero Mann von einer Transfrau getäuscht fühlt und deshalb aufgebracht reagiert.
Nein … es ist nur die Lächerlichkeit. Und die Verbotsmentalität.​

Kennen Sie eine Transfrau persönlich?
Nein. Es gibt immer ein anderes Bild, wenn man jemanden persönlich kennt. Wenn ein Flugzeug abstürzt und man kennt niemanden, der darin sass, blättert man zur nächsten Meldung.​

Denken Sie bei solchen Tweets eigentlich auch an Ihre Wähler?
Ich äussere mich nicht wahltaktisch, denn es ist unzweifelhaft, wo ich politisch stehe. Ich könnte mich nicht verbiegen. Aber vielleicht gibt es anderen Leuten ebenfalls den Mut, sich zu äussern. Die auf Twitter genannte Person hätte ja ein Herr bleiben können.​

Auch wenn sie sich nicht als Mann fühlt?
Schwierige Frage.​

Oder darf man umgekehrt jemanden zwingen, sich so zu geben, wie man sich nicht fühlt?
Nein. Von dem her wäre es spannend mit so jemandem zu sprechen. Weil die haben ja einen riesigen Konflikt in sich. Aber es sind so wenige, dass man es nicht hochstilisieren und jemandem deswegen vorschreiben muss, was er zu denken hat. Das ist die grösste Freiheit. (aargauerzeitung.ch)​

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502 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lukaz84
07.05.2023 19:08registriert Dezember 2016
Schon lange kein Interview mehr angetroffen welches so anstrengend zu lesen war wie dieses. Hut ab vor dem Interviewer, der offenbar die Contenance bewahren konnte.
Glarner bestätigt einmal mehr die Vorurteile vom rechte, alten, weissen Mann.
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John Galt
07.05.2023 19:16registriert November 2014
Fazit (nach Glarner): Intersexualität gibt es, aber man sollte nicht darüber reden. Er glaubt die Definitionshoheit darüber zu haben, was ein Mann ist (und auch was ein Schweizer ist), und wer davon abweicht, liegt falsch.
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Lowend
07.05.2023 19:15registriert Februar 2014
Ein Politiker, der gerne ihm nicht genehme Menschen ausgrenzt, beleidigt, oder verhöhnt, ist in der SVP perfekt aufgehoben, denn die Menschen wählen diese Partei trotzdem, weil sie sich dann wie echte Übermenschen fühlen können, die ihnen nicht genehme Menschen ausgrenzen, beleidigen und verhöhnen dürfen.

Die SVP wird eben nicht gewählt, obschon sie solche Exponenten befördert; die SVP wird von ihren Anhängern eher dafür gefeiert, dass sie derart widerliche Charakterlumpen einfach machen lässt.
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