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Vater der getöteten Kinder von Flaach vor Gericht: Die ganz normale Wandlung des Herrn K.

Das Bezirksgericht Weinfelden. Bild: watson

Gewerbsmässiger Betrug, Urkundenfälschung, Zechprellerei: Der Fall, der am Mittwochnachmittag am Bezirksgericht Weinfelden verhandelt wird, würde unter anderen Umständen kaum für Aufsehen sorgen. Vor Gericht steht aber niemand Geringerer als Mike K., Ex-Mann von Natalie K., der Kindsmörderin von Flaach. Die Geschichte einer Läuterung. 



Vielleicht blinzelte Mike K. kurz, als die Richterin die Ereignisse des 1. Januars 2015 streifte. Sonst zeigte er kaum Regungen. Den Rücken durchgestreckt, die Stimme klar und bestimmt wie auf dem Exerzierplatz schilderte Mike K. der 30-jährige Ex-Militär, dem Gericht wie das für ihn war, als Natalie K. seine damalige Partnerin, die beiden gemeinsamen Kinder tötete. Wie diese «monströse Tat» alles änderte, was vorher war, das Leben des jungen Paars auf den Kopf stellte, weil die Hälfte der Familie ausgelöscht worden war.

Nur kurz, im im Vorbeigehen sozusagen, denn was am Mittwoch in den am Bezirksgericht Weinfelden verhandelt wurde, hatte nur am Rande mit der Tragödie von Flaach zu tun. Und doch zieht sich eine direkte Linie von dem verhängnisvollen Jahresbeginn 2015 zu diesem Altweiber-Sommernachmittag im sonnendurchfluteten Raum an der Rathausstrasse 2 in Weinfelden.

Flaach wurde in den ersten Januartagen 2015 zur Chiffre für eine kalte, gefühlsneutrale Bürokratie, die weitab von den Menschen und ihren Bedürfnissen, in abgeschotteten Büros und hinter blickdichten Trennwänden ihre Entscheide fällte. Vernünftig in der Sprache, grausam in der Tragweite. So sah es nicht nur Natalie K., die Kindsmörderin, so sahen es auch die Eltern von Natalie K. und so sah es Mike K., ihr Ehemann.

Eine Welle der Entrüstung schwappte damals durch die Zeitungsspalten und Online-Foren, Parteien, Bürgerinitiativen und Personen des öffentlichen Lebens schäumten gegen die KESB, die mit ihrer unmenschlichen Praxis intakte Familien auseinanderreisse. Die Geschehnisse von Flaach, so der Tenor, seien nur die logische finale Konsequenz einer Behörde, die sich mehr für Zahlen und Strukturen als für den Menschen dahinter interessiere.

Die Psychologin Julia Onken spricht an der Mahnwache fuer die getoeteten Flaacher Geschwister und fordert die Entmachtung der KESB am Freitag, 13. Maerz 2015, in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Psychologin Julia Onken spricht im Frühling 2015 an einer Mahnwache für die getöteten Flaacher Geschwister und fordert die Entmachtung der KESB. Bild: KEYSTONE

Auch Mike K. nahm die Kinder- und Jugendschutzbehörde in die Pflicht. Schuld sei ein schwieriges Wort, sagte Mike K. in einem Gefängnis-Interview mit der «Sonntags Zeitung» Anfang Februar 2015, aber die KESB habe seine Frau zu der Tat getrieben. Anstatt die Situation zu entschärfen, haben KESB und Beistand das Ganze nur noch schlimmer gemacht. Mike K. drohte mit Klage, zuerst gegen die KESB, dann, nachdem sich Natalie K. im August 2015 in Haft das Leben nahm, und Mike K. zum Wittwer gemacht hatte, auch die Justizdirektion.

Davon wollte K. an diesem Dienstagnachmittag in Weinfelden nichts mehr wissen. Die KESB treffe keine Schuld, sagte der 30-Jährige. Das wisse er jetzt, wo er alle Puzzleteile beisammen habe und die Wahrheit kenne. 

Langer Deliktekatalog

Mike K. ist ein geläuterter Mann. Und auf Korrektheit bedacht. Zumindest  präsentierte er sich so vor dem fünfköpfigen Gremium des Bezirksgerichts Weinfelden. Es tue ihm Leid, sagte er im Schlusswort, er wolle sich von Herzen bei allen entschuldigen, die wegen ihm zu Schaden gekommen sind, bei den Geprellten und Betrogenen, bei den übers Ohr gehauenen und bei den Hintergangenen. Bei der Staatsanwaltschaft und der Polizei sowieso, denen er mit seinen Taten so einen grossen Aufwand beschert hatte. 

Über 80 Delikte warf ihm die Staatsanwaltschaft vor. Einmal verkaufte Mike K. über Internet-Auktionsplattformen Handys, für die er Geld kassierte, die er aber nicht lieferte, dann kaufte er Autos, die er nicht bezahlte und weiterverkaufte. Hinzu kommen Zechprellerei, Verstösse gegen das Waffengesetz (K. kaufte bei einem Kollegen einen Teleskopstock), Fälschung von Betreibungsregisterauskünften, ausstehende Mietforderungen. Die Liste liesse sich schier endlos fortsetzen. Über zwei Jahre lang finanzierte K. für sich und seine Familie so einen Lebensstandard weit über seine Verhältnisse und legte dabei nach Auffassung des Gerichts eine «enorme kriminelle Energie» an den Tag. Bis am 4. November 2014 die Kantonspolizei Zürich das Haus des Ehepaars stürmte und der «Alptraum» wie K. diese Zeit heute nennt, ein Ende hatte. 

ARCHIV ---Ortsschild Flaach (ZH) am Freitag, 2. Januar 2015. In Flaach im zuercherischen Weinland sind am Neujahrstag zwei Kinder im Alter von zwei und fuenf Jahren getoetet worden. Die 27-jaehrige Mutter wurde unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Sie hat sich selber Verletzungen zugefuegt, die aber nicht lebensgefährlich sind.In Flaach im zuercherischen Weinland sind am Neujahrstag zwei Kinder im Alter von zwei und fuenf Jahren getoetet worden. Die 27-jaehrige Mutter wurde unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Sie hat sich selber Verletzungen zugefuegt, die aber nicht lebensgefährlich sind. Nach der Aufarbeitung des Fall Flaachs kommt das psychiatrische Gutachten am 29. Januar 2016 zum Schluss, dass eine

Ortsschild von Flaach ZH: Hier tötete Natalie K. am Neujahrstag 2015 ihre beiden Kinder. Bild: KEYSTONE

Zuvor schon hatte das «Mietnomadentum» der Familie zu einer Gefährdungsmeldung bei der KESB geführt. Diese verordnete den beiden Kindern Nicolas und Alessia einen Beistand. Der Anfang vom Ende einer Familie, die immer «mehr Schein als Sein» war.

«Das sollte man schaffen»

Was trieb Mike K., den gelernten Detailshandelsfachmann zum gewerbsmässigen Betrug? Was machte aus dem Berufsmilitär, der in der Armee einen Infanteriezug führte, einen Zech- und Mietpreller? Mike K. holte aus, weist auf die «äusseren Umstände» hin, auf seine Ehefrau, Natalie K., die nach der Geburt des ersten Kindes, Nicolas, keine Lust mehr hatte zu arbeiten und doch immer mehr forderte. Auf die Entlassung aus dem Militär, wegen Restrukturierungen und auf das monatliche Einkommen, das sich infolge des Jobverlusts schlagartig reduzierte, von knapp 10'000 Franken, auf 3500. «Eine Situation totaler Verzweiflung» sei das gewesen. Der Gang zum Sozialamt sei nicht in Frage gekommen, geschämt hätte er sich da, vielleicht sei er auch zu stolz gewesen, und sowieso: «Als Schweizer Familie sollte man das doch selber schaffen.»

Mit seinem kahlgeschorenen Haupt, dem blau-grün Kurzarmhemd mit den frechen Quer- und Längsstreifen,  der Uhr mit dem Metallarmband und dem getrimmten Bart wirkt Mike K. normal, derart normal, dass es fast schon wieder auffällig wirkt. Wie der Gegenentwurf zu seiner Ex-Frau, Natalie K., der der Psychiater Frank Urbaniok eine seltene psychische Störung attestierte: Ein ausgeprägter Geltungsdrang, gepaart mit einem Hang zur grossen Geste – instabiler Realitätsbezug, wie es der Zürcher Chefpsychiater in einem Gutachten formulierte. 

Realität ist ein wichtiger Begriff im neuen Leben von Mike K. So wie Wahrheit. Ein realitätsfernes Leben hätten sie geführt, Mike und Natalie K. Jetzt aber wünsche er sich nichts mehr, als wieder «ein bodenständiges Leben zu führen».  

Dieser Mann ist wiederauferstanden. Vor eineinhalb Jahren noch, in der Untersuchungshaft im Kantonalgefängnis Frauenfeld, sagte Mike K., dass er draussen nichts mehr habe. Seine Familie gebe es so nicht mehr.

Heute scheint das alles weit weg. Einen Neuanfang wolle er wagen, die Zeit nutzen, um sich weiterzuentwickeln, um zu wachsen, erwachsen zu werden.

Mike K. betreibt jetzt Sport im Gefängnis. Eine neue Lebensqualität habe er entdeckt, Motivation und Kraft, um vorwärts zu gehen im Leben. 50 Kilogramm habe er abgenommen. Die verwaschenen Blue-Jeans mit den ausgebeulten Hosentaschen baumeln lose um die Beine des 30-Jährigen.

Es sei ein langer Weg, den er zu gehen habe, das sei dem Angeklagten hoffentlich klar, mahnte die Richterin bei der Urteilsverkündung.

Am 1. Oktober will Mike K. seinen ersten Marathon laufen. 

Das Urteil

Das Gericht verurteilte Mike K. im abgekürzten Verfahren zu 42 Monaten Freiheitsentzug und einer Busse von 1200 Franken. Zudem hat der Mann eine frühere bedingt ausgesprochene Geldstrafe nun zu zahlen. Der 30-jährige Schweizer anerkannte sämtliche Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft: Gewerbsmässiger Betrug, mehrfache Urkundenfälschung, mehrfache Zechprellerei und weitere Delikte. Anklage und Verteidigung waren sich auch über den Strafantrag einig. (sda)

Der Kampf gegen die KESB

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