Eine Kuh steht auf der Weide und grast, neben ihr scharrt ein Huhn. So stellen sich viele die Nutztierhaltung vor. Doch in Realität haben nicht alle Nutztiere regelmässig Auslauf ins Freie. Bei den Hühnern hat nur eines von zehn Hühnern regelmässig Auslauf ins Freie. Mit der Massentierhaltungs-Initiative würde sich dies ändern. Ein tierfreundlichere Haltung ist eine von fünf Forderungen der Initiantinnen und Initianten.
Wie die weiteren Forderungen verlangen, was Massentierhaltung genau bedeutet – und was sich bei Annahme alles ändern würde:
Die Initiative will erreichen, dass Schweine, Hühner und andere Nutztiere besser gehalten werden, und verspricht sich mit fünf Forderungen ein Ende der Massentierhaltung.
Forderung 1: Unterbringung und Pflege
Alle Nutztiere sollen bedürfnisgerecht leben können. Dazu gehörten eine artgerechte Fütterung, Beschäftigungsmöglichkeiten sowie eine tierfreundliche Unterbringung (Tiereinstreu).
Forderung 2: Zugang ins Freie
Die Tiere sollen sich regelmässig im Freien bewegen können. So sollen sich auch Schweine auf der Wiese und im Schlamm frei bewegen können.
Forderung 3: Schonende Schlachtung
Bei der Schlachtmethode soll sichergestellt werden, dass das Leid der Tiere so gering wie möglich gehalten wird, etwa durch kürzere Transportwege oder bessere Kontrollen der Betäubung.
Forderung 4: Reduktion der Gruppengrössen
Die Tiere sollen in kleineren Gruppen gehalten werden und es sollte ihnen mehr Weidefläche zustehen. Zum Beispiel würden nur noch 2000 Legehennen pro Betrieb erlaubt sein – statt bis zu 18'000.
Die Nutztiere würden somit alle mindestens nach den Bio-Suisse-Standards 2018 gehalten werden.
Forderung 5: Importvorschriften
Die Vorgaben 1 bis 4 sollen auch beim Import von Tierprodukten berücksichtigt werden. Und zwar auch bei Lebensmitteln, die tierische Zutaten enthalten, wie Backwaren, Teigwaren etc.
Die Richtlinien gehen bei Bio-Suisse über die Minimalanforderungen des Tierschutzrechts hinaus und umfassen verschiedene Vorschriften zur Haltung, Fütterung oder Schlachtung. Für verschiedene Nutztiere gelten unterschiedliche Richtlinien.
So stehen einem Schwein im Biobetrieb 1,65 Quadratmeter Innen- und Aussenfläche zur Verfügung, bei einem konventionellen Betrieb sind 0,90 Quadratmeter im Innenbereich vorgeschrieben – Auslauf ins Freie muss den Tieren demnach nicht gewährt werden.
Für die Umsetzung hätte das Parlament drei Jahre Zeit, um die Gesetze zu erlassen. Den Betrieben gewährt man für die Umstellung eine Übergangsfrist von maximal 25 Jahren.
Der Duden definiert die Massentierhaltung als «technisierte Tierhaltung in Grossbetrieben zur Gewinnung möglichst vieler tierischer Produkte». Eine genaue Definition, ab wann ein Betrieb Massentierhaltung ausübt, gibt es allerdings nicht.
Das Initiativkomitee bezeichnet die Massentierhaltung als ein «Produktionssystem, in dem die Grundbedürfnisse der Tiere weitgehend missachtet werden». In der Schweiz dürfen bis zu 27'000 Hühner in einer Halle gehalten werden, dies fällt dem Komitee zufolge in die Sparte Massentierhaltung.
Bei den Schweinen (max. 1500) sowie bei den Kälbern (max. 300) würde sich nichts ändern. Auch der Maximalbestand der Masthühner (max. 27'000) bleibt bestehen – allerdings dürfen pro Stall nur noch 2000 Hühner gehalten werden.
Eine grosse Reduzierung würde es bei den Legehennen geben: statt maximal 18'000 wären nur noch 4000 Legehennen pro Betrieb erlaubt, mit höchstens 2000 Legehennen pro Stall.
Bundesrat und Parlament geht davon aus, dass etwa 3300 Betriebe entweder ihre Tierbestände reduzieren oder ihre Betriebsfläche vergrössern müssten. Die Kosten würden dadurch steigen. Der Bund rechnet bei seiner Regulierungsfolgenabschätzung mit jährlichen Mehrkosten von 0,4 bis 1,1 Milliarden Franken.
Die Preise für Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Käse oder Eier würden dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zufolge steigen. Dasselbe gelte auch für Produkte, die tierische Zutaten enthalten, wie etwa Brot, Süssigkeiten etc.
Das ist unklar. Wenn nur noch Lebensmittel nach dem Bio-Suisse-Standard (2018) eingeführt werden dürfen, könne dies laut BLV zu einer Kündigung des Agrarabkommens zwischen der Europäischen Union und der Schweiz führen.
In der Landwirtschaft gibt es vor allem drei grosse Klimaprobleme: Methan-, Ammoniak- und Lachgasemissionen. Viele dieser Treibhausgase kommen aus der Nutztierhaltung. So entsteht Methan unter anderem durch den Verdauungsvorgang von Wiederkäuern wie Kühen oder Schafen. Ammoniak stammt hauptsächlich aus dem Harn der Nutztiere. Lachgas entsteht beim Zersetzen von Mist und Gülle.
Die Gleichung ist also einfach: Je weniger Tiere, desto weniger klimaschädliche Emissionen.
Die Schweizer Tierschutzvorschriften sind verglichen mit jenen der EU deutlich strenger. So dürfen in Ländern wie Italien oder Dänemark über 100'000 Hühner in einem Betrieb gehalten werden.
Einen grossen Unterschied gibt es bei der Haltung von Legehennen. In der EU dürfen Legehennen in Käfigen gehalten werden – in der Schweiz ist die Käfighaltung seit 1991 verboten.
Doch nicht nur bei den Hühnern ist die Schweiz strikter: Deutsche und französische Betriebe halten dreimal mehr Schweine, die sich auf engerem Raum bewegen müssen.
Zu den Befürworterinnen zählen die SP, die Grünen und die Grünliberalen. Unterstützt wird die Initiative zudem von Greenpeace, der Kleinbauernvereinigung, diversen Tierschutzorganisationen sowie Pro Natura.
Im Zentrum des Komitees steht die Würde der Tiere. Sie sind der Ansicht, dass das geltende Tierschutzgesetz nicht ausreiche und die leidensfähigen Tiere noch immer «wie eine Ware behandelt» würden. Zudem würden die Gesetzesänderungen nicht nur eine tierfreundlichere, sondern auch eine ressourcenschonendere Landwirtschaft schaffen.
Bund und Parlament lehnen die Initiative ab. Mitte, FDP und SVP kämpfen gegen die Initiative, da die Schweiz bereits eines «der strengsten Tierschutzgesetze der Welt» habe. Eine Erweiterung sei «vollkommen überflüssig». Denn Würde und Wohlergehen der Tiere seien in der Schweiz bereits gesetzlich verankert.
Die Gegner argumentieren mitunter damit, dass die Initiative internationale Handelsabkommen verletze und die Lebensmittelpreise verteure. Der Bauernverband befürchtet zudem, dass die Vorgaben beim Import von Produkten mit tierischen Inhalten (Kekse aus Butter und Milch) nicht überprüft werden könnten.
Zu den Gegnern zählt auch Swissveg, die Interessenvertretung für Veganerinnen und Veganer. Dem Verein zufolge schade die Initiative «möglicherweise mehr, als sie nützen könnte». Die Initiative würde Biofleisch als «völlig unproblematisch» darstellen und suggerieren, dass es in der Schweiz nach Annahme der Vorlage keine Massentierhaltung mehr gebe.