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Willkommen in der Polit-WG in Bern. Die drei Nationalräte Mike Egger (SVP), Franzsika Ryser (Grüne) und Andri Silberschmidt (FDP) wohnen hier während den Sessionen. Bild: Watson

Interview

Zum Zmorge in der Nationalrats-WG in Bern – hier wohnen drei Parteien unter einem Dach

So etwas hat es in der Schweiz noch nie gegeben: Drei Jung-Nationalräte (FDP, SVP, Grüne) wohnen zusammen in Bern in einer Wohngemeinschaft. Wer sie zur Einweihungsparty einladen und welche Parlamentsdiskussionen am Esstisch weitergeführt werden – zum Frühstück in der Polit-WG.

Jara Helmi, Lino Haltinner


Dass hier im Monbijou-Quartier drei Leute in einer nicht herkömmlichen Wohngemeinschaft zusammengefunden haben, verrät bereits das Namensschild an der Klingel: «Ryser / Egger / Silberschmidt #PolitWG».

Was draufsteht, ist auch drin. Seit zwei Wochen wohnen die drei Jung-Nationalräte zusammen in Bern. Franziska Ryser von den Grünen, Mike Egger von der SVP und Andri Silberschmidt von der FDP sorgten mit ihrer parteiübergreifenden WG für viel Erstaunen – auch über der Landesgrenze hinaus. Denn so etwas gab es bisher noch nicht.

So sieht es in der Polit-WG aus:

Video: watson/Lino Haltinner, Jara Helmi,

Im Oktober wurden die 28-jährige Franziska Ryser und der 25-jährige Andri Silberschmidt (das jüngste Ratsmitglied) neu ins nationale Parlament gewählt, der 27-jährige Mike Egger rückte bereits im Frühling für Toni Brunner nach.

Jetzt sitzen sie gemeinsam am Esstisch in ihrer Wohnung und essen Frühstück. «Wer will den ‹Gupf›?», fragt der Rheintaler Egger und schneidet das Brot an. Joghurt, Käse, «High Protein»-Milkshakes und Müsli sollen die drei Politiker stärken, bevor sie ins Parlament an die Arbeit müssen.

In der Vierzimmerwohnung hallt es noch etwas. Viel mehr als ein grosser Esstisch und eine Kommode stehen noch nicht im hellen Wohnzimmer, das an die halboffene Küche grenzt. Denn nach der Wahl musste es ruckzuck gehen, Zeit zum Einrichten blieb nicht.

Woher kam die Idee einer Polit-WG und steckt überhaupt mehr dahinter als reine PR-Strategie?
Andri Silberschmidt:
Es ist kein PR-Gag. Die Idee einer überparteilichen Wohngemeinschaft kam von meinem damaligen Chef bei der Bank. Nach kurzer Überlegung war ich davon begeistert.

Wie haben Sie Ihre WG-Gspändli ausgewählt?
Silberschmidt:
Ich habe vor allem neugewählte, junge Politikerinnen und Politiker angefragt – auch bei der SP und der GLP. Die meisten hatten entweder bereits eine Unterkunft oder wollten zuerst in Bern ankommen, bevor sie sich in ein WG-Abenteuer stürzen. Vielleicht haben sie das aber auch nur als Ausrede gebraucht, um nicht mit mir wohnen zu müssen (lacht).

Mike Egger, Sie haben sich darauf eingelassen, obwohl Sie vorher nicht in Bern wohnten. Warum?
Egger: Vor allem weil es praktisch ist. Vorher residierte ich jeweils in Hotels, das war umständlich. Hier kann ich meine Sachen deponieren und muss sie nicht immer hin- und herschleppen. Zudem ist es eine Kostenfrage, diese Wohnung kommt uns unter dem Strich günstiger. Doch es geht auch um mehr: In den nächsten vier Jahren erwarten uns im Nationalrat grosse Herausforderungen wie die Altersvorsorge oder die Krankenkasse. Hier müssen wir parteiübergreifende Synergien nutzen, um solche Probleme lösen zu können. Wenn bei diesen Themen jede Partei alleine etwas vor sich hin wurstelt, kommt das nicht gut. Das wollen wir mit dieser WG auch gegen aussen symbolisieren.

Die drei Jungpolitiker wirken trotz teils komplett unterschiedlicher politischer Ansichten, vertraut. Sie scherzen, gehen beim Gespräch aufeinander ein und berichten amüsiert von ihrem gemeinsamen WG-Weihnachtsessen am Abend zuvor.

Während des Essens hätten sie sich die Leserkommentare zu den Berichten über ihre WG angeschaut. «Bei anderen Artikeln über Politik liegen sich die Leser in der Kommentarspalte in den Haaren. Aber bei unserer WG sind sich alle einig und finden es eine gute Sache», sagt der Zürcher Silberschmidt. Es sei schön, das vorleben zu können. Man dürfe aber auch nicht zu viel reininterpretieren; die politischen Differenzen würden trotzdem bestehen bleiben.

Wie haben Ihre Parteikollegen reagiert, als Sie von Ihrer WG-Gründung erzählt haben?
Egger: Es finden alle ein cooles Projekt. Aber es werden schon Wetten abgeschlossen, wie lange die WG hält (lacht).

Bisher gab es noch nie eine überparteiliche Nationalrats-WG. Was sagt das über die neue Politiker-Generation aus?
Ryser: Wir alle drei haben bereits in WGs gewohnt. Für uns ist dieses Konzept daher nicht fremd, was es für Ältere eher ist.
Egger: Für mich stehen die jungen Politiker tendenziell für mehr Konsens. Wir probieren, dort miteinander zusammenzuarbeiten, wo es geht und sagen nicht grundsätzlich nein. Das macht uns aus. Trotzdem werden wir auf sachlicher Ebene gegeneinander kämpfen, ohne persönlich zu werden.
Silberschmidt: Wir haben keine Berührungsängste. Parlamentarier, die zuerst 20 Jahre lang in ihrem Kanton politisiert haben, sind bereits davon geprägt. Wir haben zwar auch Erfahrung aber unser junges Alter erlaubt es uns, Sachen entspannter zu sehen. Wir sind nicht festgefahren und haben das Gefühl, dass nur eine Meinung zählt. Sondern haben die Bereitschaft, uns das Gegenüber anzuhören und es in die eigene Argumente einzuordnen. Das zeugt von Stärke.

Gibt es Parlamentarier, mit denen Sie keine WG gegründet hätten?
Silberschmidt
: Ich nenn jetzt mal keine Namen (lacht).
Egger: (lacht) Ich glaube, wir denken an dieselbe Person.

Die da wäre?

Egger: Wir schweigen.

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Beim Frühstück in der Polit-WG: Bereits am Morgen beginnen die drei Nationalräte mit dem Politisieren. Bild: Watson

Die Produkte auf dem Tisch sind alle mit einem Bio-Label versehen. Hat die Grünen-Politikerin ihre zwei Mitbewohner bereits umerzogen? «Nein», winken die beiden bürgerlichen Politiker ab. Saisonale und regionale Ernährung hätte nichts mit der politischen Einstellung zu tun. Doch beim Einrichten der Wohnung konnte die 28-jährige St. Gallerin Franziska Ryser ihre ökologischen Überzeugungen einbringen. «Sie hatte die Idee, einen Teil der Möbel im Brockenhaus zu kaufen. Das fand ich sehr gut, wäre aber selber nicht darauf gekommen», sagt Silberschmidt. So würden sie sich ergänzen. Solche Inputs zu kriegen, sei spannend. «Auch hier in der Wohnung müssen wir uns in der Mitte finden, wie in der Politik», sagt Silberschmidt.

Drehen sich Ihre Tischgespräche ausschliesslich um die Politik?
Ryser: Politikfrei ist unsere WG natürlich nicht. Aber es ist auch nicht so, dass wir die Diskussionen aus dem Parlament direkt beim Abendessen weiterführen. Gestern hat Andri zum Beispiel von seiner Idee für einen Vorstoss erzählt. Und dann konnte ich gleich einen Gedanken einbringen. Ob er es dann aufnimmt, weiss ich es nicht. Zumindest konnte ich von Anfang an eine andere Sichtweise platzieren, das ist gut.
Egger: Meine Vision ist es, hier im Wohnzimmer ein Whiteboard aufzuhängen, wo wir Ideen aufschreiben, um einen WG-Vorstoss zu lancieren. Das muss es unbedingt in den nächsten vier Jahren einmal geben.

Nun die wichtigste Frage zum Schluss: Wann steigt die WG-Einweihungsparty?
Ryser: Ich wurde schon von vielen Politikern angefragt, wann die Party stattfindet. Dürfen wir das Datum schon sagen?
Silberschmidt: Im März während der Frühlingssession.

Und wer bekommt eine Einladung?
Silberschmidt: Die Jüngeren im Parlament und solche, mit denen wir engen Kontakt haben. Aber alle 250 können wir leider nicht zu uns einladen.
Egger: Ich hoffe einfach, wir bekommen dann keine Reklamationen (lacht).

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