Böse Kommentare zu den Brandopfern: Dahinter steckt ein psychologisches Phänomen
Dass man auf eine Unglücksmeldung mit Empathie reagiert, ist normal, oder?
Claus Lamm: Ja, Empathie ist ein Automatismus, der bei Menschen rasch ausgelöst wird. Gleichzeitig kommt es nach so einem Unglück zur Verunsicherung, ob das einem selbst auch passieren könnte. Diese Gefühle muss man aushalten können. Wenn es sich dann um eine Situation handelt, in der man nichts mehr ausrichten kann, nicht helfen kann, nicht spenden, kann die Stimmung kippen. Dann sagen manche Leute: «Selber schuld! Mir würde das nie passieren, weil ich in so eine Bar nie gehen würde oder es meinen Kindern nicht erlauben würde.» Das sind Abwehrmechanismen.
Unsere Redaktion hat viele der Kommentare zum Ereignis in Crans-Montana löschen müssen, weil die Leute just solches schrieben: «Wie dumm muss man sein». Und: «Selber schuld».
Ja, typischerweise hört man das bei Bergunfällen, aber auch Vergewaltigungsopfer kriegen das zu hören. Diese Abwehrreaktion gibt einem das Gefühl, selbst sei man Herr der Lage, und würde nie in ein solches Setting geraten.
Dabei geschah es in einer Bar – ein Ort, wo sich wohl alle von uns schon einmal aufgehalten haben.
Ja, das löst Ängste aus, mit denen man entweder konstruktiv umgehen kann als gereifte Persönlichkeit. Oder wenn man die Ängste oder den Stress nicht regulieren kann, schlägt es um in Abwehr: «Was mussten die auch da hingehen, und was müssen die Jungen auch immer feiern…» Solches denken viele – aber es kommt darauf an, ob man merkt, ob diese Denkweise jetzt angebracht ist und die Opfer wirklich etwas dafür können. Das Leben ist nun mal riskant, und es kann uns immer etwas Unvorhergesehenes passieren.
Wenn man im Fall von Crans-Montana sagt: Sowas passiert. Ist man dann schon zu abgebrüht?
Es kommt darauf an, wie man es meint. Wenn man damit sagen will: «Jetzt hört doch mal auf zu heulen», dann ist es ein Zeichen, dass die Person mit der Emotion nicht umgehen kann. Wenn es aber ein seufzendes Akzeptieren ist, dass die Welt nicht vorhersagbar ist und solche Dinge passieren und man trotzdem empathisch bleibt, ist es eine ganz andere Sache. Eher ein weiser Schluss. Vieles sollte in hochentwickelten Ländern wie den unseren nicht mehr passieren, aber es passiert trotzdem.
Stimmt es, dass mit diesem Bewusstsein auch die Resilienz wächst, dass also Personen, die sich bewusst sind, dass Schlimmes passieren kann, besser damit umgehen können, wenn es dann passiert?
Absolut. Menschen die sich denken «mir passiert eh nie was, ich hab alles unter Kontrolle» haut es eher um als solche, die sehen, was passieren kann und dass es einen auch selbst treffen kann. Die sind ganz anders darauf vorbereitet.
Aber die meiste Zeit leben wir doch mit der Illusion, dass einem so etwas nicht passieren könnte.
Ja, sonst müssten wir auch beim Fahrradfahren sagen: Das ist viel zu riskant, ein Auto kann mich überfahren, ich kann trotz Helm schwer stürzen. Ich glaube, wir brauchen diese Illusion der Sicherheit. Genau deshalb wirken solche Unglücke so schwer: Wir werden aus der Illusion gerissen. Und die Menschen gehen unterschiedlich damit um. Man sollte jetzt aber auch nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die das weniger gut hinbekommen.
Sind das im Grunde die gefühlvolleren Menschen, wenn es für sie zu viel ist?
Ich würde das anders erklären: Gefühle haben eine automatische Komponente und eine kontrollierbare. Die automatische ist unter Menschen ähnlich gross. Die Unterschiede liegen darin, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Wir können sie konstruktiv nutzen oder eben nicht. Jene, die das nicht können, schreiben dann die Hass-Kommentare.
Kann man auch zu empathisch sein?
Ja, natürlich. Empathie kann überfordern, das sieht man oft in helfenden Berufen wie in der Pflege oder bei Rettungssanitätern. Die benötigen eine gute Verarbeitungsstrategie, sonst brennen sie aus.
Ist es in Ordnung, sich von solchen Schreckensmeldungen fernzuhalten und zu sagen: «Ich lese das nicht.»?
Absolut. Wenn man weiss, dass man entweder in zu viel Empathie oder in die Ablehnung kippt, ist es absolut legitim zu sagen, ich tu mir das nicht an oder ich lasse es mir von anderen gefiltert erzählen. Man kann sich auch mit etwas Abstand erst in zwei, drei Wochen genauer informieren und fragen, welche die richtigen Schlüsse sind, die daraus zu ziehen sind.
Wie geht man idealerweise mit angsterfüllenden Neuigkeiten um und bleibt empathisch?
Es gibt kein ideales Verhalten in diesem Spannungsfeld. Wichtig ist, dass man seine eigenen Grenzen erkennt. Und dass man merkt, wenn man abstumpft und auf das Leid der Welt nur noch mit Zynismus reagiert. Oder wenn man eher überreagiert, dass man sich überlegt, wie man sich über Reflexion besser regulieren kann.
Stimmt es, dass Empathie eine Intelligenz ist, die mit dem Alter immer stärker wird?
Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass die automatische, unmittelbare Emotionalität etwas abnimmt, und gleichzeitig gibt es mit der Erfahrung mehr Platz für Reflexionsfähigkeit und konstruktive Gedanken.
Kann man Empathie bei Kindern fördern?
Ja, Empathie ist lernbar. Wenn Kindern vermittelt wird, dass es okay ist, Gefühle zu haben, werden Kinder auch empathischer gegenüber anderen. Es geht immer um die Balance zwischen Gefühle empfinden und deren Regulation, und die kann man fördern, aber auch einfordern. Von Kindern, aber auch von Erwachsenen. Wir alle lernen nie aus, und an solchen schrecklichen Ereignissen wächst man immer auch ein bisschen, oder sollte es zumindest versuchen.
(aargauerzeitung.ch)
