«Dieses Unglück reiht sich anders ein als die Katastrophen zuvor»
Als Sie am Neujahrstag von der Katastrophe in Crans-Montana vernommen haben – was ging Ihnen da durch den Kopf?
Wilfried Meichtry: Ein grosses Gefühl der Betroffenheit. Ich kenne Crans-Montana sehr gut; ich bin nicht weit weg davon aufgewachsen. Als ich von der riesigen Opferzahl hörte, konnte ich es fast nicht glauben. Und natürlich kreisten meine Gedanken auch schnell um meine eigenen Kinder, die um die zwanzig Jahre alt sind. Es ist unvorstellbar, wie schnell ein junges Leben zu Ende sein kann. Das wurde der Schweiz in einer Dimension ins Bewusstsein gerufen, die sie bislang nicht gekannt hat.
Haben Sie auch gedacht: Nicht schon wieder das Wallis?
Nein, dieser Gedanke ist mir nicht gekommen. Das Wallis hat zwar eine riesige kollektive Erinnerung an Katastrophen. Aber dieses Unglück jetzt reiht sich anders ein.
Wie meinen Sie das?
Die Walliser Katastrophen waren allermeist Naturkatastrophen: Lawinen, Murgänge, Bergstürze, Überschwemmungen. Das Unglück von Crans-Montana ist auf vielen Ebenen anders. Es traf die Menschen beim Feiern, in der Ausgelassenheit – das hätte es im Wallis vor 100 Jahren gar nicht gegeben. Es ist eine moderne Katastrophe, die man eher mit dem städtischen Leben in Verbindung bringt. Die jungen Menschen starben nicht wegen eines Naturereignisses, sondern letztlich durch eine Verkettung von unglücklichen, unerwarteten Zufällen und einem möglichem – noch zu untersuchenden – menschlichen Versagen – was den Tod der vielen jungen Menschen noch sinnloser macht.
Was bedeutet dies für die Bewältigung?
Es macht sie immens schwieriger. Im Wallis lebte man mit der Gefahr der Natur; man musste sich seinen Lebensraum immer wieder dagegen erstreiten. Und wenn es zu einem Unglück kam, dann wurde dies nicht selten religiös gedeutet: als Strafe Gottes für unrechtmässiges Handeln. Das ist schlimm, aber gab den Menschen auch eine Erklärung, eine höhere Sinnstiftung. Es ist tröstlich, wenn man meint, mit dem eigenen Handeln und den Gebeten sein Schicksal zum Besseren beeinflussen zu können. Aber dies gehört der Vergangenheit an. Heute ist die Gesellschaft im Wallis säkular und modern, auch wenn dies in der Ausserschweiz noch nicht überall angekommen ist. Dieser Fortschritt bringt natürlich aber auch grosse Vorteile, wie man beim Unglück von Blatten beobachten konnte.
Inwiefern?
Blatten war verheerend: Menschen haben ihr Hab und Gut verloren, eine Person ist gestorben. Aber man muss schon sehen: Ohne den technischen Fortschritt wäre es der Gemeinde ergangen wie den Menschen beim Bergsturz in Arth-Goldau 1806 mit 450 Toten: Ein ganzes Dorf wäre zu Tode gekommen. Das ist nicht passiert, weil man es rechtzeitig evakuieren konnte.
Sie haben vorhin gesagt, das Wallis habe kulturgeschichtlich ein grosses Katastrophenbewusstsein.
Absolut. Man findet im ganzen Kantonsgebiet Denkmäler an kleinere und grössere Katastrophen. Bis zur Begradigung der Rhone konnte man im Walliser Talgrund nicht ohne das Bewusstsein siedeln, dass jederzeit alles weggeschwemmt werden kann. Und auch grosse Murgänge oder Lawinen haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ich bin in der Nähe des Illgrabens aufgewachsen, wo es immer wieder grosse Murgänge gegeben hat. Noch bis ins 20. Jahrhundert haben die Menschen dort unter dem Bett einen fertig gepackten Fluchtkoffer aufbewahrt, in dem das Nötigste für die Flucht bereitlag. Um jederzeit bereit zu sein, sofort alles stehen und liegen zu lassen. Das ist heute nicht mehr so, aber es prägt, und verstärkte sich durch die Religion. Das macht die Walliser auch zu so harten Menschen.
Hart – oder resilient?
Beides. Die Walliser pflegen eine seltsame Beziehung zu ihrer Heimat, sie sind sehr erdverbunden. Sie haben ihren Lebensraum der Natur abgetrotzt, aber sie sind dieser Erde auch sehr verbunden. Für mich als Student war jeweils klar, dass ich an den Wochenenden zurück ins Wallis fahre, und vielen anderen ging es genau so. Die Menschen sind sehr erdverbunden und rücken eng zusammen, vielleicht auch aufgrund der zahlreichen gemeinsamen Erfahrungen, auch durch die Abschottung.
Crans-Montana passt schlecht in diese Erzählung: Es ist ein internationales Ski-Resort wie Gstaad oder St. Moritz.
Ja, oder wie Verbier oder Zermatt. Crans-Montana steht für ein moderneres Wallis, das verstädtert. im Winter befinden sich teilweise zwischen 25'000 und 30'000 Menschen dort, das ist kein Dorf mehr, das ist nach Schweizer Verhältnissen eine mittlere Stadt. Und natürlich wissen wir, dass sich Katastrophen auch in unserer Freizeit ereignen können. Vor allem global betrachtet: Clubs gibt es in Rio de Janeiro, Shanghai und Tokio – und dort würde man ein solches Unglück, wie es eben passiert ist, auch eher verorten. Aus einer kulturhistorischen Perspektive ist es hier im Wallis und wohl in dieser Dimension auch in der gesamten Schweiz eine neue Erfahrung. Wir leben hier in der sichersten aller Welten, und dennoch lauert die Lebensgefahr sogar in der Ausgelassenheit. Ich denke, dass uns dieses Ereignis neu prägen wird. (aargauerzeitung.ch)
