Mobbing und extreme Arbeitszeiten: Neue Vorwürfe gegen die Morettis
Zwei Monate nach dem Brand in Crans-Montana kommen neue Vorwürfe gegen die Barbetreiber Jacques und Jessica Moretti ans Licht. Mehrere Angestellte, die in den Lokalen «Constellation», «Senso» und «Vieux Chalet» gearbeitet hatten, beklagten niedrige Löhne, extreme Arbeitszeiten sowie Mobbing. Das Umfeld sei stark auf Kostensenkung ausgerichtet gewesen, heisst es in einer neuen Ermittlungsakte, die «24 Heures» vorliegt.
Besonders schwer wiegen die Aussagen des 22-jährigen Lucas, der ab Ende 2024 im «Vieux Chalet» als Barkeeper und Kellner arbeitete. Oft sei er allein für rund 20 Tische zuständig gewesen. Seine Arbeitstage dauerten laut eigener Aussage teils von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts, mit nur einer kurzen Pause. Eine Einstellung von zusätzlichem Personal sei immer wieder angekündigt, aber nie umgesetzt worden. Trotz dieser Belastung habe Lucas' Gehalt nur bei 18.80 Franken pro Stunde gelegen.
Zudem berichtet der ehemalige Angestellte, dass günstige Produkte teilweise unter anderen Bezeichnungen verkauft worden seien. Er habe beobachtet, wie Jacques Moretti etwa billiges Bier eingekauft habe, um es seinen Kunden unter anderem Namen zu servieren. Andere Ex-Mitarbeiter hatten übereinstimmend ausgesagt.
Das Verhältnis zum Ehepaar Moretti beschreibt Lucas als angespannt. Er sei mehrfach respektlos behandelt und vor einem Kollegen beleidigt worden. Moretti soll Dinge wie «Halt den Mund, ich bin der Chef, bleib an deinem Platz!» zu ihm gesagt haben.
Im Sommer 2025 arbeitete Lucas nach eigenen Angaben bis zu 90 Stunden pro Woche. Ferien habe er monatelang nicht gehabt. Im September sei er zusammengebrochen und habe die Missstände bei der Walliser Schlichtungsstelle für Arbeitsrecht gemeldet. Daraufhin habe ihm ein Arzt Angstzustände und Depression diagnostiziert.
Die Morettis reagierten auf diese Anschuldigungen und beschuldigten ihren Mitarbeiter, seine Stelle verlassen zu haben, zweifelten sein ärztliches Attest an und drohten mit rechtlichen Schritten, um eine Mietzahlung von 6000 Franken durchzusetzen. Wenig später verzichteten beide Seiten auf weitere Forderungen, womit der Konflikt beigelegt war.
Lucas' Aussagen wurden durch mehrere Zeugen schriftlich belegt, berichtet «24 Heures». Im Prozess kamen allerdings auch ehemalige Mitarbeiter zu Wort, die die Betreiber als fürsorglich beschrieben und von einem guten Arbeitsklima berichteten.
Die Ermittlungen laufen weiter. Das Betreiberpaar gilt weiterhin als unschuldig, solange kein rechtskräftiges Urteil vorliegt. (hkl)
