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Crans-Montana-Sicherheitschef: «Ich hatte nie ein Pflichtenheft»

Firemen clean up the memorial for the victims of the deadly fire at the "Le Constellation" bar, after the memorial caught fire in Crans-Montana Switzerland, early on Sunday, February 1, 2026 ...
Feuerwehrleute säubern die Gedenkstätte für die Opfer des tödlichen Brandes in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana, Schweiz, am 8. Februar 2026.Bild: keystone

Crans-Montana-Sicherheitschef zu Staatsanwaltschaft: «Ich hatte nie ein Pflichtenheft»

15.02.2026, 11:5515.02.2026, 11:55

Wer trägt die Verantwortung für die Brandkatastrophe, die 41 junge Menschen das Leben kostete und Dutzende fürs Leben zeichnete? Während die Gemeinde Crans-Montana und der Kanton Wallis die Schuld von sich weisen, offenbart der Blick auf die Sicherheitsstruktur gravierende Mängel. Nebst den Behörden liegt der Fokus auf den Brandschutzbeauftragten – ein gelernter Holzfäller und ein ehemaliger Autoverkäufer –, die ohne ausreichende Qualifikation und unter chronischer Überlastung agierten.

Siméon J. war bis Februar 2024 Leiter des Sicherheitsdienstes von Crans-Montana. Er sprach letzten Montag vor den Staatsanwältinnen, berichtet der Tages-Anzeiger. Auf die Frage nach seiner Qualifikation sagte er laut Protokoll: «Ich habe einen EFZ-Abschluss als Holzfäller.» Danach habe er sich zum Lokführer umschulen lassen. «2017 begann ich als Sicherheitsbeauftragter für Brandschutz für die Gemeinde Crans-Montana. Im Jahr 2021 wurde ich dann Leiter des Sicherheitsdienstes.» Um Sicherheitsbeauftragter zu werden, habe er eine halbtägige Schulung absolvieren müssen. Danach habe es eine obligatorische jährliche Fortbildung von einem Tag gegeben.

Als Siméon J. die Funktion übernahm, sei ihm schnell klar geworden, dass die Ausbildung nicht ausreichte, um den Anforderungen gerecht zu werden. «Deshalb habe ich 2010 im Kanton Waadt eine Ausbildung zum kommunalen Brandschutzexperten absolviert. Nach einer Prüfung erhielt ich ein Diplom. Diese Ausbildung dauerte etwa zehn Tage», erklärt Siméon J.

«Ich persönlich hatte auch Aufgaben im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Hygiene. Ebenso war ich für die Instandhaltung und das Mähen von Wiesen sowie für die Stellungnahmen zu Gesuchen für Feue ...
«Ich persönlich hatte auch Aufgaben im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Hygiene. Ebenso war ich für die Instandhaltung und das Mähen von Wiesen sowie für die Stellungnahmen zu Gesuchen für Feuerwerke zuständig.»Bild: Tagesanzeiger

Fehlende Ressourcen

«Ich hatte nie ein Pflichtenheft», erklärt Siméon J. Zu seinen Aufgaben gehörten unter anderem die Prüfung der Unterlagen für Neubauten, Besichtigungen zur Erteilung von Wohn- oder Nutzungsgenehmigungen (Geschäfte) von Neubauten und die Überwachung aller thermischen Anlagen.

«Ich war auch für die Pflege und das Mähen von Wiesen sowie für die Bearbeitung von Feuerwerksanträgen zuständig.»
Siméon J.

«Im Jahr 2017, als ich anfing, war ich allein für die Sicherheit zuständig. Ich habe fünf verschiedene Personen aus den ehemaligen Gemeinden abgelöst, die alle unterschiedlich gearbeitet haben.» Siméon J. musste erst einmal alle seine Vorgänger treffen, um zu verstehen, wie bisher gearbeitet wurde. Er merkte rasch, dass er als Einzelner überfordert war: «Ich hatte meinem Chef der Bauabteilung (Blaise Favre) und dem für Sicherheit zuständigen Gemeinderat mehrere Berichte vorgelegt, um auf den Mangel an Ressourcen hinzuweisen.»

Vom Autoverkäufer zum Sicherheitschef

Im Mai 2024 wurde Christoph B. Sicherheitschef in Crans-Montana. «Ich war als Feuerwehrkommandant und Sicherheitsbeauftragter für die drei Gemeinden Ayent, Arbaz und Grimisuat tätig, deren Feuerwehren fusioniert hatten. Dort habe ich elf Jahre lang gearbeitet», sagte Christoph B. in der Befragung. «Ich habe die Ausbildung zum Brandschutzfachmann absolviert. 2017 habe ich die Prüfung abgelegt. Wie 85 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten bin ich durchgefallen.» Sicherheitschef von Crans-Montana wurde er trotzdem.

Zwei Einrichtungen wurden bere itsgeschlossen, darunter ein Hotelbetrieb für Schulgruppen. Skilager können nicht stattfinden.
Zwei Einrichtungen wurden bere itsgeschlossen, darunter ein Hotelbetrieb für Schulgruppen. Skilager können nicht stattfinden.Bild: Tages-Anzeiger

Lückenhafte Kontrollen

Obwohl jährliche Kontrollen vorgeschrieben wären, fand die letzte Besichtigung im «Le Constellation» im Jahr 2019 statt. Die nächste wäre erst im April 2026 vorgesehen gewesen. Warum, konnte Christoph B. nicht sagen. Siméon J. sagte aus, dass während der Coronazeit keine Besuche durchgeführt wurden. Warum? Das fragte niemand.

Christoph B. gab zu: «Wir haben nicht die Ressourcen, um diese periodischen Kontrollen lückenlos zu verfolgen. Wir planen so viele Besichtigungen wie möglich, im Wissen, dass wir die Verordnung mangels Ressourcen nicht einhalten.» Das sei ein Problem, das in den Walliser Gemeinden seit Jahren bekannt ist.

Der Kanton verhinderte mehrmals die Schliessung von sehr gefährlichen Gebäuden.
Der Kanton verhinderte mehrmals die Schliessung von sehr gefährlichen Gebäuden.

Nimmt man die periodischen Kontrollen von öffentlichen Betrieben, Unternehmen und Gebäuden mit mehr als zwei Stockwerken zusammen, käme Christoph B. auf etwa 500 Kontrollen pro Jahr. «Wir hatten 119 Besuche», erklärt der ehemalige Immobilienhändler, «davon 40 Erstbesichtigungen (also Dossiers, die neu eröffnet wurden) und etwa 80 zur Nachverfolgung von Mängeln.» (val)

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