«Polarwirbel-Einbruch» und erneute «Kältewelle» Ende Januar? Es ist kompliziert ...
«Wettermodelle schlagen Alarm», «Die nächste Kältewelle rollt auf uns zu», von «geschockten Wetterforschern» ist da die Rede: Zurzeit machen verschiedene (mehr oder weniger seriöse) Meldungen, besonders in Deutschland, die Runde, die vor einem erneuten Wintereinbruch «warnen». Auch hierzulande wird fleissig nach «Polarwirbel», «Wetter» und «Kältewelle» gegoogelt.
Das ist nachvollziehbar: Zum einen ist es ebendieser Polarwirbel, der im Winter einen Grossteil unseres Wetters beeinflusst. Zum anderen scheint tatsächlich etwas dran zu sein an diesen Prognosen für einen erneuten Kälteeinbruch.
So funktioniert der Polarwirbel
In den Wintermonaten entsteht jedes Jahr über den Polen abwechslungsweise ein sogenanntes Höhentief. Das bedeutet, es kommt in grossen Höhen zu extrem kalter Luft. Dem liegt zugrunde, dass in den Wintermonaten an den Polen das Sonnenlicht die hohen Breiten nicht mehr erreicht. Der Austausch der Luftmassen findet dadurch nur noch begrenzt statt.
In der Folge kann sich ein mächtiger, im Normalfall abgeschlossener Kaltluftkörper bilden. Abgeschlossen wird die Luft nämlich durch einen starken Jetstream, den Polarjetstream. Wie sich nun das Wetter in den verschiedenen Breitengraden gestaltet, hängt massgeblich von der Stärke und der Richtung dieses Starkwindbands ab: Ist die Lage wie im Bild links, dann besteht eine starke Westwindströmung bei uns. Das bringt keine extrem tiefen Temperaturen zu uns, dafür gelegentlich Sturmtiefs, die sich im Atlantik aufgebaut haben. Mit anderen Worten: Eine solche Lage mit starkem Jetstream und «eingeklemmter» Kaltluft über dem Nordpol äussert sich bei uns in Form eines eher milden, dafür niederschlagsreichen Winters.
Beginnt umgekehrt der Polarjetstream instabil zu werden, können Teile des Kaltluftkörpers abgedrängt werden. Dabei gelangt besonders kalte Luft aus dem Norden bis weit in den Süden hinein.
Das sagen die Prognosen wirklich
Wie sieht das Ganze also im Moment aus?
Zunächst zeigen uns die kurzfristigen (verlässlicheren) Prognosen, dass das Wetter in den kommenden Tagen «langweilig» bleibt, wie Meteo News in seinem Blog schreibt. Demnach bleibt es ziemlich sonnig, mit einigen hohen Wolkenfeldern, und eher mild – ausser im Mittelland, wo der Nebel ein grosses Thema bleibt.
Die Prognosen bis und mit kommenden Donnerstag:
Den längerfristigen Prognosen, also denjenigen für Ende Januar und Anfang Februar, hat sich die Westschweizer Ausgabe von Meteo Schweiz gewidmet.
Dort heisst es: «In der letzten Januarwoche dürfte sich die Lage mit dem Ende der Blockade in Osteuropa etwas ändern.» Mit dieser Blockade ist ein Hochdruckgebiet über Osteuropa gemeint, das derzeit verhindert, dass die übliche Westströmung nach Europa vordringen kann. Die flachen Tiefdruckgebiete, die wettermässig für Abwechslung sorgen könnten, «ziehen daher südwärts in Richtung Iberische Halbinsel», so Météo Suisse. Ergo die eher langweilige Wetterlage.
Für die Woche vom 26. Januar bis 1. Februar hat sich das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie den Durchschnitt mehrerer Wettermodelle und Szenarien angeschaut. Bei diesem Durchschnittsszenario sei es, ähnlich der Vorwoche, wahrscheinlich, dass sich die Westströmung abschwäche und weiter südlich als üblich liege.
«In dieser Situation ist ein Tiefdruckgebiet (B) über dem westlichen oder zentralen Mittelmeer wahrscheinlich», so Météo Suisse. Über Skandinavien werde derweil überdurchschnittlicher Luftdruck (positive Anomalie) erwartet, «möglicherweise mit einem Hochdruckgebiet (H)». Die «Blockierungszone» der Vorwoche über Osteuropa würde sich wohl in Richtung Skandinavien verlagern.
So könnte das Ganze aussehen:
Mit anderen Worten: Der Polarwirbel zeigt sich bereits jetzt instabil: Die kalte Luft, die er normalerweise über dem Nordpol zusammenhält, ist nach Sibirien, also nach Süden abgedrängt worden. Das passierte in dieser Saison bereits zweimal – und beide Male folgte darauf ein Wintereinbruch in weiten Teilen Europas.
Undeutliche Lage für die Schweiz
Was heisst das für das Wetter? Météo Suisse erklärt: «Es zeigt sich ein deutliches Signal für sehr niedrige Temperaturen über Russland und Osteuropa. Auch für den Atlantik und die Iberische Halbinsel werden Temperaturen leicht unter dem saisonalen Durchschnitt prognostiziert.» Die Kälte könne sich zudem über weite Teile Westeuropas ausdehnen.
Für die Schweiz ist die Lage hingegen weniger deutlich. Der Grund liegt darin, dass die Schweiz von verschiedenen Einflüssen beeinflusst zu sein scheint. Dies sei «vermutlich darauf zurückzuführen, dass verschiedene Szenarien ein Tiefdruckgebiet über Spanien vorhersagen», schreibt Météo Suisse, «das milde Luft aus dem Süden in unsere Regionen ziehen würde».
Das heisst ...?
Météo Suisse kommt zum Schluss, dass wohl eines von zwei Szenarien für die Schweiz eintreten wird – mit je unterschiedlicher Wetterlage.
Szenario 1: Kalte Luft bis in die Schweiz
Im ersten Szenario würde sich ein sogenannter Hochdruckrücken (im Bild mit «H» beschriftet) in Richtung Skandinavien ausdehnen. Gleichzeitig würden mehrere kleine Tiefdruckgebiete («B») zwischen Frankreich und dem Mittelmeerraum zirkulieren. «Dieses Szenario würde eine Ausbreitung kalter Luft aus Russland nach Westen begünstigen, insbesondere über Nordfrankreich und Südengland.» In der Folge befände sich auch die Schweiz innerhalb dieser Kaltluftmasse, auch wenn sie eher am Rande der kältesten Gebiete stünde.
Szenario 2: Kalte Luft reicht nicht bis in die Schweiz
Im zweiten Szenario bliebe die Schweiz von einem Kaltlufteinbruch «verschont». Die Situation über Europa sieht dabei ähnlich aus wie im ersten Szenario – mit dem Unterschied, dass sich über Spanien ein ausgeprägteres Tiefdruckgebiet formiert. Das hat eine schwache südliche Strömung über Westeuropa zur Folge, so Météo Suisse. Für die Schweiz wird daher abgeleitet: «Die Kaltluft reicht nicht über Norddeutschland hinaus.»
Fazit: Der Polarwirbel zeigt sich in Bewegung, ein Kaltlufteinbruch über Russland und Osteuropa bis hin nach Norddeutschland scheint sehr wahrscheinlich. Auch in Westeuropa, genauer: auf der iberischen Halbinsel, sind unterdurchschnittliche Temperaturen wahrscheinlich.
Für die Schweiz könnten wir zurzeit hingegen noch eine Münze werfen ...
