Schweiz
Gesellschaft & Politik

Urbanisierung: Schweiz wächst zur Metropole – auch ohne Millionenstadt

Die Schweiz wächst zur Metropole – auch ohne Millionenstadt

Neue Zahlen zeigen, wie eng verflochten grosse Teile der Schweiz mit einer Stadt sind – und warum die Urbanisierung hierzulande immer weiter fortschreitet. Sie hat positive und negative Konsequenzen.
03.03.2026, 22:5603.03.2026, 22:56

Die Schweiz wird zur Stadt. Das zeigen neue Daten. Zwar schafft es ihre grösste Gemeinde Zürich mit 450'000 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht einmal unter die 100 grössten Europas, von Genf, Basel oder Bern ganz zu schweigen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn nicht die politischen Grenzen betrachtet werden, sondern die Lebensrealität, sieht die Sache anders aus.

Das zeigt sich beispielsweise an der Einwohnerzahl der Regionen, die mit den Städten eng verflochten sind. Die europäische Statistikbehörde Eurostat hat dafür die Messgrösse «funktionales städtisches Gebiet» («functional urban area») definiert. Sie wird in jedem Land gleich gemessen und ist präziser als Indikatoren wie «Agglomerationen» oder «Metropolitanräume».

View overlooking Zurich and the highrise Prime Tower pictured on April 25, 2012, in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Blick ueber Zuerich mit dem Swiss Prime Tower, vorne, am Mittwoch,  ...
Teil einer grösseren städtischen Zone: Blick auf Zürich.Bild: KEYSTONE

Anfang 2024 lebten laut neuen Daten hierzulande 5,4 Millionen Menschen in solchen städtischen Gebieten, etwa 250'000 mehr als noch 2016. Im städtischen Gebiet Zürich leben über 2 Millionen Menschen. Es gehört zu den 20 grössten Europas. Zudem wachsen die hiesigen Gebiete prozentual überdurchschnittlich stark. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Auswertung des Bundesamts für Statistik (BFS). Zwischen 2016 und 2020 legten die Gebiete Genf, Lausanne und Bern stärker zu als die meisten untersuchten europäischen Gebiete. Zürich wurde in Sachen Bevölkerungswachstum gar nur von Bratislava und Helsinki geschlagen.

Ein funktionales städtisches Gebiet wird durch enge Verbindungen zwischen den Gemeinden im Umland und der Kernstadt definiert. Zu ihm gehören die Orte, aus denen mindestens 15 Prozent aller Erwerbspersonen in die Kernstadt pendeln. Im Fall von Zürich sind das etwa auch Baden AG, Rapperswil-Jona SG und Zug. Zu Bern werden Thun BE oder Burgdorf BE gezählt, zu Basel auch Muttenz BL oder Frick AG.

Für Basel werden zwei Werte berechnet: Innerhalb des Schweizer Teils leben 585'000 Menschen. Wenn auch die gemäss Definition dazugehörenden Gemeinden in Frankreich und Deutschland mitgezählt werden, steigt diese Zahl auf 850'000. Der Wert für Genf liegt mit den Gemeinden in Frankreich gar bei etwa 900'000 Menschen. Genf und Basel rücken damit in die Top 50 Europas vor.

Auffällig ist im Vergleich mit anderen europäischen Städten, dass die städtischen Gebiete um ein Vielfaches grösser sind als die Städte. Die vergleichsweise kleinen Kernstädte sind historisch begründet. Die Schweiz beherrschte nie ein grosses Reich mit einer starken, repräsentativen Hauptstadt wie Wien oder London.

Mehrheit wohnt in städtischer Gemeinde

Daneben entstanden auch aus geographischen Gründen und wegen des dezentralen Wesens der Schweiz keine Millionenstädte. Eingemeindungen in grossem Stil, im Ausland oft mit Zwang verbunden, gab es selten. Wenn, dann schlossen sich einzelne Gemeinden aus dem Umland aus finanzieller Not den Städten an – etwa Kleinhüningen 1908 Basel, Bümpliz im Jahr 1919 Bern oder mehrere Gemeinden bis 1934 Zürich.

Die Schweiz hat also keine grösseren Städte, wenn nur politische Grenzen betrachtet werden. Im Alltag, wo diese weniger wichtig sind, ist die Situation aber komplexer. Rund um Zürich gibt es beispielsweise einen zusammenhängenden Siedlungsgürtel, in dem mittlerweile fast eine Million Menschen lebt. Gemäss BFS leben drei Viertel der Bevölkerung in einer städtischen Gemeinde. Vor hundert Jahren war es noch ein Drittel. Vereinfacht formuliert hat die Schweiz keine grossen Städte, sie ist zusehends eine.

Dieser «Siedlungsbrei» zeigt sich auch in neuen Zahlen des «Copernicus»-Programms der EU. In einem Umkreis von 50 Kilometern ums Zürcher Stadzentrum leben 3,8 Millionen Menschen – mehr als in München, Wien oder Prag und nur etwa 20 Prozent weniger als in Berlin oder San Francisco.

Schweiz als Teil der «Blauen Banane»

Auch andere Städte kommen auf beeindruckende Zahlen: Im gleichen Radius rund um Luzern leben 2,9 Millionen Menschen. Basel kommt auf 2,4, St. Gallen auf 2,3, Genf auf 1,9 und Bern auf 1,8 Millionen. Da die Schweizer Städte nahe beieinander liegen, überschneiden sich die Kreise teilweise. Die Zahlen sind tief im Vergleich zu den grössten Weltstädten – London kommt auf 15 Millionen, New York City auf 16,5, Shanghai auf 36,5 Millionen – aber hoch im Vergleich zu vielen europäischen Städten.

Im Vergleich zu diesen ist das Umland zudem überdurchschnittlich gut an die Kernstadt angebunden, S-Bahn und Autobahnen sei Dank. Das führt dazu, dass viele Menschen nicht in der Kernstadt wohnen, aber dort arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Die Konsequenzen davon sind positiv und negativ: In den Kernstädten gibt es ein im Vergleich zur Bevölkerungszahl überdurchschnittlich grosses Angebot an Kultur, Gastronomie oder Arbeitsplätzen, während viele Orte im Umland «Schlafgemeinden» sind und die Verkehrsbelastung hoch ist.

Das zeigt sich auch an den Pendlerzahlen. Jeden Tag fahren mehr Menschen aus dem Umland zur Arbeit oder für die Ausbildung in die Stadt Zürich als ins einwohnermässig 4,5-mal so grosse Wien. Die Stadt Dresden hat fast 4-mal so viele Einwohnerinnen und Einwohner wie Bern, zählt aber nur 1,4-mal so viele Arbeitsplätze.

In einem grösseren Kontext wird die Schweiz zur «Blauen Banane» gezählt. Es ist ein dicht bevölkertes, 1300 Kilometer langes Städteband mit etwa 110 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, das von Norditalien bis zur Irischen See reicht und Metropolen wie Mailand, Brüssel und London umfasst. Die «blaue Banane» ist eine der wirtschaftlich stärksten Regionen der Welt.

Vergleichbar damit ist ein 750 Kilometer langes Band an der US-Ostküste zwischen Boston und Washington D.C. mit etwa 53 Millionen Einwohnern oder das 1200 Kilometer lange Städteband Taiheiyō Belt in Japan, in dem 93 Millionen Menschen leben. Mit der Schweiz haben diese Regionen eines gemeinsam: Wohlstand und Verstädterung gehören zu einem gewissen Grad zusammen.

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