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Gewitter-Prognose: Warum sie so schlecht sind

Starke Regenfaelle und Gewitter ziehen ueber die Stadt Luzern und die Zentralschweiz, am Montag, 23. Mai 2022, in Luzern (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Bereits bei der Hitzewelle im Mai 2022 kam es zu heftigen Gewittern – so wie hier in Luzern.Bild: keystone

Warum sind Gewitter-Prognosen so schlecht? Ein Meteorologe erklärt

Gewitterprognosen sollten vor Schäden und Unheil schützen. Sie sind aber nicht immer genau – das hat seine Gründe.
23.06.2022, 14:0223.06.2022, 14:07
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Wer sich in den vergangenen Tagen aufs Niederschlagsradar und die Prognosen verlassen wollte, hat es bestimmt selbst bemerkt: Nicht immer konnte genau vorhergesagt werden, wo und wann es in der Schweiz zu Gewitter und kräftigen Regenfällen kommt. Die Konsequenzen waren bisher vergleichsweise harmlos: Einige Blumentöpfe und Stewis wurden umgewindet, mancherorts kam es in Wäldern zu Holzschlag.

Beispielhaft für diese Unberechenbarkeit des Wetters war die «Meteo»-Sendung von vergangener Woche: Der Schweizer Wetterfrosch Thomas Bucheli stand am Mittwochabend auf dem Turm des Leutschenbacher Fernsehstudios und erklärte die Flachdrucklage. Diese ermögliche Gewitterzellen, sie würden aber im Verlauf der ersten Nachthälfte zusammenfallen. Ein Blick aufs Regenradar um Mitternacht zeigte denn auch: Die Niederschlagsgefahr ist passé.

Video: srf/meteo

Die Prognose war aber falsch: Vier Stunden später zog laut Regenradar eine violettfarbene Gewitterzelle übers Mittelland, die intensive Niederschläge von bis zu 60 mm pro Stunde und Sturmwinden mit sich brachte. Mehrere Menschen wachten ab dem Blitz und Donner auf und durften zuschauen, wie Balkone und Gärten verwüstet werden.

Schuld daran war nicht eine Fehleinschätzung von Bucheli oder eine fehlerhafte Simulation der Wettermodelle. Der Grund für die ungenauen Niederschlagsprognosen liegt in der Natur von Gewitterzellen: Sie sind neben der Nebelentstehung die zwei am schwersten vorhersehbaren Wetterereignisse, wie Christophe Voisard vom Bundesamt für Meteorologie (MeteoSchweiz) im Gespräch mit watson erklärt.

Niederschlagsradar in Zürich am 16. Juni 2022
Bild: watson

Beide Wetterphänomene hängen mit der Feuchtigkeit in den Luftmassen zusammen: Sie sei der wichtigste Prognosefaktor neben Windgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung, der Temperatur und geografischen Konstellationen. Vor allem sei sie aber die am schwersten modellierbare Unbekannte: Wo und wann feuchte Luftmassen auf- und absteigen und sich zu Gewitterzellen zusammenfügen, entscheide sich sehr lokal und kurzfristig.

In der Meteorologie spricht man von «chaotischen Systemen», angelehnt an die Chaostheorie der Mathematik. Im Volksmund ist sie als «Schmetterlingseffekt» (Butterfly Effect) bekannt. Dieser besagt, dass kleinste Veränderungen im Wetter an einem Ort – etwa der Flügelschlag eines Schmetterlings in Basel –, sich weltweit auswirken und zu Tornados in Texas führen könnten. Der Vergleich hinkt zwar, da globale Wetterereignisse vergleichsweise «stabil» sind. Er passt aber zur Meteorologie, weil es in kleinräumigen Regionen wie der Schweiz zu chaotischen Entwicklungen kommen kann.

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Schmetterlingseffekt: Kleinste Veränderungen können sich verstärken und zu chaotischen Ergebnissen führen.

Christophe Voisard von MeteoSchweiz erklärt, dass das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie solche Wetterentwicklungen mit einem engmaschigen Modell der Schweiz zu berechnen versucht: In diesem Modell mit dem Namen Cosmo-1E wird die gesamte Eidgenossenschaft in rund ein Kilometer grosse Zellen eingeteilt, in denen das Wetter von grossen Serveranlagen prognostiziert wird. Voisard sagt dazu ernüchternd: «Die Modelle haben mit wichtigen Faktoren wie der Luftfeuchtigkeit ihre Mühen. Die Ein-Kilometer-Einteilung ist vereinfacht gesagt zu grobmaschig, um die entscheidenden lokalen Entwicklungen zuverlässig zu berechnen.» Oder anders gesagt: Ultra feine Veränderungen werden in den aktuellen feinmaschigen Modellen nicht erfasst.

Diese Prognosen werden zwar alle drei Stunden aktualisiert, das sei aber für die «mikroskaligen Effekte» zu wenig. Voisard selbst habe beobachtet, wie an einem Nachmittag in diesen Tagen die Niederschlagsprognose sich mehrfach komplett veränderte. Er betont jedoch, dass das für meteorologische Warnungen nicht zentral ist: «Wir können in bestimmten Wetterlagen nicht immer sagen, wo genau eine Gewitterzelle entsteht. Unsere Modelle verraten jedoch, wo eine Gefahr besteht.» Dies führt dazu, dass der Bund auch mal vor einer «möglichen Gefahr» warnt.

Hinzu kämen die sogenannten Flashwarnungen, die auf Echtzeitdaten der Niederschlagsradare aufbauen. Algorithmen dazu werden mit Regendaten und Beobachtungen minütlich gefüttert. Wird ein kurzfristig entstandenes Unwetter erkannt, so wird über die MeteoSchweiz-App eine Warnung verschickt.

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Video: watson/een
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51 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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mrgoku
23.06.2022 15:20registriert Januar 2014
Meine Frau gestern so: Heute gibts kein Gewitter, habe in der App nachgeschaut

Ich dann: Geil dann schmeisse ich ein paar Würste auf den Grill

5 Minuten später - Apokalypse

Gab dann halt nur Toast :D
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El_Chorche
23.06.2022 15:06registriert März 2021
Als Meteorologe würde ich immer schlechtes Wetter vorhersagen.

Wenn es dann trotzdem schön wird, freuen sich alle und niemand schert - wenn es tatsächlich regnet, hab ich alles richtig gemacht ^^
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MalEhrlich
23.06.2022 14:43registriert November 2021
Danke, verständlich erklärt.

Bei mir im zürcher-Unterland (Kreis Dielsdorf) beobachte ich oft dass sich Gewitterzellen vorher auflösen oder irgendwie "drumrumm fliegen" (Umkreis 30-40km.). Auch die letzten Tage war's bei mir so, grosser Regen u. Gewitter blieben aus.
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