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Am Montag veröffentlichte das Bundesamt für Statistik die ersten Resultate der Lohnstrukturerhebung 2016.
Am Montag veröffentlichte das Bundesamt für Statistik die ersten Resultate der Lohnstrukturerhebung 2016.Bild: KEYSTONE
Interview

«Das Phänomen der ‹Gläsernen Decke› ist in der Schweiz besonders stark ausgeprägt»

Arbeitsmarkt-Experte und ETH-Dozent Michael Siegenthaler erklärt im Interview, warum ein Lohnanstieg um 5 Prozent beachtlich ist und warum Ausländer in höheren Positionen im Schnitt besser verdienen als Schweizer.
15.05.2018, 09:19

Herr Siegenthaler, der Medianlohn ist laut der Lohnstrukturerhebung des Bundes von 2014 bis 2016 um 5 Prozent gewachsen. Grund zur Freude für die Arbeitnehmer?
Michael Siegenthaler:
Der Medianlohn ist bei solchen Fragen meist aussagekräftiger als zum Beispiel der Durchschnittslohn. Wenn der Medianlohn um 5 Prozent gestiegen ist, heisst das, dass nicht nur die Topeinkommen, sondern auch der Mittelstand mehr Lohn hat. Und ein Lohnwachstum von 5 Prozent ist beachtlich.

bild: zvg
Über die Person:
Dr. Michael Siegenthaler ist Arbeitsmarkt-Experte und Dozent an der ETH in Zürich für Arbeitsökonomie und Migrationsforschung. Sein Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf der Schweiz.

Warum?
Weil das Wirtschaftswachstum in diesem Zeitraum geringer war als das Lohnwachstum. Das ist nur selten der Fall.
Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass die Löhne über kurz oder lang nicht stärker wachsen können als die Firmen und ihre Wertschöpfung. Das ist ein Grund, wieso in den Jahren 2017-2018 die Löhne wieder weniger stark gewachsen sind.

Trotz des erfreulichen Lohnanstiegs gab es auf der anderen Seite 73'000 Tieflohnstellen mehr als noch 2014. Sollten wir besorgt sein?
Der allgemeine Befund der Lohnstrukturerhebung 2016 deutet nicht daraufhin, dass sich die Lohnunterschiede vergrössern. Im Gegenteil: In der Schweiz schliesst sich die Lohnschere sogar leicht. Der Anteil Tieflohnstellen ist ja im langjährigen Vergleich ebenfalls gesunken. Im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern bildet die Schweiz dabei eine Ausnahme. In den USA und Deutschland öffnet sich die Lohnschere zum Beispiel.

Weniger gut steht die Schweiz aber in Sachen Geschlechterunterschied da.
Das ist richtig. Die Schweiz ist zwar nicht das einzige Land, das mit diesem Unterschied zu kämpfen hat, jedoch ist dieser hierzulande stärker ausgeprägt. Das Phänomen der «Gläsernen Decke» zum Beispiel  ist in der Schweiz besonders stark ausgeprägt.

Gläserne Decke?
In der Schweiz gibt es nur wenig Frauen in hohen Kaderpositionen. Frauen erreichen in der Karriere oft einen Punkt, an dem ihr Aufstieg aus teils unerklärbaren Gründen gestoppt wird. Dann stossen sie auf die «Gläserne Decke». Interessant ist dabei, dass Frauen, die es trotzdem in hohe Positionen schaffen, immer noch weniger verdienen als die Männer auf gleicher Ebene. Dies obwohl sie in den meisten Fällen ein härteres Auswahlverfahren hinter sich haben.

«Die Pharma-Branche in Basel oder der Bankenplatz in Zürich drücken auch das Lohnniveau der anderen Branchen an diesen Standorten in die Höhe.»

Wie auch bei der Geschlechterdifferenz bleiben die regionalen Unterschiede in der Schweiz bestehen. Warum?
Solche regionalen Unterschiede lassen sich nur sehr schwer beseitigen. Sie entstehen zum Beispiel wegen den unterschiedlich hohen Lebenshaltungskosten oder wegen der unterschiedlichen Branchenstruktur in den Regionen. Und die Pharma-Branche in Basel oder der Bankenplatz in Zürich drücken auch das Lohnniveau der anderen Branchen an diesen Standorten in die Höhe.

Erstmals sind seit einigen Jahren auch wieder die Boni gestiegen. Machen die Banken nun wieder die gleichen Fehler wie vor der Krise?
Das ist schwer einzuschätzen. Aber der Anstieg ist auch mit dem leichten Aufschwung in der Branche zu erklären. Auch die Börse lief in den letzten Jahren recht gut. Gute Börsenjahre haben ebenfalls stets eine Auswirkung auf die Höhe der ausbezahlten Boni.

Interessant ist auch, dass Ausländer in tieferen Positionen schlechter verdienen als Schweizer, in hohen Positionen aber deutlich mehr. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das ist tatsächlich erstaunlich. Grundsätzlich ist es so, dass Migranten im Allgemeinen schlechter verdienen als Einheimische, was zum Teil mit Lohndiskriminierung von Ausländern zu tun hat und zum Teil auch mit ihren Kompetenzen, beispielsweise mit ihren Sprachkenntnissen.

Warum also diese Ergebnisse?
Vielleicht handelt es sich einfach um einen Vergleich von Äpfeln mit Birnen: Ausländer in Kaderpositionen sind in der Schweiz eher die Ausnahme, und sie kommen vor allem in grossen internationalen Unternehmen vor. Wenn man nun also die Löhne von Schweizer Kaderleuten in einheimischen KMUs mit ausländischen Kaderleuten bei Google und Novartis vergleicht, ergibt sich natürlich ein Unterschied.

Das ist alles?
Ein weiterer Erklärungsgrund könnte sein, dass ausländische Personen, die Kaderpositionen besetzen, auch ein härteres Auswahlverfahren durchlaufen mussten. Nur schon um als Ausländer in Betracht zu kommen, ist schwieriger. Das könnte ein Grund sein, dass sie besser bezahlt werden, wenn sie sich durchsetzen.

Lohngleichheit zwischen Mann und Frau – Fehlanzeige!

Video: srf

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56 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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El Vals del Obrero
15.05.2018 09:56registriert Mai 2016
Das Grundproblem, auch bei den Geschlechterdifferenzen, ist dieses unsägliche arbeitnehmerschädliche Tabu mit dem Lohngeheimnis in der Schweiz. Bei allen anderen Gütern würde man das als Wettbewerbsbehinderung durch Intransparenz ansehen. Nur wenn es um das Gut Arbeit geht, gelten offenbar andere Richtlinien.

So wird jeder Angestellte zum Pokern gezwungen. Vielleicht sind hier Männer oder auch Ausländer *im Durchschnitt* mutiger. Aber es gibt auch taffe Frauen und ängstliche Männer.

Solange die Problemursache Lohngeheimnis besteht, sind sämtliche Symptombekämpfungen nur Flickschusterei.
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Husar
15.05.2018 09:52registriert April 2018
Die gläserne Decke gibt es für alle, die den falschen Namen tragen, oder nicht die richtigen Beziehungen haben. Für die meisten entscheidet sich die Karriere bereits durch die Wiege, in die sie gelegt wurden.
Wer meint, durch gute Leistung beruflich voranzukommen, der irrt. Bis in die ersten Ränge des mittleren Kaders kann sich jeder hochschleimen und hochschlafen. Dann aber ist für alle, die in eine falsche Wiege gelegt wurden Schluss.
Für die Meisten gibt es nur einen einzigen Weg zu beruflichem Höchsterfolg: das eigene Unternehmen.
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piedone lo sbirro
15.05.2018 09:46registriert November 2016
die obersten 10% verdienen über 11'406.-, die untersten weniger als 4313.- die ganz unten konnten sich im vergleich zu 2008 über höchstens 427.- mehr pro monat freuen, die ganz oben über mind. 719-. in absoluten zahlen geht die lohnschere folglich weiter auf.

frauen verdienten 2016 noch immer rund 12% weniger als männer, 2014 waren es 12,5%. im oberen und mittleren kader betrug der lohnunterschied 2016 sogar 18,5%.
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