Schweiz
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Offen gesagt

«Liebe Frau Amherd, jetzt sind Sie eine Oberste Feldherrin ...»

Viola Amherd ist die erste VBS-Vorsteherin der Nachkriegszeit, bei der man nicht das Gefühl hat, sie wolle möglichst schnell wieder weg. Das verleiht ihr Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit, die sie nutzen muss, um das Reduit endgültig einzureissen.



Liebe Frau Amherd

Sie haben gewonnen. Sie haben die Kampfjets an der Urne durchgebracht. Sehr knapp zwar, aber doch – und das unter denkbar widrigen Corona-Umständen.

Sie reihen sich damit endgültig in eine relativ junge Spezies ein: Diejenige der erfolgreichen Obersten Feldherrinnen, wenn ich Sie so nennen darf.

Mit Annegret Kramp-Karrenbauer in Deutschland, Trine Bramsen in Dänemark, Margarita Robles in Spanien, Florence Parly in Frankreich oder Ank Bijleveld in den Niederlanden ist ein beträchtlicher Teil traditioneller Nato-Armeen politisch von Frauen verantwortet.

Böse Zungen behaupten, dass für die Frauen gerne die Verteidigungsministerien abfallen, weil sie seit dem Ende des Kalten Krieges einen Bedeutungsverlust erfahren hätten.

Aber das stimmt nicht. Im Gegenteil. Ich behaupte auch, dass dieses Kampfjet-Abstimmung ganz sicher verloren gegangen wäre, hätte nicht eine Frau an der Spitze des VBS gestanden.

Das Militär ist zwar in Friedenszeiten für weite Teile der Bevölkerungen nicht sehr sichtbar und wohl auch nicht sehr populär. Aber globale Machtpolitik – und sei sie streckenweise noch so diplomatisch geprägt – ist ohne militärisches Drohpotential als Ultima Ratio nicht denkbar.

Jede Regierung muss also ein vitales Interesse daran haben, den politischen Rückhalt breiter Bevölkerungsschichten für militärische Ressourcen permanent sicherzustellen.

Und da sind Frauen aus zwei Gründen qua Geschlecht im Vorteil.

Einerseits, weil sie derjenigen Hälfte der Bevölkerung näher stehen, die militärischen Auseinandersetzungen kritischer gegenüberstehen. Andererseits, weil Sie sehr rational auf die Sache fokussiert sind und viel weniger im Verdacht stehen, Klientelpolitik für die im Verteidigungs- und Rüstungssektor notorischen Old-Boys-Netzwerke zu machen.

Beide Eigenschaften sind seit Amtsantritt auch bei Ihnen zu beobachten. Überraschende und unorthodoxe Personalentscheide auf oberster Ebene, dezidierte Frauenförderung in der Personal-, Kader-, und Öffentlichkeitspolitik, glasklare Einheit der Materie in Beschaffungsgeschäften und völlige Identifikation mit der Aufgabe.

Alle diese Komponenten führen zu einer Glaubwürdigkeit, die letztlich die Beschaffung von politischen Mehrheiten zwingend ist.

Das ist erfrischend, bei all Ihren Vorgängern hatte man ja eher das Gefühl, sie versuchten, sich rasch so unmöglich zu machen, dass Sie im Interesse der nationalen Sicherheit in ein anderes Departement versetzt werden müssen.

Da dies bei Ihnen nicht der Fall sein wird, können Sie nach dieser gewonnenen Feuerprobe nun nachhaltig auf das Schweizer Verteidigungs-Selbstverständnis der Schweiz, eine neue populäre Unité de Doctrine quasi, hinwirken.

Sie und ich wissen, dass es ohne die Nato nicht geht, dass wir Teil der globalen machtpolitischen Auseinandersetzungen sind, ob wir das wollen oder nicht.

Die Zeit ist im 21. Jahrhunderts mehr als reif, sich im Verteidigungsdiskurs vom Schweizer Reduit-Mythos der eigenständigen, bewaffneten Neutralität endgültig zu verabschieden.

Wenn jemand das verkaufen kann, dann Sie. Zusammen mit den anderen Obersten Feldherinnen Europas.

Hochachtungsvoll

Maurice Thiriet

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