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Der Abendverkauf in Schweizer Städten stirbt aus – das steckt dahinter

Donnerstag ist Abendverkauf: Diese Formel galt in Schweizer Innenstädten jahrzehntelang. Damit ist nun Schluss. Schuld daran ist Corona – aber auch der Online-Handel und liberalere Gesetze.
24.10.2021, 06:4524.10.2021, 06:55
Stefan Ehrbar / ch media

Jetzt auch noch die Trychler. Die Ladenbetreiber in der Berner Innenstadt sind frustriert. Gerade erst normalisierte sich die Lage nach der Coronakrise wieder etwas, da begannen Konsumentinnen und Konsumenten, wegen den Demonstrationen der Corona-Massnahmengegner den wöchentlichen Abendverkauf in der Bundesstadt am Donnerstag zu meiden. Mit einer «Rettungsaktion» wollen die Verbände Gastro Stadt Bern und Bern City laut der «Berner Zeitung» den Abendverkauf neu lancieren.

Doch gibt es noch etwas zu retten?

Der Abendverkauf stirbt in Schweizer Städten wie hier in Zürich aus.
Der Abendverkauf stirbt in Schweizer Städten wie hier in Zürich aus.Bild: KEYSTONE/Gaetan Bally

Das Konzept des Abendverkaufs ist in der Schweiz auf dem Rückzug. Das zeigt sich etwa in Luzern. Dort verzichteten in den letzten Monaten immer mehr Geschäfte darauf, einen solchen durchzuführen.

«Nicht mehr den gleichen Stellenwert»

«Corona hat dem stationären Detailhandel enorm zugesetzt. Unternehmen mussten unter anderem Betriebskosten einsparen und haben deshalb die Öffnungszeiten gekürzt», sagt Josef Williner Präsident der Luzerner City-Vereinigung. Viele Geschäfte hätten beim Abendverkauf angesetzt.

Nun sei wieder eine gewisse Erholung zu spüren: «Wir sehen eine Zunahme von Geschäften, die donnerstagabends wieder länger öffnen. Viele nicht bis 21 Uhr, sondern bis 20 Uhr. Das ist ein erster Schritt», sagt Williner. Jetzt komme das wichtige Weihnachtsgeschäft. «Damit werden wieder mehr Geschäfte am Abendverkauf teilnehmen», sagt er. Aber: «Den gleichen Stellenwert wie vor 15 Jahren hat er nicht mehr und wird er auch nicht mehr haben.»

Immer noch ein Alleinstellungsmerkmal

Eine ähnliche Entwicklung stellt Sven Gubler von BernCity fest. Die genauen Gründe für die abnehmende Beliebtheit seien schwierig zu eruieren, aber es habe mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Und: «Der dringliche Einkaufsbedarf einer beschäftigten Person muss heute nicht mehr am Donnerstagabend im stationären Handel gemacht werden, sondern es stehen andere Kanäle zur Verfügung – etwa Tankstellenshops, Läden in Bahnhöfen oder Online-Shops.»

Weil in Bern die meisten Läden in der Innenstadt unter der Woche um 18.30 Uhr oder 19 Uhr schliessen, habe der Donnerstag aber schon noch «seinen Charme und ein Alleinstellungsmerkmal», sagt Gubler.

Die Liberalisierung war das Ende

In Zürich sind diese Zeiten vorbei. Das hat auch mit der liberalen Gesetzgebung im Kanton zu tun, die unter der Woche keine regulierten Öffnungszeiten mehr vorsieht. Früher fand donnerstags bis 21 Uhr ein Abendverkauf statt. «Er stammte noch aus einer Zeit, als die Kompetenz zur Festlegung der Ladenöffnungszeiten bei den Gemeinden lag», sagt Andreas Zürcher, der Geschäftsführer der City-Vereinigung.

Bis Ende 1997 hätten in der Stadt Zürich die Läden wochentags um 18.30 Uhr schliessen müssen, nur donnerstags sei eine Verlängerung möglich gewesen. Weil die Stadtzürcher 1997 einer Änderung der kommunalen Gesetze zustimmten, durften die Läden ab dann bis 20 Uhr öffnen.

«Keine Rede von Wiedereinführung»

«Auffallend war, dass sich damals viele kleinere Gewerbetreibende, welche sich jahrelang lautstark gegen einschränkende Ladenöffnungszeiten gewehrt hatten, plötzlich Mühe bekundeten, sich an liberalere Öffnungszeiten zu gewöhnen», sagt Zürcher. Die Vereinigung habe deshalb empfohlen, die Zeiten schrittweise auszubauen, etwa mit zwei Abendverkäufen bis 20 Uhr.

Im September 2000 genehmigten die Stimmbürger des Kanton Zürich die neue, bis heute gültige Regelung mit einer Aufhebung der Öffnungszeiten unter der Woche. Dass die Läden um 23 Uhr schliessen müssen, liegt am Arbeitsrecht des Bundes. «Von einer Wiedereinführung eines generellen Abendverkaufs war seither nie mehr die Rede», sagt Zürcher. Ihm seien auch keine Geschäfte bekannt, die einen solchen durchführten.

Kommen Öffnungszeiten bis 22 Uhr?

Stattdessen setzten sich einheitliche Öffnungszeiten durch: An gut frequentierten Lagen wie an der Bahnhofstrasse sind die Läden meist bis 20 Uhr offen, anderswo schliessen sie auch früher. Grossverteiler wie Coop oder Migros wiederum halten viele ihrer Filialen in der Stadt täglich bis 21 oder 22 Uhr offen – ein Trend, der sich fortsetzen dürfte. «Längerfristig gehen wir davon aus, dass punktuell und besonders an hochfrequentierten Lagen einzelne Anbieter bis 22 Uhr offen halten», sagt Zürcher. «Das dürfte jedoch die Ausnahme bilden.»

Auch in Basel ist der Abendverkauf längst Geschichte. «Spezielle Öffnungszeiten für einen einzelnen Tag, denen kein Anlass zugrunde liegt, funktionieren in grösseren Orten tendenziell nicht mehr», sagt Mathias Böhm, der Geschäftsführer von Pro Innerstadt Basel. Die Konsumenten erwarteten grundsätzlich einheitliche Zeiten. In Basel dürfen Läden bis 20 Uhr geöffnet sein, was aber von vielen kleineren Händlern nicht genützt wird. Sie schliessen meist um 18.30 Uhr oder 19 Uhr.

«Die Zeiten reichen»

Die generellen Ladenöffnungszeiten unter der Woche und am Samstag wurden ausgedehnt. Damit fällt ein Argument für den einmaligen, an einem bestimmten Wochentag stattfindenden wöchentlichen Abendverkauf, weg. Und dieser werde auch nicht zurückkommen, sagt Böhm.

«Die Zeiten sind per se genügend und reichen den meisten», sagt Böhm. Sie hätten zudem nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Das liege auch daran, dass sich die Innenstädte veränderten. Mode-Anbieter geben Flächen ab, während Firmen aus Bereichen wie Gesundheit oder Autohändler in die Innenstädte drängen. Auch Service-Leistungen etwa im Telekom- und Versicherungsbereich werden wichtiger. «Der klassische Handel und das Angebot verändern sich, und damit die Städte und die Öffnungszeiten», sagt Böhm.

Hohe Lohnkosten in der Schweiz

Nach 20 Uhr wollten Menschen in den Schweizer Städten nicht mehr gross einkaufen, sondern eher ins Restaurant, den Ausgang oder Kultur geniessen. «Selbst die Restaurants kochen kaum je nach 22 Uhr noch warme Mahlzeiten», sagt Böhm. Corona habe daran wenig geändert. Er erwarte eine «komplette Normalisierung» auf den Stand vor der Krise.

Ein anderer Aspekt sind die hohen Lohnkosten hierzulande. Lange Öffnungszeiten muss sich ein Händler leisten können – unter der Woche genauso wie am Abendverkauf. Lange Öffnungszeiten seien ein grosser Kostenblock, sagt Böhm. «Kein Händler öffnet abends länger, nur weil er es darf. Es muss wirtschaftlich Sinn machen.»

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