Schweizer Industrie schafft 10'000 von Jobs im Ausland – das steckt dahinter
Die Schweizer Industrie steckt schon seit vier Jahren in einer Krise. In dieser Zeit hat sie in fast jedem Quartal an Wertschöpfung verloren, insgesamt real um etwa 10 Prozent. Seit ungefähr einem Jahr verliert sie Arbeitsplätze, gemäss den neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik sind es bereits 15'000 Vollzeitstellen. Wie es vom KOF-Institut der ETH Zürich heisst, «sind damit die Voraussetzungen erfüllt, um von einer industriellen Rezession zu sprechen.»
Die Industrie wird von zig Problemen geplagt. Der starke Franken ist nur eines davon – aber eines, das besonders viel zu reden gibt. Wohl auch, weil die Schweiz hier Handlungsspielraum hätte. Daniel Lampart, der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), spricht nicht nur für die Gewerkschaften, wenn er sagt: «Der überbewertete Franken ist unser grösster selbstverschuldeter Nachteil.»
Der Dollar hat sich gegenüber dem Franken bereits um deutlich mehr als 15 Prozent abgewertet. Lange war es ein Trost, dass wenigstens der Euro einigermassen stabil blieb. Aber zuletzt hat sich auch die europäische Einheitswährung abgewertet, bisher um ungefähr 3 Prozent. Beim mit Abstand wichtigsten Handelspartner der Schweiz plötzlich um so viel teurer zu sein, tut der hiesigen Industrie zusätzlich weh.
Vor den Folgen hat Nick Hayek eindringlich gewarnt. Im Interview mit CH Media sagte der Chef der Swatch Group diese Woche: «Viele Schweizer KMU haben allergrösste Mühe mit der extremen Aufwertung des Frankens. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als ins Ausland auszuweichen, obwohl sie das gar nicht wollen.»
Die Schweizer Industrie hat im Ausland 200'000 Jobs aufgebaut
Wie Zahlen der Nationalbank (SNB) zeigen, haben viele Industrieunternehmen diesen Schritt längst gemacht. Sie haben schon Zehntausende von Arbeitsplätzen im Ausland aufgebaut, wahrscheinlich um dem starken Franken zu entgehen, von Hayek spöttisch «Superpower-Franken» genannt. Insgesamt haben gemäss den SNB-Zahlen wichtige Industriebranchen von 2008 bis 2024 um die 200'000 Arbeitsplätze im Ausland aufgebaut.
Gleichzeitig gab es in der Heimat eine Stagnation. Im Zuge der Finanzkrise von 2007 und 2008 und der Eurokrise 2009 wertete sich der Franken gegenüber dem Euro dramatisch auf. Und, wie eine Auswertung des Gewerkschaftsbundes zeigt: Der grosse industrielle Exodus nahm seinen Lauf.
Die von der Franken-Aufwertung besonders betroffenen Branchen Metallverarbeitung und Maschinenbau bauten hierzulande bis 2024 über 8 Prozent aller Arbeitsplätze ab, etwas mehr als 10'000 Arbeitsplätze fielen damit weg. Im Ausland hingegen begannen sie einen grossen Aufbau. Bis 2024 schufen sie rund 140'000 Arbeitsplätze, was einem Wachstum von 65 Prozent entspricht.
Einen Exodus, wenn auch einen weniger grossen, gibt es in einem weiteren wichtigen industriellen Bereich zu beobachten, und zwar bei den Datenverarbeitungsgeräten und der Präzisionstechnologie, zu der auch die Uhren gehören. Von 2008 bis 2024 hielten sie ihre Personalbestände in der Schweiz zwar ungefähr gleich hoch, stellten aber im Ausland nochmals rund 70'000 Arbeitnehmende an, was einem Stellenwachstum um 40 Prozent entspricht.
Schon 2015 hatten Industrievertreter vor einer Schwächung des Standorts Schweiz gewarnt. Hans Hess, damals Präsident des Verbands Swissmem, sagte über die Folgen des schwachen Euro: «Derzeit arbeitet ein Drittel der Industrieunternehmen mit Verlust. Das Risiko besteht, dass sie deshalb weniger in Innovationen und in neue Maschinen investieren können.» Die Folgen würden sich mit Verspätung zeigen. Hess: «Einen grossen Knall wird es nicht geben. Aber einen schleichenden Abbauprozess.» Um die Unternehmen mache er sich dabei weniger Sorgen. «Sie werden ihren Weg finden. Am Standort Schweiz wird dies hingegen Spuren hinterlassen.»
Unternehmer kritisieren Passivität in der Politik
Wenn nun Hayek so eindringlich warnt, dann wohl aus Sorge, dass dieser Trend sich fortsetzt und irgendwann ein Kipppunkt erreicht ist, ab dem der Industriestandort Schweiz entscheidend geschwächt ist und es kein Zurück gibt. Er macht vor allem den neuen SNB-Chef Martin Schlegel verantwortlich für diese Passivität. «Ich höre nichts von ihm. Ich sehe nichts von ihm. Die Nationalbank scheint abgetaucht zu sein. Gibt es sie überhaupt noch?»
Wie die «Bieler Zeitung» berichtet, teilen viele KMU die Sorgen von Hayek. So warnt etwa Nicolas Curty, der Chef der Affolter-Gruppe: Falls der Franken weiter so aufwerte, «sind wir am Ende der Fahnenstange angelangt». Dann kippe die Rentabilität. Und Gilles Robert, der Chef von Micro Precisions Systems MPS, sagt: «Es wird mit jedem Deal ein bisschen schwieriger.» Den Bieler Unternehmern ist die Politik zu passiv. Robert etwa beklagt einen Bundesberner Hang zum ordnungspolitischen Musterschülertum – und fordert ein Umdenken.
Im Wirtschaftsdepartement von Guy Parmelin nimmt man die Kritik zur Kenntnis. Der Wirtschaftsminister stehe im regelmässigen Austausch mit den verschiedensten Branchen und Verbänden um aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen sowie Rahmenbedingungen zu diskutieren, sagt sein Sprecher Urs Wiedmer. Dabei verweist er auch auf den Runden Tisch zur Exportwirtschaft. Dieser finde in der ersten Maihälfte bereits zum zwölften Mal statt.
Druck auf die Nationalbank wächst
Bei den Gewerkschaften nimmt man vor allem die SNB in die Pflicht. SGB-Chefökonom Lampart sagt: «Sie ist schlicht nicht wahrnehmbar.» Spätestens seit nicht nur der Dollar, sondern auch der Euro zum Franken schwächer geworden sei, hätte sie seiner Ansicht nach aktiv werden müssen. «Sie hätte wenigstens verlautbaren können, dass eine weitere Aufwertung unerwünscht ist.»
Doch unter dem neuen Chef Martin Schlegel sei die SNB passiver als unter der alten Führung. «Die Bereitschaft, etwas gegen den starken Franken zu tun, ist noch geringer als unter Thomas Jordan.» Wobei die Betonung auf «noch geringer» liegt. Laut Lampart war schon Jordan zu passiv. Die Folgen seien erkennbar an den Zehntausenden von Arbeitsplätzen, die wichtige Industriebranchen hierzulande abgebaut und im Ausland aufgebaut hätten. Laut Lampart war dies zumindest teilweise vermeidbar. «Ein Teil dieser Stellen könnte heute in der Schweiz sein, wenn die SNB sich stärker gegen den starken Franken gestemmt hätte.»
Die Nationalbank will sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äussern. SNB-Chef Schlegel betonte aber jüngst in der Sendung «Eco Talk», dass er grössten Respekt für die Schweizer Firmen habe, die sich täglich am internationalen Markt behaupten müssten. Und er fügte an: Sie «konnten bislang gut umgehen mit grossen Schocks».
Hayek und andere Exporteure vermuten als Grund hinter der Passivität der Nationalbank die «gemeinsame Erklärung», welche die SNB am 29. September 2025 in den USA unterschrieben habe. Deshalb würde, so der Verdacht, die Nationalbank auf Eingriffe im Devisenmarkt verzichten. Doch die Notenbank widerspricht. Die gemeinsame Erklärung «schränkt die Geldpolitik der SNB in keiner Weise ein», heisst es dort. Vielmehr bestätige das US-Finanzministerium «darin die Kenntnisnahme der aktuellen Geldpolitik der SNB und anerkennt, dass Devisenmarktinterventionen ein wichtiges Instrument für die SNB darstellen, um angemessene monetäre Rahmenbedingungen sicherzustellen und damit ihr gesetzliches Mandat der Preisstabilität erfüllen zu können».
Doch in Bundesbern wird die «Erklärung» noch zu reden geben. Der Luzerner SP-Nationalrat David Roth hat einen Vorstoss eingereicht, um Antworten auf mehrere Fragen zu erhalten. So will er wissen, ob «der Bundesrat die Handlungsfreiheit der Schweizerischen Nationalbank einseitig beschnitten» habe? Und «welche konkreten Interventionsspielräume» heute noch bestehen würden?
Die Antworten dürften in der Industrie mit Spannung erwartet werden. Die Verlagerung der Arbeitsplätze ins Ausland dürfte bis dahin weitergehen. Doch nicht alle sehen das so negativ wie Hayek und die Gewerkschaften. Laut Kevin Gismondi, Ökonom bei der Zürcher Kantonalbank, greift es zu kurz, den Stellenaufbau im Ausland ausschliesslich als Verlust für den Schweizer Industriestandort zu deuten. Häufig stehe dahinter eine Arbeitsteilung, bei der im Ausland produziert wird und in der Schweiz geforscht. Gismondi sagt: «Im Idealfall wird der Standort Schweiz dadurch gestärkt: Es werden hierzulande Stellen aufgebaut – und nicht abgebaut.» Und nicht zuletzt wandle sich die Industrie ständig: Einige ihrer Branchen werden kleiner, andere grösser. «Insgesamt hat sie heute ungefähr gleich viele Beschäftigte wie vor über 15 Jahren.» (aargauerzeitung.ch)
