Alle wollen mehr Filialen – nur Aldi Schweiz buchstabiert zurück
Im Oktober 2005 eröffnete Aldi seine ersten vier Filialen in der Schweiz. Die anfängliche Skepsis gegenüber dem deutschen Harddiscounter war schnell verflogen. Jahr für Jahr erwirtschaftete Aldi mehr Umsatz und baute kontinuierlich sein Filialnetz aus – jedenfalls bis Ende 2025. Zu diesem Zeitpunkt zählte Aldi schweizweit 247 Läden. Seitdem nimmt deren Zahl nur noch ab.
Innerhalb eines Monats musste Aldi die Schliessung von drei Filialen bekanntgeben: Per Ende Januar machten nebst dem Laden im Glattzentrum in Wallisellen ZH auch die Ableger am Bahnhof von Baden AG sowie in der Berner Innenstadt dicht. «Im Frühling» gibt Aldi dann auch noch den Laden in Wabern bei Bern und – wie der «Blick» als Erster berichtete – die Prestigefiliale unweit der Zürcher Bahnhofsstrasse auf.
Dann wären es nur noch 242 Filialen. Der Abbau ist aber damit noch lange nicht beendet, wie mehrere Brancheninsider zu berichten wissen. Insgesamt soll der Discounter 16 Filialen schliessen wollen, ist zu hören.
Bei Aldi selbst will man davon nichts wissen.
Aldi spricht von Optimierungen
«Aktuell stehen keine weiteren Filialschliessungen an und wir verfolgen kein festes Schliessungsziel», heisst es auf Anfrage lediglich. Man wolle «bei der Standortqualität keine Kompromisse machen» und nehme «entsprechende Anpassungen und Möglichkeiten» wahr. «Weitere Filialnetz-Optimierungen können daher nicht ausgeschlossen werden.»
Aldi buchstabiert also zurück, während seine vier grössten Konkurrenten alle Expansionspläne wälzen:
Coop
Bald wird Laden Nr. 1000 eröffnet
Coop zählte per Ende Jahr 982 Supermarkt-Filialen. Das sind 12 mehr als noch vor einem Jahr. Und es sollen noch mehr werden. Coop-Chef Philipp Wyss peilt bald die 1000. Filiale an, wie er schon mehrmals betont hat.
Migros
Die Migros hatte per Ende Jahr insgesamt 659 M-, MM- und MMM-Supermärkte. Bis Ende 2029 sollen 140 neue Filialen hinzukommen. Mit dieser Offensive sollen die Expansionsdefizite der Vergangenheit aufgefangen werden.
Denner
Denner führte per Ende Jahr 872 Filialen. Der zur Migros-Gruppe gehörende Discounter will ebenfalls kräftig expandieren und «mittelfristig» 1000 Standorte betreiben. Bereits im Februar und März sollen vier weitere Filialen hinzukommen: in Neuenburg, Langwiesen ZH, Carouge GE und Netstal GL.
Lidl
Lidl zählte per Ende Jahr schweizweit 192 Filialen. Der deutsche Discounter, der seit 2009 hierzulande Läden betreibt, hat im Januar zwei weitere Filialen eröffnet: in Vernier GE und Olten SO. Im Februar kommt ein neuer Laden in Zürich, im April einer im Löwencenter in der Stadt Luzern hinzu. Lidl will nach eigenen Angaben jährlich 10 bis 15 neue Filialen eröffnen und strebt ein Netz von rund 300 Standorten an.
Was hat es mit dem Aldi-Strategiewechsel auf sich?
Aldi will sein Netz zwar «durch passende Standorte» erweitern, verzichtet aber auf ein «starres Ausbauziel». Und rechnet – trotz der jüngsten Schliessungswelle – mit 260 Filialen. Mag sein, dass neue Läden hinzukommen werden, die Strategie zur Eroberung der Innenstädte hingegen scheint gestoppt. Daraufhin deuten jedenfalls die Schliessungen in Baden, Bern und Zürich – sowie der vorzeitige Rückzug aus dem Bahnhof Basel. Diese Filiale auf teurem SBB-Boden war als «Meilenstein» angekündigt worden, doch der Discounter gab das Projekt auf, bevor er den Laden überhaupt eröffnet hatte.
Aldi verdient Geld mit dem Wocheneinkauf
Die Basler Episode hat die Gerüchteküche in der Branche zusätzlich angeheizt. Erste Fragen rund um Aldi wurden laut, als klar wurde, dass der vermeintlich kleinere Lidl hierzulande mit weniger Filialen mehr Umsatz macht als Aldi. Denn gemäss den Schätzungen des Marktforschungsinstituts Nielsen für das Jahr 2024 erzielte Aldi hierzulande «nur» einen Umsatz von 2,5 Milliarden Franken, während Lidl auf 2,7 Milliarden Franken kam.
Branchenkenner zeigen sich ob des jetzt eingeschlagenen Strategiewechsels nicht überrascht. Geld verdiene Aldi mit dem grossen Wocheneinkauf. Dieses Geschäft beherrsche der Discounter, sagt einer: «Die Parkplätze vor den Läden in den Agglomerationen sind voll». Doch Innenstädte und Einkaufscenter funktionierten anders. Dort würden kleinere Einkäufe getätigt, etwa ein Mittagessen oder ein Aufwärmgericht für denselben Tag.
Zwar setzte auch Aldi in den Innenstadt-Läden stärker auf Markenprodukte und solche für den raschen Verzehr, also das Convenience-Geschäft. In der Bahnhofs-Filiale in Zürich-Stadelhofen finden sich vergleichsweise wenige günstige Eigenmarken. Teurere Markenprodukte von Red Bull oder Coca-Cola sind dafür prominent platziert, wie ein Augenschein zeigt.
«Zurück zu den Wurzeln» beim Discounter
Im Convenience-Geschäft sind die Margen zwar höher, aber «man muss sehr viele Cola-Flaschen verkaufen, um eine solch teure Filiale rentabel betreiben zu können», wie es ein Branchenkenner formuliert.
Zudem hat hier niemand auf Aldi gewartet. Migros, Coop oder Valora sind in den Bahnhöfen und Innenstädten oft nur einen Steinwurf entfernt und bei der Kundschaft bekannter. Gleichzeitig kann Aldi auf den kleineren, oft verwinkelten Flächen sein standardisiertes, kostengünstiges Ladenkonzept nicht umsetzen.
Der Befehl für die Schliessungen stamme aus der Konzernzentrale, mutmassen mehrere Branchenkenner. Dort, so die Argumentation, dürfte das Verständnis für die aufgrund steigender Mietkosten schrumpfenden Margen des hiesigen Ablegers klein sein. Umso mehr als die für die Schweiz zuständige Aldi-Süd-Gruppe sich selbst ein rigoroses Sparprogramm auferlegt hat, bei dem in ihrer Deutschlandzentrale in Mülheim mehrere Hundert Stellen wegfallen sollen.
Aldi ist 2005 mit wenigen Filialen und Produkten gestartet und hat zuerst den Nerv bei der preissensitiven Bevölkerung getroffen. Mit der Zeit hat der deutsche Discounter das Sortiment erweitert und eingeschweizert. Mit dem Erfolg sei der Wille gekommen, auch an Top-Lagen sichtbarer zu werden, sagt ein Insider. Doch dieses Format liege Aldi nicht. «Nun besinnt sich der Discounter auf seine Wurzeln».
(aargauerzeitung.ch)
