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Tausende rutschen in der Corona-Krise in die Sozialhilfe ab

21.06.2020, 11:3721.06.2020, 14:18

Seit Ausbruch der Corona-Krise sind rund 8300 Personen zusätzlich in die Sozialhilfe abgerutscht. Auf Sozialhilfe angewiesen sind jetzt auch Selbstständigerwerbende, die sich vor der Krise knapp über Wasser halten konnten und Arbeitnehmende in Kurzarbeit.

Christoph Eymann, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), stellte in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» fest, dass die SKOS davon ausgegangen sei, dass sich die Corona-Krise während der ersten Wochen und Monate in der Sozialhilfe noch nicht bemerkbar machen werde, sondern erst mit einer zeitlichen Verzögerung.

Tausende neu auf Sozialhilfe angewiesen

Jetzt stelle man aber fest, dass die Zahl der Sozialhilfebezüger und -bezügerinnen bereits zwischen Anfang März und Ende Mai leicht gestiegen sei. In absoluten Zahlen sei die Zahl der Bezüger um rund 8300 gestiegen.

Selbständigerwerbende rutschten jetzt in die Sozialhilfe, die sich vor der Krise gerade noch über Wasser halten konnten, deren Dienstleistungen jetzt aber plötzlich nicht mehr gefragt seien. Taxifahrer gehörten beispielsweise zu dieser Gruppe. Daneben müssten aber auch Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auf Kurzarbeit Sozialhilfe beziehen – aus dem einfachen Grund, weil der Lohn für ihren Lebensunterhalt auf einmal nicht mehr reiche.

Die SKOS rechnet nicht mit einer raschen Verbesserung der Situation. Man habe für die nächsten zwei Jahre drei verschiedene Szenarien errechnet. Ein mittleres Szenario geht laut Eymann bis 2022 von einer Zunahme um rund 75'000 Sozialhilfebezüger und Sozialhilfebezügerinnen aus.

Interkantonaler Lastenausgleich nötig

Bemerkbar macht sich die Entwicklung vor allem in Gemeinden, in denen bereits jetzt viele Sozialhilfebeziehende leben. Hier sei es nicht ausgeschlossen, dass der Steuerfuss erhöht werden müsse.

«Zur Entlastung der Gemeinden braucht es in allen Kantonen einen innerkantonalen Lastenausgleich», erklärte Eymann. Dieser sei unabdingbar, sonst gerieten einzelne Gemeinden in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten.

Die Anträge auf Sozialhilfe steigen.
Die Anträge auf Sozialhilfe steigen.bild: shutterstock

Laut Eymann kommen zudem zusätzliche Ausgaben auf die Gemeinden und Kantone zu, weil der Bund die Sozialhilfe für viele Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene nicht mehr finanziert. «Wir gehen davon aus, dass diese Gruppe etwas mehr als einen Viertel aller Personen ausmacht, die 2022 neu Sozialhilfe beziehen», so Eymann.

Sollten sich die Szenarien der SKOS bewahrheiten, brauche es da ein nationales Hilfspaket. Dann könnte man die Forderung stellen, dass der Bund die Kantone und Gemeinden unterstützt, indem er zwei weitere Jahre für die Sozialhilfe im Asylbereich aufkomme, erklärt Eymann.

Regelung für Sans-Papiers nötig

Für den SKOS-Präsidenten ist die Situation von Sans-Papiers, die keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben, völlig unbefriedigend. «Viele von ihnen arbeiten ja auch, und zwar unter inakzeptablen Bedingungen. Deshalb ist es Zeit, hier eine Regelung zu finden», so Eymann.

Wie diese genau aussehen könnte, sei ihm selber noch nicht ganz klar. «Ich finde aber, dass es für die Sans-Papiers zumindest während der Corona-Krise eine zusätzliche staatliche Unterstützung braucht», sagte Eymann. (sda)

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56 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Dominik Treier
21.06.2020 13:22registriert Juli 2016
Unsere Sozialsysteme sind und waren löchrig und die Sozialhilfe ist sowieso etwas vom hinterletzten. Da auf der Gemeinde für jeden Franken betteln gehen müssen ist nicht nur unwürdig sondern auch noch elendig Bürokratisch und teuer und wer nur noch ein paar Franken Vermögen hat, z.B..in einer kleinen billigen Eigentumswohnung wohnt erhält nicht einmal was. Aber es scheint ja im Moment immer noch politisch gewollt zu sein die Menschen zuerst in den tiefsten Dreck fallen zu lassen vor ihnen geholfen wird.
Die Chance dass sie bald wieder Arbeiten ist so auch viiiiel höher........
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Defekte Demokratie
21.06.2020 12:46registriert Mai 2019
Das ist erst die Spitze des Eisbergs. Nach der kastrierten Übergangsrente für ausgesteuerte Ü60 werden tausende nichts mehr in der PK ansparen können, von ihrem Ersparten leben müssen bis nichts mehr da ist und danach über EL dem Staat zur Last fallen müssen. Demütigend ist sowas. Da werden Milliarden für Lobbykässeli ausgegeben (ihr wisst schon welche), aber Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge werden stiefmütterlich behandelt und die eigentlichen Probleme der Bevölkerung werden nicht gelöst.
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Lilamanta
21.06.2020 14:01registriert Dezember 2018
Ich hoffe, dass diese "neuen" Sozialhilfebezüger helfen, das herabwürdigende Bild unserer Gesellschaft von Sozialhilfebezügern als Sozialschmarotzer zu revidieren. Und dass diese neuen Mitglieder im Club der Stigmatisierten endlich gegen all die Repressionen und rechtlichen Ungleichbehandlungen ankämpfen. Sie haben noch die Kraft dazu.
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