Schweiz
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Tausende rutschen in der Corona-Krise in die Sozialhilfe ab



Seit Ausbruch der Corona-Krise sind rund 8300 Personen zusätzlich in die Sozialhilfe abgerutscht. Auf Sozialhilfe angewiesen sind jetzt auch Selbstständigerwerbende, die sich vor der Krise knapp über Wasser halten konnten und Arbeitnehmende in Kurzarbeit.

Christoph Eymann, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), stellte in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» fest, dass die SKOS davon ausgegangen sei, dass sich die Corona-Krise während der ersten Wochen und Monate in der Sozialhilfe noch nicht bemerkbar machen werde, sondern erst mit einer zeitlichen Verzögerung.

Tausende neu auf Sozialhilfe angewiesen

Jetzt stelle man aber fest, dass die Zahl der Sozialhilfebezüger und -bezügerinnen bereits zwischen Anfang März und Ende Mai leicht gestiegen sei. In absoluten Zahlen sei die Zahl der Bezüger um rund 8300 gestiegen.

Selbständigerwerbende rutschten jetzt in die Sozialhilfe, die sich vor der Krise gerade noch über Wasser halten konnten, deren Dienstleistungen jetzt aber plötzlich nicht mehr gefragt seien. Taxifahrer gehörten beispielsweise zu dieser Gruppe. Daneben müssten aber auch Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auf Kurzarbeit Sozialhilfe beziehen – aus dem einfachen Grund, weil der Lohn für ihren Lebensunterhalt auf einmal nicht mehr reiche.

Die SKOS rechnet nicht mit einer raschen Verbesserung der Situation. Man habe für die nächsten zwei Jahre drei verschiedene Szenarien errechnet. Ein mittleres Szenario geht laut Eymann bis 2022 von einer Zunahme um rund 75'000 Sozialhilfebezüger und Sozialhilfebezügerinnen aus.

Interkantonaler Lastenausgleich nötig

Bemerkbar macht sich die Entwicklung vor allem in Gemeinden, in denen bereits jetzt viele Sozialhilfebeziehende leben. Hier sei es nicht ausgeschlossen, dass der Steuerfuss erhöht werden müsse.

«Zur Entlastung der Gemeinden braucht es in allen Kantonen einen innerkantonalen Lastenausgleich», erklärte Eymann. Dieser sei unabdingbar, sonst gerieten einzelne Gemeinden in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten.

Sozialhilfe

Die Anträge auf Sozialhilfe steigen. bild: shutterstock

Laut Eymann kommen zudem zusätzliche Ausgaben auf die Gemeinden und Kantone zu, weil der Bund die Sozialhilfe für viele Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene nicht mehr finanziert. «Wir gehen davon aus, dass diese Gruppe etwas mehr als einen Viertel aller Personen ausmacht, die 2022 neu Sozialhilfe beziehen», so Eymann.

Sollten sich die Szenarien der SKOS bewahrheiten, brauche es da ein nationales Hilfspaket. Dann könnte man die Forderung stellen, dass der Bund die Kantone und Gemeinden unterstützt, indem er zwei weitere Jahre für die Sozialhilfe im Asylbereich aufkomme, erklärt Eymann.

Regelung für Sans-Papiers nötig

Für den SKOS-Präsidenten ist die Situation von Sans-Papiers, die keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben, völlig unbefriedigend. «Viele von ihnen arbeiten ja auch, und zwar unter inakzeptablen Bedingungen. Deshalb ist es Zeit, hier eine Regelung zu finden», so Eymann.

Wie diese genau aussehen könnte, sei ihm selber noch nicht ganz klar. «Ich finde aber, dass es für die Sans-Papiers zumindest während der Corona-Krise eine zusätzliche staatliche Unterstützung braucht», sagte Eymann. (sda)

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61Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mundos 21.06.2020 18:55
    Highlight Highlight Es ist kein "Abrutschen". Das Wort trägt zur Marginalisierung bei. Es ist selbstverständlicher Teil unseres Sozialsystems.
    • lilie 22.06.2020 08:20
      Highlight Highlight @Mundos: Danke für diesen Kommentar. Diese Formulierung hat mich auch gestört. Man sagt ja auch nicht, jemand rutscht in die Diebstahlversicherung ab, weil sein Auto gestohlen wurde - man nimmt diese Versicherung in Anspruch, dazu ist sie da.

      Und auch wenn es Fälle gibt, die langfristig Sozialhilfe beziehen, so ist es doch in der Regel eine Überbrückung bis man wieder Arbeit hat oder andere Versicherungen zum Tragen kommen (IV, AHV).
  • Selbstverantwortin 21.06.2020 16:35
    Highlight Highlight Das wird erst der Anfang sein.
    Aber wer hier seit April diese Folgen der Corona-Massnahmen prognostizierte samt deutlich mehr Gesundheitsfolgen als das Virus selbst, wurde persönlich angegriffen statt dass sachlich argumentiert wurde.
    Die Mehrheit (hier) unterstütze die Massnahmen über Mitte April hinaus. Nun beklagt euch nicht.
  • lilie 21.06.2020 14:07
    Highlight Highlight So ganz verstehe ich nicht, warum es jetzt gerade viele neue Sozialhilfeempfänger geben soll.

    Wer seinen Job verliert oder sein Geschäft aufgeben muss, geht ja zuerst einmal zum RAV.

    Da es vermutlich aber die nächsten 2 Jahre einige Branchen sehr hart treffen wird und andere auch nicht gerade massenweise neue Leute einstellen werden, muss man wohl damit rechnen, dass sehr viele Leute keinen Job finden.

    Ausgesteuert werden sie aber ja erst in 2 Jahren. Dann erst steigen doch die Sozialhilfefälle deutlich an.
    • bokl 21.06.2020 14:17
      Highlight Highlight Selbständige können nicht aufs RAV
    • ernst.haft 21.06.2020 14:18
      Highlight Highlight Wer knapp überlebt hat, rutscht mit der ALV unter das Existenzminimum.
      Da sieht man nun, wie viele Menschen am Limit leben.
    • Salbei 21.06.2020 14:40
      Highlight Highlight @lilie: lies mal auf der SVA website was man alles erfüllen muss, damit man Geld vom RAV bekommt. Das sind bei Weitem nicht immer 2 Jahre. Man sieht, dass du dich noch nie damit befassen musstest (nicht böse gemeint).
    Weitere Antworten anzeigen
  • Lilamanta 21.06.2020 14:01
    Highlight Highlight Ich hoffe, dass diese "neuen" Sozialhilfebezüger helfen, das herabwürdigende Bild unserer Gesellschaft von Sozialhilfebezügern als Sozialschmarotzer zu revidieren. Und dass diese neuen Mitglieder im Club der Stigmatisierten endlich gegen all die Repressionen und rechtlichen Ungleichbehandlungen ankämpfen. Sie haben noch die Kraft dazu.
  • Dominik Treier 21.06.2020 13:22
    Highlight Highlight Unsere Sozialsysteme sind und waren löchrig und die Sozialhilfe ist sowieso etwas vom hinterletzten. Da auf der Gemeinde für jeden Franken betteln gehen müssen ist nicht nur unwürdig sondern auch noch elendig Bürokratisch und teuer und wer nur noch ein paar Franken Vermögen hat, z.B..in einer kleinen billigen Eigentumswohnung wohnt erhält nicht einmal was. Aber es scheint ja im Moment immer noch politisch gewollt zu sein die Menschen zuerst in den tiefsten Dreck fallen zu lassen vor ihnen geholfen wird.
    Die Chance dass sie bald wieder Arbeiten ist so auch viiiiel höher........
    • Ribosom 21.06.2020 13:52
      Highlight Highlight Sorry, wer eine Eigentumswohnung hat hat somit Vermögen. Logisch bekommt man so keine Sozialhilfe.
      Sozialhilfe ist die letzte Hilfe. Hat man noch Vermögen, muss und kann man selber schauen!
      Schliesslich zahlen wir alle Steuern, um den ärmsten der Armen zu helfen, nicht denen mit genug Vermögen.
    • npe 21.06.2020 14:10
      Highlight Highlight @Ribosom eine Eigentumswohnung ist kein liquides Vermögen, insb. nicht, wenn man selber darin wohnt.
    • Salbei 21.06.2020 14:40
      Highlight Highlight Danke Dominik. Endlich sagts mal jemand wies ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Defekte Demokratie 21.06.2020 12:46
    Highlight Highlight Das ist erst die Spitze des Eisbergs. Nach der kastrierten Übergangsrente für ausgesteuerte Ü60 werden tausende nichts mehr in der PK ansparen können, von ihrem Ersparten leben müssen bis nichts mehr da ist und danach über EL dem Staat zur Last fallen müssen. Demütigend ist sowas. Da werden Milliarden für Lobbykässeli ausgegeben (ihr wisst schon welche), aber Bildung, Gesundheit und Altersvorsorge werden stiefmütterlich behandelt und die eigentlichen Probleme der Bevölkerung werden nicht gelöst.
  • John Henry Eden 21.06.2020 12:44
    Highlight Highlight Leute mit egoistischen Interessen stimmten gegen das bedingungslose Grundeinkommen.

    Die SKOS war auch dagegen. Ihren Mitgliedern waren die eigenen Pfründe wichtiger.

    Sozial schwafeln und damit Geld verdienen ist eben geiler als sozial handeln und die Geldquelle versiegen lassen.
    • Ribosom 21.06.2020 13:54
      Highlight Highlight Bin ich also egoistisch, weil ich nicht will, dass der faule Hinz und Kunz mittels meinen Steuerabgaben meht Geld zum Rumsitzen bekommen soll?
      Grundeinkommen ja, aber nicht bedingungslos, bitte.
    • Dominik Treier 21.06.2020 15:43
      Highlight Highlight Ob du nur aus Egoismus solches Zeug zusammenreimst Ribosom, musst du selbst wissen, der faule Hinz und Kunz, dem nichts fehlt hat heute mit der Sozialhilfe schon diese Möglichkeit... Wer wirklich unter dieser Gängelung leidet sind die, denen es schlecht geht und lieber anderen nicht zur Last fallen würden, denn die kommen unter die Räder, haben nicht die Möglichkeit wirklich etwas aus ihrem Leben zu machen, während die paar Promille ohne Skrupel immer betrügen können.
    • Dominik Treier 21.06.2020 15:49
      Highlight Highlight Vielleicht glaubst du ja noch an das Märchen von Thatcher die mal rausposaunt hat Armut sei eine Charakterschwäche.

      Soziologisch erwiesen ist jedoch das nicht arm wird, wer unvernünftig handelt, sondern unvernünftig handelt wer aus Unglück im Leben arm wurde.

      Diese Leute haben dann keine Möglichkeit mehr ihr Potenzial zu nutzen, weil sie alles auf das unmittelbare Überleben verwenden müssen. Die Soziologie sagt schon lange, dass uns durch diese angebliche Gerechtigkeit mehr verloren geht und es die Allgemeinheit viel mehr kostet, als wenn jeder genug zum Leben garantiert hätte.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Silent_Revolution 21.06.2020 12:43
    Highlight Highlight Am 6 März hat der Bundesrat von allen Solidarität gefordert. Das ist kein einseitiges Spiel. Jetzt ist er an der Reihe.

    Solidarität für die Ärmsten dieser Gesellschaft, Erhöhung der Sozialhilfe, der AHV/IV Renten, Unterstützung für sans Papiers und Obdachlose!

    Wer soll das bezahlen? Na diejenigen die haben, so funktioniert dieses vom Bundesrat geforderte Konzept. Geben sie nichts freiwillig, müsst ihr sie eben enteignen.

    Schliesslich hat man uns auch mit Gewalt zur bisher einseitigen Solidarität genötigt.
    • lilie 21.06.2020 14:14
      Highlight Highlight @Silent: Welche Gewalt? 🤔
    • Silent_Revolution 21.06.2020 14:36
      Highlight Highlight Die Staatsgewalt, welche zum Einsatz kam, wenn man sich den Geschäftsschliessungen, den geschlossenen Grenzen und den Versammlungeseinschränkungen widersetzte.

      Hat nicht jeder mitbekommen, manche Kurzarbeit-Homeoffice Bürger hatten nie Grund zum Unmut, da sie stets profitierten.

      Ein paar Kredite an Unternehmen, Sonderregelungen für lobbystarke Wirtschaftsbereiche, nichts für die Unterschicht. Das ist euer Verständnis von Solidarität?

      Für Obdachlose haben sich nur Private eingesetzt, der Staat hat nichts getan, obwohl diese am Meisten unter den Massnahmen litten.
  • Pafeld 21.06.2020 12:32
    Highlight Highlight Das dermassen viele Leute nun in die Sozialhilfe abrutschen, liegt ohne Zweifel auch daran, dass man in den letzten Jahren die ALV systematisch ausgehöhlt hat. Die ALV ist mittlerweilen so löcherig, dass sie als Rettungsnetz kaum mehr zuverlässig fungiert.
    Beispielsweise Expats, die um/wegen Corona in die Schweiz zurückgekehrt sind (man hat sie sogar geradezu dazu aufgerufen) landen beispielsweise auf direktem Weg in der Sozialhilfe, unabhängig davon, wie lange sie (mit Ausnahme der letzten drei Jahre) in der Schweiz gearbeitet haben. Das ist keine Schlamperei, sondern politisch so gewollt.
  • Karl33 21.06.2020 11:53
    Highlight Highlight Eigentlich müssten diese Verlierer der ganzen Corona-Geschichte den Verkehr auf den Strassen per Demonstration lahmlegen, aus Protest, und nicht die paar verwöhnten Akademikerkinder von Extinction Rebellion.
    • Basler444 21.06.2020 13:05
      Highlight Highlight Ich musste dei Kommentar zweimal lesen um es nicht zu missverstehen.

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