Am 5. November wird in den USA gewählt. Wie ist die Stimmung bei den Schweizer Exportunternehmen? Pro Trump oder pro Harris?
Ruth Metzler: Die Stimmung ist pro USA.
Das ist jetzt sehr diplomatisch ausgedrückt.
Der USA-Markt ist für Schweizer Unternehmen sehr attraktiv – und das wichtigste Exportland überhaupt. Für die Schweizer KMU ist es letztlich nicht wirklich entscheidend, wer die Wahlen gewinnt. Beobachter gehen davon aus, dass das grosse Wirtschaftsprogramm von Präsident Biden weiterlaufen wird, egal wer gewinnt.
Das klingt pragmatisch, aber auch sehr unpolitisch.
Die Schweizer Unternehmen sind tatsächlich politisch sehr indifferent. Die USA sind ein grosser Markt – und sie sind im Vergleich zu anderen grossen Märkten wie China oder Brasilien ein einfacher Markt. Die Unternehmen sehen die Marktopportunitäten in den USA.
Obwohl: Das Geschäft mit Amerika war selten so politisch angesichts der geopolitischen Spannungen.
Die geopolitischen Spannungen sind vielleicht in der Amtszeit von Donald Trump grösser geworden, aber sie sind unter der Biden-Regierung nicht wieder kleiner geworden. Und sie werden auch in Zukunft bleiben, ganz unabhängig vom Wahlausgang. Die Schweizer Unternehmen leben damit. Sie sind Weltmeister darin, sich an neue, auch schwierige Situationen anzupassen – wie etwa beim Franken-Schock im Januar 2015 oder bei anderen Krisen. Die Unternehmen erfinden sich ständig neu oder finden Wege, mit den Herausforderungen umzugehen. Diese Anpassungsfähigkeit hat sie gestärkt.
Wie genau passen sich denn die Unternehmen an?
Viele Unternehmen stellen sich breiter auf, um zum Beispiel weniger von China abhängig zu sein. Viele suchen nach einem zweiten Standort in anderen asiatischen Ländern wie Malaysia, Vietnam oder Thailand, andere wiederum weichen auf osteuropäische Staaten aus. In China wird meist weiterhin für China produziert – und an den anderen Standorten für den Rest der Welt. Diese Diversifizierung ist aber nicht nur eine Reaktion auf die geopolitischen Spannungen. Es ist auch eine Antwort auf die in der Pandemie aufgekommenen Lieferkettenprobleme.
Trotz drohenden Problemen halten die Schweizer Unternehmen an China fest.
China bleibt nach wie vor ein wichtiger Markt, sowohl für die Produktion als auch für den Export. Die Unternehmen, die in China tätig sind, planen weiterhin für China – während sie für den Rest der Welt alternative Produktionsstandorte in Betracht ziehen. Zudem ist China dank unserem Freihandelsabkommens und den Zollreduktionen auch interessant als Exportland.
Ist dieses Freihandelsabkommen mit China wirklich so wichtig?
Ja, sehr wichtig sogar. Als das Freihandelsabkommen 2014 in Kraft trat, ging man davon aus, dass es nach zehn Jahren für rund 60 Prozent aller Exporte aus der Schweiz nach China genutzt werden wird. Heute profitieren bereits über 70 Prozent der Schweizer Exporte nach China von Zoll- und Tarifreduktionen. Die Schweizer Wirtschaft spart heute dadurch zwischen 200 und 250 Millionen Franken pro Jahr ein. Doch das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Diese Zollreduktionen helfen dabei, die oft höheren Preise für Schweizer Qualitätsprodukte etwas auszugleichen.
Die offizielle Schweiz will das Freihandelsabkommen mit China erneuern. Wie wichtig ist das?
Verbesserungen sind immer gut. Aber auch das heutige Freihandelsabkommen bringt den Schweizer Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren europäischen Konkurrenten. Das sieht man auch an den Zahlen. Unsere Exporte nach China haben sich in den vergangenen zehn Jahren mit einem Plus von 137 Prozent deutlich mehr als verdoppelt. Im gleichen Zeitraum haben die Exporte aus der EU nach China nur gerade halb so stark zugenommen. Umgekehrt ist die Entwicklung bei den Importen aus China: Diese haben in die Schweiz deutlich weniger zugenommen als in die EU.
Die EU will dem Import von chinesischen Billigprodukten den Riegel schieben – und hat Strafzölle für chinesische E-Autos erlassen. Ein weiterer Vorteil für die Schweiz?
Im Gegenteil. Deutschland ist eines unserer wichtigsten Exportländer. Leidet die deutsche Autoindustrie unter chinesischen Gegenmassnahmen, leidet auch die Schweizer Zulieferindustrie. Es gibt ja das berühmte Bonmot: Wenn Deutschland hustet, dann haben wir die Grippe. Das hat noch immer seine Gültigkeit. Wenn nun die deutsche Industrie leidet, dann leidet unsere Industrie indirekt mit.
Hochgelobt wurde – wenigstens von offizieller Seite – das neue Freihandelsabkommen mit Indien. Hält es seine Versprechen?
Die Erwartungen jedenfalls sind sehr gross, das merken wir auch bei uns. Die Anfragen von Unternehmen zu Indien haben sich kurz nach der Unterzeichnung des Abkommens verdreifacht. Und bei unserem ersten Webinar zum Thema hatten wir einen absoluten Teilnehmerrekord von über 600 Teilnehmern. So etwas haben wir noch nie erlebt. Mittlerweile ist das Interesse etwas zurückgegangen, da das Abkommen frühestens 2026 in Kraft treten dürfte.
Indien ist zwar eine Demokratie, die Wirtschaft ist aber fast oligarchisch organisiert – mit wenigen, sehr reichen Industriellen, die riesige Firmenkonglomerate besitzen. Wird das Potenzial nicht überschätzt?
Fakt ist: Indien ist ein riesiger Markt. Und ob er jetzt ein bisschen schneller oder langsamer wächst, ist für ein Schweizer KMU beim Start in diesem Markt kein Thema. Zudem: Indien ist eines der Länder, in denen der Bundesrat für Schweizer KMU den Zugang zu grossen Infrastrukturprojekten vereinfachen will. Der Flughafen Zürich macht es vor: Er hat eine Konzession für 40 Jahre für den neuen Flughafen in Delhi erhalten – für den Bau und dann für den Betrieb. Und hier sind auch weitere Schweizer Unternehmen beteiligt.
Viele «Zukunftsmärkte» werden von autokratischen Regimes regiert. Sehen Sie da keine Probleme?
Es gibt sicherlich Risiken. Aber letztlich bieten auch solche Märkte für Schweizer KMU viele Chancen. Andere Faktoren sind für sie viel wichtiger: Also etwa die Frage, wie protektionistisch ein Land ist oder wie hoch dessen administrative Hürden. Das ist viel wichtiger beim Entscheid, ob man in ein Land geht oder nicht.
Im dritten Quartal sind die Exporte aus der Schweiz um 4,3 Prozent gesunken, wie die neusten Zahlen zeigen. Gibt Ihnen das zu denken?
Die Zahlen waren insgesamt schlecht, und es sieht auch für die Zukunft schlecht aus. Vor allem für die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ist die Situation schwierig. Die Zahl der Bestellungen ist tief, der wichtige Absatzmarkt Deutschland schwächelt. Und wenn heute die Bestellungen fehlen, fehlt morgen der Umsatz. Das ist schon besorgniserregend. Man muss aber auch relativieren: im Vorquartal sind die Exportzahlen stark gestiegen, vor allem dank der Pharma. Im dritten Quartal hat die Pharma stark zum Rückgang der Zahlen beigetragen. Und wir sind noch immer über dem Durchschnitt der letzten fünf Quartale.
Hat der Rückgang auch etwas mit dem Erstarken des Schweizer Franken zu tun?
Der starke Franken ist wieder vermehrt ein Thema. Nicht so wie im Januar 2015, als die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro aufgehoben hatte. Damals war es ein Schock. Aber die starke Währung ist ein anhaltendes Fitnessprogramm für die Exportindustrie.
Wie beeinflusst das fehlende EU-Rahmenabkommen die Schweizer Wirtschaft?
Die bilateralen Beziehungen zur EU sind ein Dauerbrenner. Aber die Schweizer Firmen arrangieren sich, das haben wir bei der Medtech-Branche gesehen, die ihren erleichterten Zugang zum europäischen Binnenmarkt verloren hat. Die Firmen haben sich einfach anders organisiert, haben neue Lösungen gefunden, um weiterhin in Europa tätig zu sein.
Dann hat die SVP also recht. Es ist alles kein Problem.
Schweizer Unternehmen finden Lösungen, auch wenn diese mit Mehraufwand und zusätzlichen Kosten verbunden sind. Aber dadurch verschwinden in der Schweiz nicht wenige Arbeitsplätze.
Wie viele?
Das können wir nicht beziffern. Das Schlimmste an dieser Situation mit den bilateralen Verträgen ist die Unsicherheit.
Sie sind seit über 13 Jahren an der Spitze der Schweizer Exportförderung. Wie hat sich die Exportwelt seitdem verändert?
Das internationale Geschäft ist anspruchsvoller geworden, und der Protektionismus hat zugenommen. Dadurch sind unsere Dienstleistungen gefragter denn je. Aber auch wir mussten uns anpassen, mussten kundenorientierter werden, flexibler, digitaler, damit wir rund um die Uhr erreichbar sind. Und es gibt mehr Situationen, in denen wir als Troubleshooter eingreifen müssen.
An was denken Sie da?
An den Frankenschock etwa. Zusammen mit der Credit Suisse, die damals noch unsere Partnerin war, haben wir innert einer Woche ein Seminar zur Währungsabsicherung organisiert. Ein anderes Beispiel waren die Lieferschwierigkeiten oder gar Lieferblockaden ausgelöst durch die Covid-Krise. Das hat uns eine Zeit lang fast ganz absorbiert.
In der Wirtschaftswelt gilt in Verwaltungsräten häufig eine Amtszeitbeschränkung von zwölf Jahren. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?
Bis 2027. Dann feiert unsere Organisation ihren 100. Geburtstag. Das ist ein guter Moment für die Stabsübergabe. Die Nachfolgeplanung ist eingeleitet.
Gleichzeitig wollen Sie das Präsidium bei Swiss Olympic übernehmen. Passt das zusammen?
Ja, sicher! Ich habe verschiedene Mandate in Verwaltungs- und Stiftungsräten. Ich hatte bereits bei Bekanntgabe meiner Kandidatur gesagt, dass ich einen grossen Teil davon abgeben würde, wenn ich gewählt würde als Präsidentin von Swiss Olympic. Zudem gibt es viele Parallelen zwischen Swiss Olympic und meiner Arbeit hier bei Switzerland Global Enterprise.
Inwiefern?
Vor vierzehn Jahren, als man mich fragte, ob ich das Präsidium übernehmen möchte, habe ich geschaut, worum es geht, und dachte: «Wow, das passt extrem gut zu mir.» Genauso wie nun bei Swiss Olympics. Für beide Aufgaben braucht es eine erfahrene Führungspersönlichkeit mit politischer und internationaler Erfahrung, mit einem breiten Netzwerk in Politik und Wirtschaft, jemand, der mehrsprachig ist und gut kommunizieren kann. Bei Swiss Olympic steht der Sport im Zentrum. Und Sport ist meine Leidenschaft. Wenn ich nun das, was ich in den letzten Jahrzehnten gemacht habe, zugunsten des Sports einbringen kann, für den Spitzensport und den Breitensport, dann würde mich das enorm freuen. (aargauerzeitung.ch)