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Das Problem mit der Flasche – weshalb das Bier bald mehr kostet

Brauer und Winzer versuchen händeringend, Glasflaschen für ihre Getränke aufzutreiben. Dass diese rar geworden sind, liegt am Ende der Coronamassnahmen sowie an den Preisschocks durch den Ukraine-Krieg.
19.05.2022, 07:35
Florence Vuichard, Pascal Michel / ch media
Rares Gut: Glaflaschen.
Rares Gut: Glaflaschen.Bild: KEYSTONE

So etwas hat er noch nie erlebt: «Es gibt keine Flaschen mehr», sagt Alois Gmür, Patron der Brauerei Rosengarten in Einsiedeln SZ. Oder jedenfalls fast keine mehr. «Überall muss man die Glaslieferanten fast auf Knien anflehen und gleich den gesamten Jahresbedarf durchgeben.» Lieferungen «just in time» seien nicht mehr möglich.

Wurden früher Einwegflaschen innert einer Woche geliefert, kann es jetzt mehrere Wochen dauern, wie Gmür betont. Noch länger sind die Lieferfristen für Mehrwegflaschen und für Gläser, etwa für Bierkrüge oder Stangengläser mit dem Einsiedler-Logo. «Hier wartet man teilweise bis zu einem halben Jahr auf die Lieferung», sagt der Brauer, der für die Mitte im Nationalrat politisiert.

Auch Winzer Jean-René Germanier kennt die Schwierigkeiten in der Branche. Er selber hat keine Probleme, jedenfalls vorerst nicht. Denn er bestellt seine Flaschen immer mindestens ein Jahr im Voraus. «Wir brauchen rund eine Million Stück pro Jahr, da müssen wir planen», sagt Germanier. Das zahlt sich jetzt aus, die Lieferungen treffen pünktlich ein. Hingegen kosten sie mehr. «Der erste Aufschlag betrug zehn Prozent, weitere Preiserhöhungen folgten - und werden noch folgen.»

Die Folgen dürften auch bald für die Konsumentinnen und Konsumenten am Bier- und Weinregal sichtbar werden. «Ja, es wird in nächster Zeit Preisaufschläge geben», sagt Braumeister Gmür. Feldschlösschen will sich diesbezüglich nicht äussern: «Vorerst beobachten wir die Entwicklungen», hält eine Sprecherin fest. Und sie ergänzt: «Wir sehen derzeit keine Tendenz in Richtung Beruhigung der Lage.»

Bier in der Flasche zu Hause statt im Offenausschank in der Beiz

Das Glasproblem hat seinen Ursprung in der Pandemie, wie Gmür erklärt: Mit der Schliessung der Restaurants und Bars stieg der Heimkonsum, statt Stangen im Offenausschank in der Beiz tranken die Leute ihr Bier aus Einwegflaschen. Die Nachfrage stieg rasant an, das Angebot konnte nicht mithalten.

Akzentuiert wurde die bereits angespannte Situation durch die schnelle konjunkturelle Erholung nach dem ersten Lockdown. Plötzlich wollten wieder alle Glas, und zwar viel Glas. «Die Lage ist schwierig», sagt David Naselli vom Glaslieferanten Univerre. «Es gibt in Europa einen Mangel an Glas.» Das Unternehmen mit Sitz in Siders VS produziert selbst kein Glas, sondern bezieht den Grossteil seiner Produkte aus Europa. «Das breite Sortiment ermöglicht es Univerre jedoch, individuelle Lösungen für die Kunden zu finden.»

WAS?! In der Schweiz darf ich also ÜBERALL Bier trinken?????

Video: watson/Emily Engkent

Definitiv schwierig wurde die Situation nun mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine, der die Glasindustrie indirekt, aber auch ganz direkt trifft. So führt der Schweizer Glasverpackungshersteller Vetropack ein Werk in Gostomel bei Kiew mit 600 Angestellten. Die Produktion wurde sofort nach Kriegsbeginn eingestellt. Mittlerweile wurde das Werk von der russischen Armee so stark beschädigt, dass Vetropack nicht davon ausgeht, den Betrieb in näherer Zukunft wieder aufnehmen zu können.

Nächster Preisschub

Der Glashersteller bestätigt die Preisschübe: Vetropack musste für das Jahr 2022 die Preise bereits um zehn Prozent anheben. Im April folgte eine weitere Preiserhöhung um nochmals durchschnittlich 15 Prozent, wie Firmenchef Johann Reiter auf Anfrage von CH Media sagt. Die Kundschaft erhalte einen Fixpreis, neu komme aber ein Aufschlag hinzu, der die aktuellen Energie- und Transportkosten abdecke.

Bild: KEYSTONE

Drei Faktoren treiben derzeit den Preis für Glas in die Höhe. Erstens sind die Kosten für Erdgas stark gestiegen, was die energieintensive Glasproduktion hart trifft. Oder in den Worten von Univerre-Sprecher Naselli:

«Mit dem Gaspreis steigt der Glaspreis.»

Zweitens kosten Transport sowie Rohstoffe für das Schmelzen von Glas, etwa Soda, mehr. Und drittens zog - wie gesagt - die Nachfrage nach Bier, Wein und Mineralwasser in Glasflaschen nach den Lockdowns im vergangenen Jahr stark an - was wiederum zu Verknappungen führt.

Mehr bezahlen und lange warten

Vetropack-Chef Reiter erklärt, aktuell erhielten 95 Prozent der Kundinnen und Kunden in der Schweiz ihre bestellten Glasflaschen noch. Wer jedoch kleine Mengen und Flaschen mit Spezialwünschen bestellt, der muss sich länger gedulden. Mehr bezahlen und lange warten? Da machen nicht alle Kunden mit und suchen sich einen anderen Lieferanten. Für den Frust hat Reiter Verständnis, sagt aber auch:

«Eine solche Krise im Glasmarkt habe ich innert zwölf Jahren noch nicht gesehen - wir tun alles, was wir können, um liefern zu können.»

Tatsache ist, dass es beispielsweise für einen Schweizer Brauer, der Bierflaschen bestellen will, gar nicht allzu viele Optionen gibt. In der gesamten europäischen Glasindustrie ist die Lage angespannt. Zwar gibt es auch Anbieter aus Fernost, etwa in China.

Doch ob Glas wirtschaftlich verkauft werden kann, hängt vorab vom Transport ab, der neben der Energie einen grossen Teil der Kosten verursacht. «Glas mehr als 400 Kilometer weit zum Kunden zu transportieren, lohnt sich in den meisten Fällen nicht», sagt Reiter. Deshalb kommt das Glas im europäischen Markt auch meist von einheimischen Anbietern - die alle unter denselben Preissteigerungen leiden.

Lukratives Geschäft im Osten

Der Ausfall des Vetropack-Werks bei Kiew sorgt nicht nur für zusätzliche Lieferengpässe auf dem Glasmarkt, für zwei Drittel der rund 600 Angestellten bedeutet der anhaltende Krieg die Kündigung. Zwar will Vetropack am Standort festhalten. Doch die Löhne von Hunderten Angestellten zahlen, ohne produzieren zu können, das kann das Unternehmen gemäss eigenen Angaben nicht mehr stemmen.

Die Vetropack-Gruppe expandierte in den 1990er-Jahren nach Tschechien und Kroatien, danach in die Slowakei und in die Ukraine. 2020 kam ein Werk in der Republik Moldau hinzu.

Osteuropa lockte die Glasindustrie aus verschiedenen Gründen: Einerseits blickten die Länder auf eine lange Tradition in der Glasherstellung und dementsprechendes Fachwissen zurück. Andererseits versprachen aufstrebende Märkte und vergleichsweise tiefe Gaspreise ein lukratives Geschäft. Dieses ist mit den aktuellen Preisturbulenzen am Energiemarkt stark in Bedrängnis geraten. Umso mehr ist die Glasindustrie nun gefordert, sich vom Klumpenrisiko Erdgas zu lösen. Um Schmelzwannen dereinst ohne Erdgas aufzuheizen, dürfte es aber noch Jahre dauern.

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33 Momente, in denen sich jemand ein Bier gönnte

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quelle: epa/epa / christian bruna
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58 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pontifax
19.05.2022 07:45registriert Mai 2021
Einwegflaschen für Bier war von vorne herein eine Schnapsidee. Zurück zu Mehrweg mit Pfand und die Sache läuft. Auch ein immenser Gewinn für die Umwelt . Das Verschieben von Leergut inkl. Reinigung verursacht weniger Belastung als das ständige Produzieren neuer Flaschen.
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ryuk
19.05.2022 07:53registriert Juli 2016
seltsam, dass die schweizer nichts davon haben,
obwohl sie >90 % ihres glases rezyklieren…
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Cpt. Jeppesen
19.05.2022 08:33registriert Juni 2018
Mehrwegflaschen, anstelle von gestylten Hipsterbierflaschen für den einmaligen Gebrauch. Ich habe das eh noch nie verstanden, dass in der Schweiz Glas einfach entsorgt wird. Bei unsteren Nachbarn im Norden sind Mehrwegflaschen seit Jahrzehnten Standard. Und die müssen es wissen, schliesslich sind sie Weltmeister im Bier trinken.
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