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Laura Meyer.
Laura Meyer.
bild: zvg

Hotelplan-Chefin: «Jetzt ist ein guter Moment, die Sommerferien zu buchen!»

Die ehemalige UBS-Managerin Laura Meyer (39) steht seit Anfang Jahr an der Spitze der Migros-Reisetochter. Sie hofft auf mehr Ferienbuchungen dank mehr Impfungen, warnt vor teuren Flügen an Spitzentagen - und wartet weiterhin auf Geld von der Swiss.
13.04.2021, 05:40
Benjamin Weinmann / ch media

Es ist ruhig, sehr ruhig sogar am Hauptsitz der Migros-Reisefirma Hotelplan in Glattbrugg ZH. Die grosse Mehrheit der Angestellten befindet sich nach wie vor in Kurzarbeit. Das Ferienfieber bei der Kundschaft mag zwar gross sein, doch das widerspiegelt sich nicht in den Buchungszahlen. Die ständig ändernden Einreiseregeln und neue Mutationen sorgen weltweit für Katerstimmung in der Tourismusindustrie. Laura Meyer, seit Anfang Jahr neue Hotelplan-Chefin, wirkt dennoch gut gelaunt.

Sie haben Hotelplan in der grössten Krise der Reiseindustrie übernommen. Sind Sie übermütig?
Laura Meyer: Nein, ich habe mir diesen Schritt sehr gut überlegt, und dass wir in einer Krise stecken, war keine Überraschung. Zudem bin ich positiv denkend und weiss: Wir kommen auch wieder aus dieser Krise raus.

Sie sind nun seit rund 100 Tagen im Amt. Verging die Zeit rasch bei der Einarbeitung – oder eher langsam, weil fast nichts läuft?
Es ging sehr rasch. Zwei Wochen nach meinem Start kam der zweite Lockdown und wir mussten viel neu planen. Und dann führte ich natürlich auch viele Kennenlerngespräche.

Ihr Vorgänger Thomas Stirnimann war Touristiker durch und durch. Sie kommen hingegen aus der Finanzwelt. Haben Sie vom Personal Widerstand gespürt?
Nein, ich fühle mich sehr herzlich aufgenommen. Ich kannte das Unternehmen ja bereits seit über zwei Jahren aufgrund meiner Aufgabe als Verwaltungsrätin. Und inhaltlich bringe ich viel Knowhow mit, von der Digitalisierung bis hin zum Marketing, Verkauf sowie Strategie- und Transformationsprozesse. Anspruchsvoll war viel eher, dass man die neuen Kolleginnen und Kollegen nicht persönlich treffen kann.

Wie kritisch ist die Situation aktuell für Hotelplan?
Der Buchungsstand liegt natürlich deutlich unter jenem von 2019…

…konkret?
Im ersten Halbjahr, das im November begann, liegen wir bei etwa 20 Prozent gegenüber 2019. Uns fehlten vor allem auch die britischen Skigäste, die wir in die Schweiz bringen. Aber wir haben gut funktionierende Geschäftsbereiche, wie den Ferienhaus-Vermittler Interhome. Da profitierten wir davon, dass viele Kunden Ferien im eigenen Land verbrachten. In der Schweiz zeichnet sich da ein Rekordjahr ab. Und für den Sommer und Herbst bin ich zuversichtlich.

Was stimmt Sie positiv?
Wir sehen, dass die Buchungen auf tiefem Niveau zunehmen, sicher auch dank den Impfungen im In- und Ausland. Deshalb haben wir seit Montag auch alle unsere Filialen wieder geöffnet, nachdem wir die grosse Mehrheit Mitte Januar zumachten. Und ich bin auch längerfristig zuversichtlich, denn wir alle möchten reisen. Das bleibt auch nach der Pandemie so.

Wie würden Sie Ihre Zuversicht auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten?
Dank der funktionierenden Impfstoffe ist es wohl eine neun für die kommenden Sommer- und Herbstferien. Klar, 2021 wird kein gutes Geschäftsjahr, aber unter dem Strich sicher besser als 2020. Und danach wird sich der Markt hoffentlich rasch komplett erholen.

Wohin wird zurzeit vor allem gebucht?
Schweizer Ziele sind nach wie vor am beliebtesten. Bei den Auslandreisen buchen die meisten Reisen nach Ägypten, Spanien, Costa Rica, Mexiko oder in die Dominikanische Republik, also vor allem warme Regionen. Aber wie gesagt, die Buchungszahlen sind nach wie vor tief und fallen jeweils fast auf null, wenn ein Land auf der Quarantäneliste des Bundes landet, so wie zuletzt bei den Malediven oder Dubai.

Wie gross ist das Informationsbedürfnis seitens der Kundschaft?
Deutlich grösser als früher. Denn die Unsicherheiten beim Buchen sind gross. Insofern ist diese Krise eine Chance, um unser Know-how als Reiseveranstalter unter Beweis zu stellen, und die Kunden von unserem Service zu überzeugen. Wir buchen um, erstatten das Geld zurück, holen die Gäste nach Hause. Kein Kunde hat mit uns Geld verloren. All das wurde vergangenes Jahr enorm geschätzt.

Sie sagen es: Die Unsicherheiten bleiben gross. Wann soll man denn am besten buchen?
Für die Frühlingsferien würde ich nach wie vor zuwarten, weil die Lage nicht stabil ist. Aber ab Juli sollten wir durchgeimpft sein. Deshalb ist jetzt ein guter Moment, die Sommer- und Herbstferien zu planen und wenn möglich zu buchen. Denn an den Spitzentagen in der Feriensaison wird es zu Engpässen kommen, und dann steigen auch die Preise.

Finden Sie es gut, wenn Leute an den Strand fliegen? Der Bund rät schliesslich nach wie vor, auf nicht dringende Auslandreisen zu verzichten.
Unsere Aufgabe ist es, unsere Kunden zu informieren, damit alle Massnahmen eingehalten werden. So unterstützen wir den Bund und die jeweiligen Länder bei der Umsetzung ihrer Massnahmen.

Trotzdem: Der Bund rät davon ab.
Es ist ein persönlicher Entscheid der Kunden, ob sie reisen wollen oder nicht.

Welche Destinationen wären besonders wichtig für Ihr Geschäft?
Im Sommer und im Herbst ist der Mittelmeerraum wichtig für die Ferienwünsche unserer Kunden. Deshalb hoffen wir sehr, dass Ziele wie Griechenland oder Zypern bald nicht mehr auf der Risikoländer-Liste sind. Dort hat es viele kleinere Hotels auf verschiedenen Inseln. Vorerst dürften das die Kunden gegenüber Massen-Hotels bevorzugen.

Für die USA haben Sie die Hoffnungen aufgegeben?
Da beobachten wir die Situation natürlich. Aber unser Fokus liegt auf dem Mittelmeerraum. Denn bereits letztes Jahr hat sich gezeigt, dass die näheren Ziele bei der Kundschaft derzeit beliebter sind.

Wie sieht Ihre Budgetplanung für dieses Jahr aus?
Wir haben drei Szenarien erarbeitet. Im besten Fall rechnen wir mit einem Umsatz von 50 bis 60 Prozent gegenüber Vor-Corona.

Hotelplan hat bereits den Abbau von 425 Stellen auf Gruppenebene angekündigt, davon 170 in der Schweiz. Reicht das?
Wir haben derzeit keinen weiteren Abbau geplant, auch dank der Kurzarbeit, die nach wie vor für die grosse Mehrheit unserer Angestellten gilt.

Heisst: Wenn die Kurzarbeit vom Bund nicht verlängert wird, kommt es zu weiteren Entlassungen?
Nochmals, momentan ist kein Stellenabbau geplant. Da müssen wir auch unserer Eignerin, der Migros, dankbar sein. Sie hat entschieden, dass wir weder Covid-Kredite noch A-fonds-perdu-Beiträge beantragen.

Sie gelten aufgrund Ihrer früheren Rolle bei der UBS als Digital-Turbo – das dürfte die Filial-Angestellten zusätzlich verunsichern.
Jeder Chef-Wechsel birgt Fragen für das Personal. Deshalb bemühe ich mich stark um den offenen Austausch.

Fakt ist, dass Hotelplan in der Schweiz nur noch 81 Filialen hat. Vor einem Jahr waren es noch knapp 100. Folgen weitere Schliessungen?
Wir schauen uns das Filialnetz laufend an. Selbst wenn wir weitere Filialen schliessen würden, bedeutet dies nicht, dass wir weniger Leute beschäftigen. Die Rolle des physischen Reisebüros wird sich weiter wandeln, die Beratung wird bestimmt vermehrt virtuell stattfinden.

Wie sieht Ihre Vision vom Reisebüro der Zukunft aus?
Der Buchungsprozess wird flexibler werden, je nach Wunsch der Kunden. Manche werden sich eher online informieren, andere in der Filiale, oder umgekehrt.

So funktioniert es schon heute. Was wird neu?
Ich möchte noch nicht zu viel verraten. Unter anderem arbeiten wir an einem sogenannten Hub-Modell, mit grösseren Filialen, die gewisse Aufgaben für kleinere Geschäfte übernehmen können. So könnten zum Beispiel Reise-Experten von einem dieser Hubs in die Beratung im Geschäft online zugeschalten werden.

Vergangenes Jahr gab es Gerüchte über eine engere Zusammenarbeit mit Kuoni. Laut unseren Informationen ging es darum, aus zwei naheliegenden Filialen eine zu machen und gemeinsam zu betreiben. Ist das ein Thema?
Wir prüfen ständig Kooperationsmöglichkeiten, geplant ist zurzeit aber nichts, weder eine grössere Partnerschaft noch eine Fusion.

Wie viele Übernahmedossiers von verzweifelten Reisebüro-Inhabern landen derzeit auf Ihrem Tisch?
Wir erhalten in der Tat aus dem In- und Ausland viele Übernahmeangebote. Viele Reisebüros kämpfen zurzeit mit der Liquidität. Wir prüfen Übernahmen jedoch nur, wenn sie aus unserer Sicht auch langfristig Sinn machen.

Im Corona-Jahr kritisierte Ihr Vorgänger Thomas Stirnimann den wichtigsten Partner, die Swiss, heftig. Grund war die späte Rückerstattung der Kundengelder. Hat eine Versöhnung stattgefunden?
Bei manchen Punkten fanden wir uns, bei anderen nicht.

Wo nicht?
Es geht um gewisse Abrechnungen, wo wir Differenzen haben. Wir warten noch immer auf Zahlungen von der Swiss.

Was sind Ihre Erwartungen an die Politik für die Reise-Industrie?
Wir sind sehr dankbar um die Kurzarbeitsbeiträge. Und ansonsten heisst es natürlich: Impfen, impfen, impfen! Das ist der Weg aus der Krise. Wichtig ist für uns zudem die Planbarkeit. Dass sich also die internationalen Regeln möglichst rasch vereinheitlichen, unter anderem mit einem breit akzeptierten Impfpass.

Wir der Impfpass künftig zum Reisen dazu gehören?
Das könnte sein und gibt es ja schon heute in gewissen Ländern, zum Beispiel für Gelbfieber.

Das könnte aber manche Leute vom Fliegen abhalten. Auch, weil die anfallenden Corona-Tests zuweilen teurer als der Flug sind.
Das ist in der Tat ein Hindernis, insbesondere für Familien mit kleinerem Ferienbudget. Aber die Quarantäneregeln sind noch belastender für unsere Buchungszahlen.

Wird sich das Reiseverhalten längerfristig verändern?
Ja und Nein. Die Lust nach Reisen wird bestehen bleiben. Der Trend zu Ferien näher von zu Hause und der Verzicht auf Kurztrips mit dem Flieger wird auch aus Nachhaltigkeitsgründen bleiben. Dafür gönnt man sich dann vielleicht eine längere, speziellere Langstreckenreise.

Werden es gewisse Reiseformate schwieriger haben? Die Bilder von in der Quarantäne eingesperrten Kreuzfahrten-Passagiere haben wohl viele Leute nicht vergessen …
Bei Kreuzfahrten wird die Erholung bestimmt länger dauern, auch weil dort die Nachhaltigkeit ein grosses Thema ist.

Und mit welcher Preisentwicklung rechnen Sie beim Fliegen?
Momentan gibt es viele Schnäppchen, weil die Airlines um Passagiere buhlen. Aber die Lage ist sehr volatil. Die Preise können auch rasch wieder steigen. Längerfristig wird die Preisentwicklung davon abhängen, wie viele Airlines diese Krise überstehen und was politisch entschieden wird. Da kann ich mir durchaus vorstellen, dass Fliegen künftig teurer wird.

Wie sieht Ihre persönliche Ferienplanung für dieses Jahr aus?
Für den Frühling haben wir noch nicht gebucht, aber wir planen entweder Ferien in Italien oder auf Mallorca. Langstreckenflüge haben wir nicht geplant, auch weil wir zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren haben.

Und was ist Ihre Lieblingsdestination?
Das ist für mich eine schwierige Frage, da ich gerne neue Orte entdecke. Insofern steht bei mir Südamerika weit oben auf der Liste, da ich diese Region noch weniger gut kenne. Aber meine beiden Kinder haben auch schon eine Meinung, und sie möchten derzeit vor allem dorthin, wo es einen Pool oder Strand gibt.

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Fernweh? Ferien sind auch nicht immer lustig

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Fernweh? Ferien sind auch nicht immer lustig
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