Trump lobt Unternehmer aus der Romandie – doch Economiesuisse straft sie ab
Economiesuisse muss wieder schlagkräftiger werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Spätestens seit der wuchtigen Klatsche, welche der Wirtschaftsdachverband bei der Abstimmung über die Abzocker-Initiative im Frühjahr 2013 einstecken musste und der Niederlage im Folgejahr bei der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative, war allen Beobachtern klar: Es besteht Handlungsbedarf.
Über zehn Jahre später sind Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder und seine Direktorin Monika Rühl nun aktiv geworden und haben die Geschäftsleitung halbiert – von zehn auf fünf Personen. Damit, so die Hoffnung des Verbands, soll dieser effizienter, schlagkräftiger und sichtbarer werden. Vier Geschäftsleitungsmitglieder akzeptierten die Degradierung, der langjährige Aussenwirtschaftsverantwortliche Jan Atteslander tat dies nicht und verliess den Verband.
Eine Degradierung und ein Abgang
Die Neustrukturierung führte jedoch nicht nur zu personellen Turbulenzen, sondern zur Herabstufung eines ganzen Landesteils, wie die Westschweizer Zeitung «Agefi» herausgefunden hat. Die Romandie ist neu nicht mehr in der Geschäftsleitung vertreten. Cristina Gaggini, die bis zur Reorganisation die französischsprachige Schweiz im obersten Exekutivorgan vertreten hatte, gehört nur noch der erweiterten Geschäftsleitung an – und ist auch nicht mehr direkt Rühl unterstellt, sondern dem Kommunikationschef. Diese Degradierung fällt mit dem Abgang des einzigen Westschweizer Vizepräsidenten zusammen, dem Präsidenten der Vaudoise-Versicherung Philippe Hebeisen.
Das mag zwar ein unglücklicher Zufall sein, aber es ist nicht der einzige. Die Zurückstufung der Westschweiz wird ausgerechnet jetzt bekannt, da ein halbes Dutzend Wirtschaftsleute aus der Schweiz im Zollstreit mit Donald Trump für Tauwetter in den USA gesorgt haben will. Ob ihr Beitrag tatsächlich so gross war, wie sie ihn einschätzen, ist höchst umstritten. Ihr Wirken dürfte wohl deutlich weniger wichtig gewesen sein, als sie es gern hätten. Fakt ist aber, dass fünf der sechs besagten Wirtschaftsexponenten ein Unternehmen mit Sitz im Kanton Genf leiten. Aus dem Kanton Zürich, wo die überwiegende Mehrheit der über 80-köpfigen Crew von Economiesuisse sitzt, war kein einziger dabei.
Zur Gruppe der fünf «Genfer», die eine Einladung von Trump erhalten hatten, gehören Diego Aponte, der milliardenschwere Lenker der Grossrederei MSC, der Rolex-Chef Jean-Frédéric Dufour, der Richemont-Präsident Johann Rupert, MKS-Goldhändler Marwan Shakarchi sowie Daniel Jaeggi von der Rohstofffirma Mercuria. All diese Unternehmen mit Sitz in Genf spielen in ihrer jeweiligen Branche ganz vorne mit und tragen zum Erfolg des Schweizer Wirtschaftsmodells bei.
Wachstumsregion wird beiseitegeschoben
Die Westschweiz stellt mit Nestlé, Richemont, Givaudan und Logitech immerhin vier SMI-Konzerne und mit dem Arc Lémanique eine der am stärksten wachsenden Wirtschaftsregionen. Doch von Zürich ist sie offenbar arg weit weg. So jedenfalls könnte man die neuesten Umstrukturierungen beim Wirtschaftsdachverband interpretieren.
Dort sieht man das freilich ganz anders. «Wir sind uns der Bedeutung der Romandie für die Schweizer Wirtschaft, für unser Land und für unseren Dachverband vollends bewusst», sagt Kommunikationschef Silvan Lipp auf Anfrage. Weiter verweist er darauf, dass Economiesuisse nebst Zürich auch in Bern, Genf und Lugano Geschäftsstellen betreibe und «seit jeher in allen Regionen der Schweiz verankert» sei.
Economiesuisse gelobt Besserung
Zudem stamme der Quästor Thierry Kenel, der Finanzchef der Swatch Group, aus der Romandie. Und die vakante Position des Vizepräsidenten für die Romandie soll «so bald wie möglich» neu besetzt werden. Einen Plan, um die Romandie wieder in die Geschäftsleitung zu holen, gibt es jedoch nicht.
In der Romandie reagieren die Wirtschaftsvertreter verschnupft. Gemäss Informationen von «Agefi» haben die Westschweizer Handelskammern, die alle auch Mitglieder von Economiesuisse sind, einen Brief an die Führungsspitze geschrieben, in dem sie ihre Verwunderung und ihre Befürchtungen über diese Entwicklung zum Ausdruck gebracht hätten. (aargauerzeitung.ch)
