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Wölfe «automatisch» abschiessen – ist das realistisch?

Knallharte Forderung: Wölfe «automatisch» abschiessen – ist das realistisch?

Eine fixe Anzahl Wölfe darf leben, der Rest steht zum Abschuss frei. Der Bundesrat befürwortet einen brisanten Vorstoss. Doch der Blick nach Schweden und in die Kantone zeigt Stolpersteine.
01.03.2026, 15:1401.03.2026, 15:14
julian spörri / ch media
Die Risszahlen waren zuletzt deutlich tiefer als im Spitzenjahr 2022, doch der Wolf bleibt im Visier der Politik.
Die Risszahlen waren zuletzt deutlich tiefer als im Spitzenjahr 2022, doch der Wolf bleibt im Visier der Politik.Bild: Michael Buholzer

Im Parlament haben Rufe nach einem härteren Vorgehen gegen den Wolf Hochkonjunktur. Nationalrat und Ständerat sprachen sich dafür aus, dass Problemwölfe in Rudeln ganzjährig erlegt werden dürfen und Abschüsse selbst in Jagdbanngebieten möglich sind. Stets dagegen war der Bundesrat, vertreten durch Umweltminister Albert Rösti.

Seine Argumentation: Bevor neue Verschärfungen beschlossen werden, sollen die vorherigen evaluiert werden. Konkret die Einführung der präventiven Wolfsabschüsse zwischen September und Januar.

Doch nun wirft die Landesregierung diese Linie über den Haufen. Sie empfiehlt zwei gleichlautende Motionen von Ständerat Fabio Regazzi (Mitte) und Nationalrat Alex Farinelli (FDP) zur Annahme, wie Radio SRF diese Woche zuerst berichtete. Die Tessiner Politiker fordern gesetzliche Grundlagen, um künftig den Abschuss von Wölfen oder Rudeln zu erlauben, «sobald die Wolfspopulation eine vordefinierte Anzahl Tiere erreicht.»

Bundesrat überrascht Gegner und Befürworter

Heute nimmt der Bund eine Einzelfallbeurteilung vor und ermöglicht präventive Abschüsse nur, wenn die Wölfe Nutztiere gefährden und Herdenschutzmassnahmen umgesetzt sind. «Das ist zu bürokratisch», sagt Regazzi. Er will die Kantone nicht mehr auf das grüne Licht des Bundes warten lassen. «Wenn die Zahl der Wölfe den regional festgelegten Schwellenwert übersteigt, müssen sie automatisch eingreifen können.» Der Grenzwert soll dabei deutlich tiefer liegen als die derzeit in der Schweiz lebenden 43 Rudel und 300 Wölfe.

Wolfsgegner und Wolfsfreunde sind überrascht über den Schwenk der Regierung. Regazzi glaubt: «Der Bundesrat hat den Ernst der Lage erkannt.» David Gerke, Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz, verweist dagegen auf die eingangs erwähnten Parlamentsentscheide. Dadurch werde eine Jagdgesetzrevision nötig. «Vielleicht hat sich der Bundesrat gesagt: Wenn schon, können wir gleich weitere Verschärfungen hineinpacken.»

Nächsten Mittwoch berät der Ständerat den Vorstoss. Er hat gute Chancen. Offen ist, wie die Forderung genau umgesetzt würde. Wären Abschüsse ab einer bestimmten Populationsgrösse wirklich automatisch oder nur erleichtert möglich? «Die radikale Umsetzung wäre ein Paradigmenwechsel», sagt Gerke. Sie missachte den Status des Wolfs als geschützte Art.

Stolperstein 1: Die Zahl der Wölfe als Zankapfel

In der praktischen Umsetzung lauern Stolpersteine. Das zeigt Schweden, das Land, das Regazzi als Vorbild nahm. Auf einer 11-mal grösseren Fläche leben hier ähnlich viele Wölfe wie in der Schweiz.

Schweden will den Bestand schrittweise auf 170 Tiere senken. Die EU-Kommission kritisierte die Zielgrösse Ende 2025 in einem Brief an das schwedische Umweltministerium als «nicht vollständig wissenschaftlich fundiert». 170 Tiere entsprächen wohl der minimalen überlebensfähigen Populationsgrösse. Ein Schwellenwert müsse jedoch höher angesetzt sein und auch die ökologische Rolle des Wolfs berücksichtigen. Er hilft etwa bei der Regulierung von Wildbeständen.

Schwedische Gerichte pfiffen die Regierung ebenfalls zurück. Sie stoppten den Abschuss der für das Jahr 2026 freigegebenen 48 Wölfe. Regazzi sieht darin keinen Rückschlag. Infrage gestellt worden sei nicht das Prinzip, sondern nur die Höhe der Wolfszahl. Er räumt ein: Die Festlegung eines Schwellenwerts sei «anspruchsvoll, aber machbar», wenn man die unterschiedlichen Perspektiven einfliessen lasse.

In der Schweiz sind unterschiedliche Zahlen im Umlauf. Eine Studie der Alpenkonvention kam 2016 zum Schluss, dass in den Schweizer Alpen mindestens 17 Wolfsrudel nötig sind, um die Population zu erhalten. Hinzu kämen rund drei Rudel im Juraraum. Dagegen sieht die Jagdverordnung einen Mindestbestand von zwölf Rudeln vor, aufgeteilt auf fünf Regionen. Nur wenn dieser – bei der Einführung stark kritisierte – Wert erreicht wird, dürfen präventiv Rudel geschossen werden. De facto gibt es also bereits heute einen Schwellenwert. Er hat aber kaum Konsequenzen, da er als minimaler Schutz und nicht als Legitimation für Abschüsse konzipiert ist.

Stolperstein 2: Die zu intelligenten Tiere

Diente künftig die Populationsgrösse als zentrales Kriterium, wie es Regazzi vorschwebt, stellt sich die Frage: Würden dadurch tatsächlich mehr Wölfe geschossen?

Im Rahmen der präventiven Regulierung 2024/25 entnahmen Wildhüter und Jägerinnen 74 Prozent der zum Abschuss freigegebenen Tiere. «Die Regulation scheitert nicht an einem zu strengen Schutz, sondern an der Intelligenz der Wölfe», sagt David Gerke. Während Jungtiere leichter zu erlegen seien, misslinge die vollständige Zerschlagung eines Rudels oft wegen der «schlaueren» älteren Tiere.

Allerdings unterscheiden sich die Resultate zwischen den Kantonen – abhängig von Erfahrung und betriebenem Aufwand. Laut Angaben der kantonalen Jagdämter wurden in Graubünden in der jüngsten Regulierungsphase 35 von 47 möglichen Tieren erlegt, im Tessin waren es fünf von 20. Fabio Regazzi, selbst Jäger, führt die tiefe Quote in seinem Heimatkanton auch auf die Zurückhaltung der Jägerschaft zurück. Ihm selbst sei die Sache zu heiss, weil nur ganz bestimmte Tiere freigegeben sind. «Wenn man das falsche Individuum trifft, sind die Konsequenzen bis hin zur Strafverfolgung schlicht zu gross.» Gäbe es einen Blankocheck, wäre das anders. (aargauerzeitung.ch)

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4 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ziasper
01.03.2026 16:03registriert September 2017
Kann man die gleiche Regel auch auf Politiker von den Parteien, die diese Forderung stellen, anwenden?
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