Unsichtbare Grenze: Orthodoxe Juden spannen Nylonfäden, um sich freier bewegen zu können
In Zürich lebt eine der grössten jüdisch-orthodoxen Gemeinschaften Europas mit rund 2500 Mitgliedern. Nur in wenigen europäischen Städten wie London, Paris oder Antwerpen gibt es mehr strenggläubige Juden als an der Limmat. Insbesondere in den Quartieren Wollishofen, Enge und Wiedikon sind die Orthodoxen mit ihren charakteristischen Kleidern und Frisuren ein sichtbarer Teil des Stadtbildes.
Sie richten ihr Leben an den Geboten der Tora – dem heiligen Buch der Juden – und deren Auslegungen im Talmud aus, der auch das jüdische Religionsrecht umfasst. Wochenhöhepunkt der orthodoxen Gemeinschaft ist der Schabbat: Der Ruhetag beginnt am Freitagabend kurz vor und endet am Samstagabend kurz nach Sonnenuntergang.
Am Schabbat gelten besonders strenge Regeln. 39 Tätigkeiten sind explizit untersagt. Vereinfacht gesagt: Dieser Tag gehört dem Gebet, der Ehrung Gottes, dem Zusammensein in der Familie. Verboten ist jedwede «schöpferische Tätigkeit» sowie Veränderungen am Status quo.
Kinderwagen bewegen neu erlaubt
Darunter fallen auch vermeintlich profane Alltagshandlungen wie Kochen, Autofahren oder das Einschalten von elektrischen Geräten. Die religiösen Vorschriften verbieten auch das Tragen der allermeisten Gegenstände ausserhalb der eigenen vier Wände, wie Handys, Schlüssel, Gebetsbücher, Essen und Getränke. Auch Kleinkinder dürfen nicht getragen werden. Das Schieben von Kinderwagen, Rollatoren oder Rollstühlen ist ebenfalls verboten.
Für die orthodoxen Juden in Zürich ist das nun anders. Seit Kurzem besteht ein sogenannter Eruv, ein durchgehender, symbolischer Verlauf um ein Wohngebiet. In Zürich ist er rund 23 Kilometer lang. Er umfasst ein Gebiet von 14 Quadratkilometern, in dem rund 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung leben.
Gemäss jüdischem Religionsrecht gilt dieser Bereich für Orthodoxe als erweitertes Zuhause und nicht mehr als Aussenraum. Innerhalb des Eruv ist es folglich erlaubt, Kinderwägen und Rollstühle zu schieben oder Kleinkinder und bestimmte Alltagsgegenstände zu tragen.
Die Geburt des ersten Kindes als Initialzündung
Das Konzept des Eruv entstand vor fast 2000 Jahren als Reaktion auf das jüdische Leben im Exil. In Israel und den USA findet man in fast jeder grösseren Stadt einen Eruv. Auch in europäischen Metropolen wie Wien und Manchester gibt es solche «Schabbat-Zonen».
Für Aussenstehende sind sie kaum sichtbar. Wie anderswo auch verläuft rund 95 Prozent des Zürcher Eruv entlang bestehender Strukturen wie Stromleitungen, Mauern oder Zäunen. Ergänzt wurde er punktuell an rund 100 Stellen durch kleine bauliche Elemente wie schlichte Pfosten oder dünne Nylonschnüre.
Initiiert wurde das Projekt von Cédric Bollag und seiner Frau Naomi. «Als 2016 unser erster Sohn zur Welt kam, haben wir erfahren, was es heisst, mit einem Kleinkind in einer Stadt ohne Eruv zu leben», sagt der 36-jährige gebürtige Zürcher, der als Investor in Schweizer KMU tätig ist.
Das Ehepaar Bollag schloss sich mit Mitinteressierten zusammen und nahm Kontakt zu den jüdischen Gemeinden in Zürich, einem britischen Rabbiner mit Eruv-Expertise sowie einem Zürcher Architekturbüro auf. 2019 wurde eine erste Machbarkeitsstudie erstellt.
«Die Stadt hatte ein offenes Ohr für uns»
Auch wenn die Fertigstellung viele Jahre in Anspruch nahm, sei die Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich sehr positiv verlaufen, betont Bollag: «Der Stadtrat hatte von Anfang an ein offenes Ohr für uns und hat das Projekt unterstützt.» Wo nötig, mussten Lösungen auf dem ordentlichen Weg gesucht werden, wobei sich die zahlreichen betroffenen Ämter einbringen konnten. «Da es unser Ziel war, den Zürcher Eruv möglichst unauffällig ins bestehende Stadtbild zu integrieren, gab es dabei keine nennenswerten Hürden.»
Das Gesamtbudget beträgt 1.5 Millionen Franken, die jährlichen Instandhaltungskosten schätzt Bollag auf 50'000 Franken. Das Projekt ist ohne öffentliche Unterstützung finanziert: Durch ein Crowdfunding, von privaten Spendern und von drei jüdischen Gemeinden in Zürich.
Cédric Bollag freut sich, dass mit der Fertigstellung des Projekts Familien und Menschen mit Gehbehinderung am Schabbat einfacher am Sozialleben teilnehmen können: «Grosseltern, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind, können nun die Synagoge oder ihre Enkelkinder besuchen; Familien mit Kleinkindern ein Picknick im Park machen.»
Der Eruv als «kreativer Akt der Gemeinschaft»
«Das Judentum ist einerseits eine Religion, die durch viele Regeln geprägt ist», sagt Professor Alfred Bodenheimer vom Zentrum für jüdische Studien der Universität Basel. «Andererseits wurden immer auch Überlegungen angestellt, wie man diese Regeln so auslegen kann, dass auch ihre Einhaltung ein Leben in Normalität erlaubt.» Der Eruv sei ein «kreativer Akt der Gemeinschaft», um den Schabbat einhalten zu können und gleichzeitig unter Beachtung der detaillierten Regeln das Sozialleben zu vereinfachen.
Die Errichtung des Eruv in Zürich mit Unterstützung der Behörden sieht Professor Bodenheimer als positives Zeichen dafür, dass die jüdische Gemeinschaft in der Stadt etabliert sei und ihre religiösen Bedürfnisse als signifikant wahrgenommen würden: «Gerade in einer Zeit, in der die jüdischen Gemeinschaften in Europa, nicht zuletzt wegen der Sicherheitslage, unter Druck stehen, ist diese öffentliche Anerkennung wertvoll.»
Ein Eruv erhöhe auch die Standortattraktivität einer Stadt für orthodoxe Familien, da er das Leben vereinfache und mehr Freiheiten biete, sagt Bodenheimer. In Basel, wo die jüdische Gemeinde im Gegensatz zu Zürich seit 1980 um rund 50 Prozent auf noch knapp 1000 Mitglieder geschrumpft ist, soll nun ebenfalls ein Eruv entstehen. Im Spätsommer 2025 sind dafür erste Baugesuche eingereicht worden.
In Zürich stösst er auf grossen Anklang. Jeden Donnerstag vor Schabbat-Beginn wird unter Aufsicht eines Rabbiners kontrolliert, ob der Eruv intakt ist. Rund 2000 Interessierte haben sich laut Cédric Bollag für den entsprechenden Mitteilungsdienst angemeldet. Dieser funktioniert ganz modern: Via E-Mail, SMS oder WhatsApp. (aargauerzeitung.ch)
