Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die Stadt aus der Sicht eines Flüchtlings – 5 wichtige Orte für Asylbewerber in Zürich

Bild: watson

Wie erlebt ein Flüchtling die Stadt? Was sind seine Anlaufstellen? Der Eritreer Okbaab Tesfamariam zeigt fünf Orte, die den Asylsuchenden in Zürich besonders wichtig sind – und erklärt, warum sie – wie die Schweizer auch – am häufigsten über die Waschküche streiten.



Okbaab Tesfamariam ist ein scheuer Mann. Tritt er vor sein Publikum, wird seine Stimme aber plötzlich laut und deutlich, seine Haltung richtet sich auf. Er ist überzeugt von seiner Aufgabe: Tesfamariam will den Flüchtlingen in Zürich die Integration vereinfachen. 

Tesfamariam, 34, stammt aus Eritrea. Er kam vor acht Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Zwei Jahre später war klar, dass er hier bleiben würde. Sein Asylgesuch fiel positiv aus. Seither hat er eine Lehre als Logistiker absolviert, eine Stelle im Zürcher Stadtarchiv angetreten und ein eigenes Integrations-Projekt auf die Beine gestellt: Tesfamariam ist der Initiant der Stadtführung «Zürich mit den Augen eines Flüchtlings», die er in Zusammenarbeit mit dem Verein «Architecture for Refugees» durchführt.

Bild

Ist Okbaab Tesfamariam nicht als Stadtführer unterwegs, arbeitet er im Zürcher Stadtarchiv und als Integrations-Aktivist und Übersetzer für verschiedene Organisationen. bild: watson

Das Konzept der Tour: Der Eritreer erzählt, wie er die Stadt sieht, welche Orte für Asylsuchende in Zürich wichtig sind und auf was für Hürden sie in Integration und Bildung stossen. Eingeladen sind alle, besonders erwünscht ist während der Stadtführung ein reger Austausch zwischen Einheimischen und Immigranten. Denn das sei bitter nötig. Tesfamariam: «Die Schweiz ist eine sehr geschlossene Gesellschaft.»

Hier die fünf Orte, die für die in Zürich wohnhaften Flüchtlinge laut Tesfamariam besonders wichtig sind.

1. Die Pestalozzi-Bibliothek

Bild

Die Bibliothek im Niederdorf ist für Flüchtlinge ein willkommener Ort, um mit Einheimischen in Kontakt zu kommen.  bild: watson

Die Pestalozzi-Bibliothek ist öffentlich. Innerhalb der Bücherei kann jeder die vorhandenen Medien gratis konsumieren. Das sei für Flüchtlinge super, sagt Tesfamariam. «Die Bibliothek ist ein Ort, an dem viel für die Integration getan werden kann.» Hier würden Flüchtlinge mit Deutschbüchern die Sprache erlernen und mit Schweizern in Kontakt treten. Die Kinder könnten sich währenddessen Bilderbücher anschauen und sich mit Spielzeug amüsieren. Tesfamariam: «Vielen Flüchtlingen ist es aber auch unangenehm, hierher zu kommen. Sie haben das Gefühl, sie würden stören, und schämen sich.» 

2. Der Hauptbahnhof

Bild

Der Hauptbahnhof ist für Jugendliche wie Flüchtlinge ein beliebter Treffpunkt.  bild: wikipedia commons

Ein zentrales Problem der Flüchtlinge sei das Lange warten auf ihren Asylentscheid und die damit verbundene Langeweile, so Tesfamariam. «Ist ihr Asylgesuch hängig, dürfen sie ja nicht arbeiten.» In den Asylheimen sei es oft eng und es herrsche keine angenehme Atmosphäre. Geld, um sich die Zeit zu vertreiben, hätten sie auch nicht. So kämen viele Flüchtlinge an den Zürcher Hauptbahnhof. «Der HB ist ein öffentlicher Ort mit Sitzplätzen und man ist vom Regen geschützt – der ideale Ort für Flüchtlinge, um sich mit ihren Freunden zu treffen.» Anstatt sich über die «rumlungernden» Flüchtlinge zu ärgern, plädiert Okbaab deshalb für mehr Verständnis seitens der Einheimischen. 

3. Der Platzspitz

Bild

Früher wütete hier die Drogenhölle, heute nutzen Flüchtlinge den Park, um sich zu sonnen: der Platzspitz.  bild: watson

25 Jahre nach Räumung des Platzspitz wird der Park von Flüchtlingen geschätzt. Die ehemalige Drogen-Hochburg sei beliebt, weil sich hier besonders an schönen Sommertagen die Misere des eigenen Schicksals vergessen liesse. «Es ist schön hier, es hat reichlich Platz, um zum Beispiel auch Sport zu treiben, und – es hat öffentliche Toiletten.» 

4. Die Autonome Schule

Bild

Die Autonome Schule am Sihlquai ist ein selbstorganisiertes migrantisches Bildungsprojekt. bild: watson

Die Autonome Schule sei jedem Flüchtling, der in Zürich lebt, ein Begriff, sagt Tesfamariam. «In allen Kursen, die hier angeboten werden, sind sie willkommen.» Die Teilnahme ist kostenlos, die Leute die sich hier engagieren, tun es unentgeltlich. «Hierher kommt sowohl der libysche Doktorand wie der afghanische Handwerker.»

5. Das Containerdorf

Bild

Schön farbig: Das Containerdorf in Altstetten. bild: watson

Im Containerdorf für Asylbewerber in Altstetten leben zurzeit rund 140 Menschen. Die Flüchtlinge, die hier leben, könnten sich glücklich schätzen: «Sie wurden nicht wie viele andere in unterirdische Zivilschutzanlagen ohne Tageslicht einquartiert.» Und dennoch sei das Leben hier nicht einfach. Das Containerdorf steht zwischen den Strichboxen der Sexarbeiterinnen und einer riesigen Mobilfunkantenne. «Das ist natürlich sehr bedauerlich, da sie so keine Nachbarn haben, um Kontakte zu knüpfen und sich zu integrieren.»

Bild

Der häufigste Streitgrund in der Siedlung ist die Waschküche. bild: watson

Am schwierigsten sei aber die Tatsache, dass die Leute hier auf engstem Raum zusammenleben müssen. Das könne besonders problematisch werden, wenn zwei Familien von verfeindeten Ländern nebeneinander wohnen, so Tesfamariam. Der häufigste Streitgrund im Containerdorf bleibe aber die geteilte Waschküche. 

Zum International Migrant Day – Menschen, die 2016 auf der Flucht waren.

Das könnte dich auch interessieren:

Migros Aare baut rund 300 Arbeitsplätze ab

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Eine Untergrund-Industrie plündert Banking-Apps wie Revolut – so gehen die Betrüger vor

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wo du in dieser Saison Champions League und Europa League sehen kannst

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

YB droht Bickel mit Gericht, nachdem er als Sportchef 40 Mio. verlochte

Link zum Artikel

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

CVP fährt grosse Negativ-Kampagne gegen andere Parteien – die Reaktionen sind heftig

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

19
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Roterriese #DefendEurope 25.06.2017 17:26
    Highlight Highlight Aso ich möcht in der Bibliothek lesen und lernen, nicht mit jemanden ins Gespräch kommen.
  • Tschedai 25.06.2017 17:16
    Highlight Highlight "Der häufigste Streitgrund im Containerdorf bleibe aber die geteilte Waschküche. "

    Da haben wir ja alle etwas gemeinsam. Aber das war es dann wohl schon auch.
    • Sorbitolith 25.06.2017 18:31
      Highlight Highlight Ich denke, das ist ja mal schon ein gewaltiger Anfang und der Beweis, dass wir nicht so verschieden sein können, wenn uns ein so minimales Problem mehr aufregt als alle anderen Gegebenheiten.

  • Gender Bender 25.06.2017 17:11
    Highlight Highlight Alle die sich hier äussern und auch die Kündig, sollten mal ein paar Jahre mit Asylsuchenden zusammenarbeiten. Nicht mit ihnen reden und dann jeder aufgetischten Geschichte Glauben schenken. Der beschriebene Typ ist eine Ausnahme! Die meisten können und wollen sich nicht integrieren. Macht euch nichts vor, das klappt dann meistens erst bei der zweiten Generation. Wenn wir das bezahlen wollen - OK, aber macht euch nichts vor.
  • Mia_san_mia 25.06.2017 14:58
    Highlight Highlight Diesen Artikel hätte es nicht gebraucht.
    • da steppt der bär 25.06.2017 17:05
      Highlight Highlight Klar, es wohnen ja alle Watsonleser in Zürich und wissen über die Situation Bescheid...
    • Sorbitolith 25.06.2017 18:35
      Highlight Highlight So ein Kommentar hätte es auch nicht gebraucht, trotzdem stehts hier... Also, aus der Sonne gehen, sich abkühlenderweise entspannen und nur die Artikel lesen, dies “braucht“. Das Leben kann so einfach sein entscheidet man selber darüber...
    • Mia_san_mia 25.06.2017 18:43
      Highlight Highlight @Benot: Sorry bin nur halber Schweizer 😉
    Weitere Antworten anzeigen
  • Maria B. 25.06.2017 12:24
    Highlight Highlight Wenn das mal keinen Artikel wert war, zumal die meisten afrikanischen Migranten sich gewiss auf WATSON über solche Infos orientieren werden ;-)!

    Wo denn sonst....
    • Fabio74 25.06.2017 13:40
      Highlight Highlight was soll denn dein Gemotze?
  • demian 25.06.2017 11:46
    Highlight Highlight Anmerkung zu Punkt 2:
    Die Regierung muss eine Beschäftigung für die Menschen finden die auf ihren Asylentscheid warten. Bildung / Ausbildung / Weiterbildung in irgendeiner Form. Würde auch neue Arbeitsstellen in der Schweiz schaffen.

    Zu Punkt 5:
    Wer hier leben will, muss darüber hinwegsehen, dass der Nachbar aus einem "verfeindeten" Land kommt. Davor sind die Leute ja wohl in die Schweiz geflüchtet.
  • pamayer 25.06.2017 11:27
    Highlight Highlight Bravo!

    Für die Schweiz eher peinlich. Diese Art von Integration sollte eigentlich von uns, der Schweiz, gestellt werden.
    • Roterriese #DefendEurope 25.06.2017 18:28
      Highlight Highlight Wieso? Integration ist eine Holschuld, nicht eine Bringschuld. Die vielen Migranten aus dem Euroraum integrieren sich ja auch ohne Probleme.
  • pachnota 25.06.2017 11:11
    Highlight Highlight Zur Zeit bezahlt der Bund 6000 Franken Integrationsmassnahmen pro Person.
    Dies ist für die Skos zuwenig.

    Sie fordert, 25,000 pro Person.
  • domimi 25.06.2017 10:46
    Highlight Highlight Danke! Sehr interessant!
  • Saraina 25.06.2017 10:41
    Highlight Highlight Toller Typ, der Herr Tesfamaryam. Der hat innert kürzester Zeit viel auf die Reihe gebracht!
  • pachnota 25.06.2017 10:27
    Highlight Highlight Und in Auftralien ist scheinst ein Büsi überfahren worden!!
    • Fabio74 25.06.2017 19:58
      Highlight Highlight ja man mag rechts halt keine positiven Bilder über Ausländer....

Mann drückt Zürcher Polizistin brennende Zigarette ins Gesicht

Ein 45-jähriger Mann hat am Dienstagmittag eine Zürcher Verkehrspolizistin angegriffen und ihr eine brennende Zigarette ins Gesicht gedrückt. Der mutmassliche Täter konnte festgenommen werden.

Die Polizistin war wegen eines Verkehrsunfalls zum Hauptbahnhof gerufen worden. Als sie nach Abschluss des Falles auf ihr Motorrad steigen wollte, wurde sie vom Angreifer von hinten angesprochen und beleidigt. Als sie sich zu ihm umdrehte, drückte ihr der Mann plötzlich eine brennende Zigarette ins Gesicht.

Artikel lesen
Link zum Artikel