Die Tigers kämpfen erneut um die Playoffs – jetzt folgen die Wochen der Wahrheit
In der grossen National-League-Saisonvorschau, die watson gemeinsam mit dem «Roost/Röthlisberger – Hockey-Talk» machte, wagte ich mich auf die Äste hinaus. Meine Prognose lautete damals: Die SCL Tigers werden die Enttäuschung der Saison und auf dem letzten Platz landen. Wenige Spiele vor dem Ende der Regular Season ist klar, dass ich damit ziemlich daneben lag.
Langnau befindet sich momentan mitten im Kampf um die Play-In-Plätze – mit Rückstand auf die direkte Playoff-Qualifikation, aber auch mit einem Pölsterchen auf den unbeliebten elften Platz, der das Saisonende nach der Regular Season bedeuten würde. Sportchef Pascal Müller sagt in der neuesten Folge des «Roost/Röthlisberger – Hockey-Talk»: «Wir sind genau dort, wo wir es erwartet haben.» Sie haben es weiterhin in den eigenen Händen, die gesteckten Ziele zu erreichen und darauf liege der Fokus in den nächsten Spielen.
So stehen für die Tigers denn auch Tage und Wochen der Wahrheit an. Vor der Olympiapause spielt Langnau noch gegen Bern (heute Abend, 19.45 Uhr live auf TV24 und 3+) und gegen Ambri. Beide Gegner sind hinter den Tigern klassiert – Punkte oder Siege in diesen Spielen wären wichtige Schritte in Richtung Sicherung der Play-In-Qualifikation. Nach der Olympiapause stehen für die Emmentaler unter anderem noch Duelle gegen Kloten, Rapperswil und Biel an, wo es ebenfalls um wichtige Punkte im Play-In-Kampf geht. Pascal Müller sagt: «Aktuell zählt der Rang, das ist Fakt. Da fällst du vielleicht auch mal Personalentscheide im Sinn des Resultats.»
Doch wie kam ich eigentlich darauf, die SCL Tigers vor der Saison als Enttäuschung der Liga abzustempeln? Nun, im Vorjahr, als die Langnauer mit Rang 8 ebenfalls den Sprung in die Play-Ins und später auch in die Playoffs schafften, taten sie dies grösstenteils auf dem Rücken von Stéphane Charlin. Der Goalie spielte eine unfassbar gute Saison und bewahrte sein Team vor fast 30 zusätzlichen Gegentoren. Im Sommer 2025 wechselte Charlin aber zurück nach Genf, entsprechend erwartete ich eine Regression von Langnauer Seite. Diese blieb allerdings mehrheitlich aus. Wo liegen die Gründe dafür? Schauen wir es uns doch an.
Sind es nur die Goalies?
Die Goalies helfen auch dieser Jahr. Luca Boltshauser ist an der Aufgabe, die neue Nummer 1 im Emmental zu sein gewachsen, und Robin Meyer (von Visp gekommen) hat sich als verlässliche Nummer 2 erwiesen. Beide bringen den Tigers überdurchschnittliche Goalie-Leistungen. Aber sie sind bei weitem nicht so überragend wie jene von Charlin letzte Saison. Es muss also noch weitere Gründe geben.
Verteidigen die Tigers überragend?
Langnau lässt pro 60 Minuten 5-gegen-5-Eishockey Chancen für 2,28 gegnerische Tore zu. Das reicht in der National League für Platz 9, ist aber deutlich besser als die defensiven Werte der Kellerteams wie Ajoie, Ambri oder Kloten und auch minimal besser als jene von Leader Davos.
Was auffällt: Die gefährlichen Rush-Situationen (Abschluss innerhalb von 5 Sekunden nach Betreten der offensiven Zone) verteidigen die Tigers besser als die Mehrheit der National-League-Teams. Und es gelingt ihnen ganz grundsätzlich gut, die gegnerischen Schüsse vom eigenen Slot wegzuhalten. Gemäss Ligastatistiken lassen die Emmentaler am zweitmeisten Schüsse zu, aber am viertwenigsten gegnerische Abschlüsse aus dem Slot.
Bild: nlicedata.com
Wie du diese Grafiken lesen musst: Beide Bilder zeigen die defensive Zone der SCL Tigers. Bei roten Stellen kommen mehr gegnerische Abschlüsse im Vergleich zum Ligadurchschnitt, bei blauen Stellen weniger Abschlüsse. Weiss ist Ligadurchschnitt.
Auch das Tracking von nlicedata.com sowie das Videostudium bestätigen das. Die SCL Tigers verteidigen den eigenen Slot aufopferungsvoll und machen das Leben der eigenen Torhüter so einfacher. Dieses defensive Gewissen ist ein Teil des Langnauer Erfolgs in dieser Saison, aber es ist auch offensichtlich, dass die Tigers grosse Probleme haben, wenn der Gegner mal länger anhaltenden Scheibenbesitz hat.
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Profitieren sie von den Special Teams?
Nicht wirklich. Die Tigers haben ein gutes Powerplay, dessen Effizienz leicht über dem Durchschnitt der National League liegt. Das Unterzahlspiel hingegen ist eine der wenigen Schwachstellen im Spiel der Emmentaler und liegt auch in Sachen Abwehrquote deutlich hinter dem Ligadurchschnitt zurück.
Ist es nur Glück?
Nein. Glück gehört im Sport immer auch ein wenig dazu. Langnaus Sportchef Pascal Müller gibt auch selbst zu, dass es auch etwas Glück war, dass die aus der Not entstandene Verpflichtung von André Petersson (weil Aleksi Sarela in Finnland ins Militär einrücken musste) derart gut funktioniert. Der Schwede ist momentan mit 21 Toren und 15 Assists in 37 Spielen Topskorer bei den Tigers.
Aber insgesamt deutet in den Statistiken wenig darauf hin, dass die Emmentaler übermässig vom Glück bevorteilt sind und dass die Spielweise nicht nachhaltig erfolgreich ist.
Was lernen wir daraus?
Wenn Pascal Müller sagt, die Tigers sind genau dort, wo man sie hat erwarten können, dann liegt er richtig. Die Emmentaler sind ein Team ohne grosse Stärken, aber auch ohne riesige Schwächen (mit Ausnahme des Unterzahlspiels). Und damit landet man in der National League im hinteren Mittelfeld.
Unter Müller und Trainer Thierry Paterlini hat sich Langnau zu einem Team entwickelt, das genau dorthin gehört. Das Duo führt den Berner Klub mit einer bemerkenswerten Ruhe und lässt sich auch durch allfällige kurze Phasen der Erfolgslosigkeit (zuletzt gab es drei Niederlagen in Serie) nicht aus dem Konzept bringen. Diese Ruhe dürfte den Tigers auch in den kommenden entscheidenden Wochen entgegenkommen.
