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Ein Titel mit Ansage – das sind die Gründe für die Berner Dominanz

YBs Aurele Amenda, Joel Monteiro und Kastriot Imeri, von links, imitieren einen DJ auf einer Pizzaschachtel, bei der Meisterfeier mit Pizza, Bier und Prosecco in der Umkleidekabine des Teams, nach dem ...
Die YB-Spieler feiern den Titel mit Pizza.Bild: keystone
Analyse

Ein Titel mit Ansage – das sind die Gründe für die Berner Dominanz

YB sichert sich dank eines 5:1-Sieges gegen den FC Luzern bereits fünf Runden vor Schluss den Meistertitel. Es ist der 16. der Vereinsgeschichte, der fünfte in den letzten sechs Saisons. Warum sind die Berner der Konkurrenz so überlegen? Eine Spurensuche.
30.04.2023, 20:27
Etienne Wuillemin, Bern / ch media
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Um 18.20 Uhr ist YB Meister. Zum 16. Mal in der Vereinsgeschichte. Zum fünften Mal alleine in den letzten sechs Saisons. Das 5:1 gegen den FC Luzern ist der letzte Schritt zur Rückeroberung des Titels vom FC Zürich. Damit ist klar, dass die Berner fünf Runden vor Schluss von der Konkurrenz nicht mehr eingeholt werden können. «Rang Eis isch ja o suberi Büez ... Merci!», steht auf dem Transparent in der YB-Fankurve. Eine kleine Erinnerung daran, dass man (viel) früher auch häufig mit dem zweiten Rang vorlieb nehmen musste.

Nachdem die letzten beiden Berner Meisterfeiern 2020 und 2021 wegen Corona noch ohne Fans stattfinden mussten, darf nun wieder ganz Bern festen – inklusive Freinacht. Dass es heute so weit kommt, daran lassen die Young Boys gegen Luzern (5:1) nie Zweifel aufkommen. Schon ein Unentschieden hätte zur Party gereicht, doch damit wollte sich niemand begnügen.

Warum aber sind die Berner in dieser Saison der Konkurrenz derart überlegen? Das sind die wichtigsten Figuren.

Steve von Bergen: Erster Titel als Sportchef

Steve von Bergen, YB-Sportchef reagiert im Fussball Testspiel zwischen den Berner Young Boys und dem FC Vaduz, im Stadion Wankdorf in Bern, am Samstag, 14. Januar 2023. (KEYSTONE/Anthony Anex)
2018 noch als Spieler Meister, jetzt erstmals als Sportchef: Steve von Bergen.Bild: keystone

Als die Young Boys am 28. April 2018 den ersten Meistertitel nach 32 Jahren des Wartens gewannen, stand Steve von Bergen als Captain auf dem Platz. Jetzt, fünf Jahre später, darf er sich erstmals als Sportchef «Meister» nennen. Auf diese Saison hin übernahm er von Christoph Spycher das Amt, Spycher wurde zum «Gesamtverantwortlichen Sport» befördert. Es war eine weitere ideale Anpassung im ohnehin schon ziemlich guten YB-Organigramm.

Von Bergen war in der letzten Saison Assistenztrainer von Matteo Vanetta. «Aber ich merkte rasch, dass dies kein Job für mich für die nächsten zehn Jahre ist. Ich mag es, selbst Verantwortung zu tragen», sagt er. Und weiter: «Natürlich hatte ich Respekt vor dem grossen Schritt. Aber ich kam in eine stabile Struktur und arbeite mit Leuten, die schon sehr viel Erfahrung haben.»

Gerade das Zusammenspiel mit Spycher scheint bestens zu klappen. Spycher ist es, welcher die diesjährige YB-Mannschaft weitestgehend zusammengestellt und auch Trainer Raphael Wicky ausgesucht hat. Nun überlässt er das Alltagsgeschäft und den Kontakt zur ersten Mannschaft aber weitestgehend Von Bergen. Dieser sagt: «In der letzten Saison spürten wir, dass irgendetwas fehlt. Eine meiner ersten Aufgaben war es, den Hunger und den letzten Willen wieder zu implementieren. Das ist geglückt.»

Ab welchem Moment hat Von Bergen gemerkt, dass es gut kommt in dieser Saison? «Irgendwann begannen wir, auch Spiele zu gewinnen, in denen es nicht wirklich gut lief. Da spürten wir schon: doch, es läuft.» Im Speziellen erwähnt der bald 40-Jährige aber ein Spiel: Jenes gegen den FC Winterthur am 28. August. Ein paar Tage zuvor war YB gegen Anderlecht im Playoff um den Einzug in die Conference League gescheitert. «Dann gehen wir nach Winterthur und nach fünf Minuten sind wir 0:1 im Rückstand. Ich dachte schon: Am Ende gewannen wir 5:1. Danach hatte ich die Überzeugung, dass vieles richtig läuft.»

Raphael Wicky: Ein Trainer auf der Suche nach Anerkennung

YBs Trainer Raphael Wicky freut sich ueber den fruehzeitig errungenen Meistertitel nach dem Sieg im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem BSC Young Boys und dem FC Luzern im Stadi ...
Bild: keystone

Auch für Raphael Wicky ist der Meistertitel 2023 der erste als Trainer bei den Profis. Vermutlich wird ihm der Titel so guttun wie niemanden sonst in diesem erfolgreichen YB-Kosmos. Noch immer kämpft er in der Schweiz zuweilen um Anerkennung. Dass der FC Basel nach acht Titeln in Serie in der Saison 2017/18 ausgerechnet unter Wicky erstmals nicht mehr Meister wurde, ist noch nicht komplett vergessen. Entsprechend gross lastete der Druck auf Wicky, nun bei YB zu reüssieren.

Wie gross ist nun Wickys Anteil an diesem Titel? Man sollte ihn nicht unterschätzen. Nachdem YB in der Qualifikation zur Conference League scheiterte, musste er das nur für Schweizer Wettbewerbe zu grosse Kader bei Laune halten - es ist ihm formidabel gelungen. Gerade in der Defensive hat sich YB im Vergleich zur missglückten letzten Saison unter David Wagner und Vanetta stark verbessert.

Nach dem Meistertitel hat Wicky nun gar noch die Chance, YB zum Double zu führen. Das ist den Bernern bis anhin erst zweimal geglückt, 1958 und 2020. Gelingt es, würden wohl weitere Zweifel an ihm beseite geräumt.

Cédric Zesiger: Abwehrchef im Dauerhoch

YBs Cedric Zesiger jubelt nach seinem Tor zum 1-0, im Super League Spiel zwischen dem BSC Young Boys Bern und dem Grasshopper Club Zuerich, am Sonntag, 10. April 2023 im Stadion Wankdorf in Bern. (KEY ...
Wieder in der Nati: Cédric Zesiger.Bild: keystone

Als YB Ende Juni 2019 den Transfer von Cédric Zesiger bekannt gibt, fragt manch einer: Hat der Innenverteidiger wirklich die Klasse, um sich bei YB durchzusetzen? Sein Talent ist unbestritten – genauso indes seine Unbeständigkeit. In den drei Saisons bei GC trüben einige Fehler immer wieder seine Leistungen.

Christoph Spycher glaubte vom ersten Tag weg an Zesiger. Zurecht. Mittlerweile hat er sich zum unumstrittenen Abwehrchef bei YB entwickelt. Im Sommer 2021 zeigt er seine Klasse erstmals regelmässig, wird für die Nati aufgeboten. Dann wurde er indes von einem Mittelfussbruch gestoppt, verpasste drei Monate und fand sich mitten in der YB-Krise wieder. In dieser Saison gibt es keine Rückschläge mehr. Im März ist Zesiger wieder Teil des Nationalteams.

«Es ist ohne Zweifel meine beste Saison bisher», sagt der 24-Jährige. «Ich konnte in eine neue Rolle hineinwachsen und mehr Verantwortung übernehmen. Ich merke auch, wie mein Wort Gewicht hat.» Zesiger spricht perfekt französisch und deutsch, ist damit bei YB für eine Führungsrolle prädestiniert. Fragt sich nur: wie lange noch? Ein Wechsel ins Ausland würde nicht überraschen.

Fabian Rieder: Anlagen wie schon lange keiner mehr

YBs Fabian Rieder, rechts, feiert mit seinen Teamkollegen Donat Rrudhani, Lewin Blum und Sandro Lauper, von links, nach dem Super League Spiel zwischen dem BSC Young Boys Bern und dem FC Luzern, am So ...
Rieder duscht seine Teamkollegen mit Champagner.Bild: keystone

Bei ihm scheint der Wechsel ins Ausland beschlossene Sache. Nach drei Saisons mit YB sagt auch Fabian Rieder selbst: «Ich bin reif für den nächsten Schritt. Sowohl mental wie auch körperlich. Ich möchte gerne eine neue Herausforderung annehmen.»

Rieder, im Februar 21 Jahre alt geworden, hat in dieser Saison noch einmal einen grossen Sprung nach vorne gemacht. Seine Ballbehandlung ist phänomenal. Seine Spielübersicht herausragend. Sein Gefühl für die offenen Räume faszinierend. Bleibt er von Verletzungen verschont, wird die Fussball-Schweiz noch sehr viel Freude an ihm haben.

Ohne zuvor ein einziges Mal für die Nati aufgeboten gewesen zu sein, durfte Rieder im letzten Dezember an die WM. Gegen Brasilien folgte gar sein Startelf-Debüt. «Die WM hat mir noch einmal einen Push gegeben», sagt Rieder, «das alles ist ziemlich schnell gekommen. Ich bin immer noch daran, gewisse Dinge aufzuarbeiten und zu realisieren.»

Am Dienstag bei der verpassten ersten Meisterchance fehlte Rieder gesperrt - es war auf dem Platz in jeder Sekunde zu spüren. Nun zeigte er gegen den FCL noch einmal einige Geistesblitze. Mit dem direkt verwandelten Freistoss zum 4:1 als Höhepunkt. Man wird ihn in Schweizer Stadien sehr bald vermissen.

Cedric Itten: Topskorer am richtigen Ort

YBs Cedric Itten jubelt nach seinem Tor zum 5-1, im Super League Spiel zwischen dem BSC Young Boys Bern und dem FC Luzern, am Sonntag, 30. April 2023 im Stadion Wankdorf in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaun ...
Viele Tore direkt von der Ersatzbank: Stürmer Itten.Bild: keystone

26 Jahre alt ist Cedric Itten erst. Und doch sind die Young Boys bereits sein vierter Klub in der Super League nach dem FCB, Luzern und St.Gallen. Im Sommer 2020 verliess er St.Gallen in Richtung Schottland. Bei den Glasgow Rangers kam Itten jedoch nicht an Alfredo Morales vorbei. Darum kehrte er auf diese Saison hin in die Schweiz zurück. Der Transfer war sowohl für YB wie auch für Itten ein Erfolg.

Der Stürmer erzielte bis anhin 18 Tore, bereitete weitere acht Treffer vor. Und dies, obwohl er aufgrund des YB-Rotationsprinzips «nur» 1580 von möglichen 2790 Spielminuten bestritten hat. Besonders bemerkenswert ist Ittens Erfolgsquote, wenn er anfangs Ersatz war, gleich acht Tore erzielte er nach einer Einwechslung, auch heute gegen den FCL ist er als Joker erfolgreich. Nun sagt er: «Klar hat jeder den Wunsch, in jedem Spiel über 90 Minuten zu spielen, so ehrlich muss man sein. Aber ich habe die Situation gerne so angenommen, und jeder andere im Team auch. Unser Zusammenhalt ist überragend - und das hat sich ganz sicher auf die Resultate ausgewirkt.»

Ittens Freude getrübt hat einzig der Fakt, dass er für die WM nicht aufgeboten wurde. Noch wartet er auf sein erstes grosses Turnier. Vielleicht klappt es für die EM 2024. Zu wünschen wäre es der Frohnatur. Mit der erfolgreichen Rückkehr in die Nati im letzten März ist ein erster Schritt gemacht.

Christian Fassnacht: Der ewige Traum?

YBs Christian Fassnacht, vorne, freut sich ueber sein 2:0 im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem BSC Young Boys und dem FC Luzern im Stadion Wankdorf in Bern, am Sonntag, 30. Ap ...
Bild: keystone

Es ist sein fünfter Meistertitel innert sechs Saisons. Christian Fassnacht ist zusammen mit Jean-Pierre Nsame und David von Ballmoos der einzige Spieler, der alle YB-Titelfeiern in diesem Jahrtausend erlebt hat. «An die Eruptionen des Jahres 2018 kommt nichts heran. So emotional wie damals kann es gar nicht noch mal werden. Und doch kann ich es nicht erwarten, bis der Titel endlich Tatsache ist. Schliesslich dürfen wir nach zwei Corona-Meisterschaften endlich wieder mit den Fans feiern», sagt Fassnacht.

In den letzten Monaten hat sich Fassnacht einigermassen versöhnt mit dem Schicksal. Immer wieder wurde er von Verletzungen heimgesucht. Besonders schlimm erwischte es ihn im November 2021, als er einen Schläfenbeinbruch erlitt. Noch heute ist der Tinnitus nicht komplett verschwunden.

Doch nach anfänglich erneuten gesundheitlichen Problemen – diesmal mit dem Knie – erreichte Fassnacht in dieser Saison wieder sein gewohntes Leistungsvolumen. Als einer der wenigen Spieler war er für Trainer Wicky stets gesetzt in der Anfangsformation. «Nun ist die Selbstverständlichkeit wieder da. Durch die vielen Verletzungen habe ich eine grosse Dankbarkeit dafür entwickelt. Ich weiss, dass es schnell in die andere Richtung gehen kann.»

Der Vertrag von Fassnacht läuft noch ein Jahr. Sein Traum vom Ausland-Transfer lebt noch immer. Doch auch diesbezüglich hat der 29-Jährige zu viel erlebt in den letzten Jahren, als dass er sich nun unter Druck setzen liesse. «Ich lasse alles auf mich zukommen.» Wobei ihm eines auch wichtig ist: «Ich habe in letzter Zeit wieder gelernt, was ich in Bern wirklich habe. Das möchte ich nicht einfach so aufgeben. Wenn ich wechsle, dann muss das Gesamtpaket stimmen.» (aargauerzeitung.ch)

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Die YB-Geschichte – die besten Bilder seit der Gründung 1898
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Die YB-Geschichte – die besten Bilder seit der Gründung 1898
Am 14. März 1898 gründeten die Gymnasiasten Max Schwab, Hermann Bauer, Franz Kehrli und Oskar Schwab den FC Young Boys. Den Klubnamen Young Boys wählten sie in Anlehnung an den damals populären Basler Verein BSC Old Boys. Hier wird auf dem «Schwellenmätteli» unterhalb der Kirchenfeldbrücke trainiert.
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37 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lowend
30.04.2023 21:20registriert Februar 2014
Ich finde es schwer, die Leistung an einzelnen Protagonisten festzumachen, aber es scheint, dass heute alles personalisiert werden muss, obwohl das gerade bei Mannschaften oft nur eine Aussenansicht widerspiegelt.

Wenn ich aber auf dem Platz sehe und neben dem Platz höre, wie der BSC Young Boys als Team funktioniert, dann muss ich vor dem Teamspirit von jedem einzelnen den Hut ziehen.

Bei den Young Boys stimmt seit einiger Zeit der Satz, dass das Team der Star ist und ich muss sagen, dass ich das in einer Mannschaftssportart wie dem Fussball sehr schätze.

Darum, Danke und Hopp YB! 💛🖤
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geistfrei
30.04.2023 21:03registriert Februar 2014
Erfolgreiche Runs in der CL, EL oder zumindest Conference League wird es unter Wicky geben, wenn man nur weiter auf dem eingeschlagenen Weg bleibt. Der schlechteste Ratgeber wären grössenwahnsinnige Erwartungen, diese kommen meiner Ansicht nach höchstens von aussen. Wir wissen, wo wir herkommen und tun gut daran, dies nicht so schnell zu vergessen. Was für eine Saison! We love you!
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Geläutert
30.04.2023 21:43registriert April 2020
Mein Herz schlägt eigentlich für Rot-Blau, aber was YB hier erneut gezeigt hat in Sachen Management, Spielereinkäufe, Teamwork etc. erinnert an den grossen FCB vor einigen Jahren.

Keep it up und feiert schön den klar verdienten Titel!

Ps. Jetzt bitte international auch was zeigen - wäre super für den CH-Fussball allgemein
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