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Zurich's defender Mirlind Kryeziu, left, fights for the ball with Xamax's forward Afimico Pululu, right, during the Super League soccer match of Swiss Championship between Neuchatel Xamax FCS and FC Zuerich, at the Stade de la Maladiere stadium, in Neuchatel, Switzerland, Saturday, May 11, 2019. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Unkontrollierbare Fans, bescheidenes Niveau: Szene aus dem Match Xamax – FCZ vom Samstag. Bild: KEYSTONE

Analyse

GC ist nur der krasseste Fall: Die Super League steckt in der Krise

Zum zweiten Mal haben GC-«Fans» einen Spielabbruch provoziert. Es ist kein Problem eines einzelnen Klubs, sondern der gesamten Liga: Hinter Meister YB regieren Chaos, Inkompetenz und permanenter Geldmangel.



Wer gehofft hatte, solche Bilder nicht mehr sehen zu müssen, erlebte am Sonntag die grosse Ernüchterung. Enthemmte «Fans» des Grasshopper Clubs provozierten in Luzern nach dem 4:0 für den Heimklub einen Spielabbruch und besiegelten damit faktisch den Abstieg ihrer Mannschaft in die Challenge League. Selbst Polizisten in Kampfmontur konnten sie nicht abschrecken.

Die hässlichen Szenen in der Swissporarena sind Ausdruck einer handfesten Krise nicht nur des stolzen Rekordmeisters GC, sondern der (fast) gesamten Super League. Denn schon im März hatte der GC-Anhang beim Auswärtsspiel in Sion für ein vorzeitiges Ende der Partie gesorgt und dem Klub eine Forfaitniederlage beschert. Wer solche Fans hat, braucht keine Feinde.

Spielabbruch in Luzern

Zwei Spielabbrüche in einer Saison sind miserable Werbung für den Schweizer Fussball. Es wäre zu simpel, das Problem auf den einen Klub zu reduzieren. Seit mehr als vier Jahrzehnten verfolge ich die Liga, aber in einer derart schlechten Verfassung war sie noch nie. Und das hat nur bedingt damit zu tun, dass sie quasi dazu verdammt ist, Spieler für grössere Aufgaben auszubilden.

YB und die Schwäche der Konkurrenz

Sicher, bei Meister YB wird sehr gute Arbeit geleistet. Der Verein ist professionell geführt, das Kader ist für hiesige Verhältnisse top. Aber die erdrückende Dominanz der Berner in dieser Saison ist eben nicht nur der eigenen Stärke zu verdanken, sondern auch der Schwäche der Konkurrenz.

Das beginnt beim FC Basel, wo die neue Führung es in kurzer Zeit geschafft hat, die exzellente Arbeit des Duos Heusler/Heitz zu demontieren. Die Hinrunde der laufenden Saison war von Chaos und Dilettantismus geprägt. Seit der Winterpause läuft es besser, doch die Ausstrahlung von einst ist weg. Das zeigen auch die teils hilflosen Auftritte gegen die Young Boys.

Mag sein, dass die Basler die Saison mit dem Cupsieg «retten» können. Doch Besserung ist nicht in Sicht. Präsident Bernhard Burgener hat einen Sparkurs angekündigt, denn die lukrativen Verkäufe ins Ausland, die unter Vorgänger Bernhard Heusler fast die Regel waren, dürften zur Ausnahme werden. Die glanzvolle Serie mit acht Meistertiteln in Folge kommt so schnell nicht wieder.

YB feiert den Titel auf dem Sofa

Video: srf/SDA SRF

Trotz der freudlosen Saison sind die Basler dem Rest der Liga genau so weit voraus, wie sie den Bernern hinterherhinken. In zu vielen Vereinen sind inkompetente Führungskräfte am Ruder, die mit häufigen Trainerwechseln vom eigenen Versagen ablenken. Absteiger GC ist nur das trübste Beispiel. Der Klub wurde durch jahrelange Misswirtschaft regelrecht zugrunde gerichtet.

Egomanische Präsidenten

Der FC Thun ist noch der vernünftigste Verein. Im Berner Oberland erzielt man mit bescheidenen Möglichkeiten einen beachtlichen Ertrag. Dennoch ist es ein Armutszeugnis für die Liga, dass die Thuner nach elf sieglosen Spielen in Folge und dem erknorzten 1:0 vom Samstag gegen Lugano bereits wieder auf Platz 3 und damit auf Kurs Richtung Europa League liegen.

Gleichzeitig ist es kein Wunder. In Lugano, Neuenburg und Sitten herrschen egomanische Präsidenten mit einem Hang zu bizarren Sololäufen. Bei Xamax wird Trainer Stéphane Henchoz trotz klarem Aufwärtstrend schon früh mitgeteilt, dass er in der nächsten Saison nicht mehr erwünscht ist. Über Christian Constantin sollte man ohnehin kein Wort verlieren.

Absturz im UEFA-Ranking

Luzern und St.Gallen besitzen ein grosses (Zuschauer-) Potenzial, machen aber herzlich wenig daraus, und das schon seit Jahren. Und da wäre noch der FC Zürich (Disclaimer: Ich bin ein Fan). Er wollte sich nach oben orientieren und muss nun froh sein, wenn er dem Barrage-Platz entgeht. Vielleicht schafft er es am Ende sogar noch in die Europa League. Es wäre der ultimative Witz dieser Spielzeit.

Die unendliche GC-Saga

Die Niveauverflachung hinter Meister YB und die Inkompetenz in den Chefetagen haben auch international Folgen für den Schweizer Fussball, wie der Absturz im UEFA-Ranking zeigt. Und Besserung ist nicht in Sicht, denn die Liga hat noch andere Probleme.

Die Fan-Unkultur

Beispiel Fans: Sie sind nicht nur bei GC ein Ärgernis. Immer wieder schlagen «Ultras» über die Stränge und vermiesen «normalen» Fans, vor allem Familien, den Matchbesuch. Das Problem ist seit Jahren bekannt, doch handfeste Massnahmen sind unpopulär (Aussperrung von Gästefans, Fan-IDs), oder sie kosten Geld, das im Schweizer Klubfussball notorisch knapp ist.

Beispiel Schiedsrichter: Seit dem Rücktritt von Massimo Busacca 2011 hat der Schweizer Fussball keinen Referee mehr hervorgebracht, der für höhere Aufgaben tauglich wäre. Angesichts der teils krassen Fehlentscheide an fast jedem Spieltag erstaunt das nicht. Und nächste Saison kommt der VAR, aus Kostengründen allerdings in einer Schmalspur-Version. Gott steh uns bei!

Beispiel Nachwuchs: Die Arbeit mit den Junioren war lange ein Trumpf des Schweizer Fussballs. Nun stellen Kenner der Szene eine abnehmende Qualität fest. «Auch die einst so ehrgeizigen Migranten seien satt geworden», schreibt der Kollege von CH Media. Und zu oft versacken Talente im Fussball-Nirwana. Siehe zum Beispiel der vor kurzem noch hoch gelobte Dimitri Oberlin.

Schiedsrichter testen Videoassistenten VAR in der Praxis

Video: srf/SDA SRF

Der Schweizer Klubfussball befindet sich in einem Teufelskreis. Bei den Fernsehgeldern sind keine grossen Sprünge mehr möglich. Im europäischen Geschäft ist nach dem Rückfall in der UEFA-Rangliste nicht mit üppigen Einnahmen zu rechnen. Der Dilettantismus auf Führungsebene und Bilder wie jene vom Sonntag in Luzern schrecken ausserdem potenzielle Investoren ab.

Wobei das nicht nur schlecht sein muss, wenn man an die Scharlatane denkt, denen man im Laufe der Jahre in diversen Vereinen den roten Teppich ausgerollt hat. Auch deswegen handelt es sich bei der aktuellen Misere nicht um einen Ausrutscher. Sondern um eine Krise mit Ankündigung.

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Die Super League im Zeitraffer – wie sich die Liga seit 1980 verändert hat

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