Sport
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Joel Wicki, links, schwingt gegen Christian Stucki, rechts, im 5. Gang am Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfest (ESAF) in Zug, am Sonntag, 25. August 2019. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Joel Wicki und Christian Stucki werden in diesem Jahr nicht mehr ins Sägemehl steigen. Bild: KEYSTONE

Analyse

Die verlorene Saison – das Schwingen in der Krise zwischen Geld und Geist

Die Schwinger verlieren eine ganze Saison. Bei allen Unterschieden gibt es doch es eine Parallele zum Hockey und Fussball: das Feilschen um TV-Gelder. Und will der alternde Titan Arnold Forrer sein Traumziel erreichen, muss er wegen der abgesagten Saison auch noch mit 42 Jahren in die Zwilchhosen steigen.



Die Absage aller Feste bis Ende August – was praktisch einer Annullierung der Saison gleichkommt – bringt das Schwingen im Gegensatz zum «Unterhaltungssport» Fussball und Eishockey nicht in wirtschaftliche Not. Verbands-Geschäftsführer Rolf Gasser sagt: «Wir kommen bei den Absagen mit einem blauen Auge davon.»

Die Organisatoren sind eben flexibel. Gemäss Rolf Gasser werden praktisch alle abgesagten Feste einfach in einem Jahr am gleichen Ort durchgeführt. Auch der Saisonhöhepunkt, das Eidgenössische Jubiläumsfest in Appenzell. Er schränkt allerdings ein: «Ganz so einfach wie es tönt ist die Sache nicht. Es braucht viel Arbeit, um ein Fest um ein Jahr zu verschieben.»

Fahnenschwinger warten beim Appenzeller auf ihren Auftritt, aufgenommen am Sonntag, 7. Juli 2019, beim Appenzeller Kantonalschwingfest auf dem Festgelaende in Stein, AR. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Die meisten Feste werden einfach um ein Jahr verschoben. Bild: KEYSTONE

Die Kosten sind gering. Zum überwiegenden Teil arbeiten in den Festorganisationen freiwillige Helfer, die weder Salär noch Spesen beziehen. Der grösste Kostenfaktor ist der Auf- und Abbau der Infrastruktur (Tribünen, Festwirtschaft). Die Feste sind rechtzeitig verschoben worden, die Infrastruktur-Kosten entfallen. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit fürs nächste Jahr und der Vorverkauf für den Saisonhöhepunkt am letzten August-Wochenende in Appenzell wäre sowieso erst jetzt angelaufen.

Eine Besonderheit sind die bereits gesammelten Natural-Preise (Gaben) für die «Bösen». Viele sind mit der entsprechenden Jahrzahl 2020 versehen. «Das ist kein Problem» sagt Rolf Gasser. «Die Preise werden aufbewahrt und dann eben im nächsten Jahr in den Gabentempel gestellt.» Das sei schon 2005 so gewesen, als das Unspunnen-Fest wegen einer Hochwasserkatastrophe um ein Jahr geschoben werden musste.

Die lokalen Vereine leiden

Am härtesten trifft die Absage sämtlicher Feste nicht die Schwinger. Sondern unzählige lokale Vereine, in erster Linie also das dörfliche Kulturschaffen. Die meisten Feste werden nämlich von den Schwingklubs in Zusammenarbeit mit den örtlichen Vereinen durchgeführt. Sie stellen das Heer der freiwilligen Helferinnen und Helfer und im Gegenzug wird der Festgewinn unter den Vereinen aufgeteilt. Gibt es kein Fest, verlieren Musikgesellschaften, Turn- oder Gesangsvereine Einnahmen, die eigentlich für dieses Jahr budgetiert waren. Immerhin besteht die Aussicht, dass das Geld nun eben im nächsten Jahr hereinkommt.

Das Schwingen hat im 21. Jahrhundert seine kommerzielle Unschuld verloren. Inzwischen investiert die Werbewirtschaft im Jahr gut zweieinhalb Millionen in die Sägemehl-Titanen. Wenn es keine Auftritte gibt, sinkt der Werbewert.

Zuschauer auf den Tribuenen am 20. Bergschwinget auf der Schwaegalp, aufgenommen am Sonntag, 11. August 2019, beim 20. Schwaegalp Schwinget im Kanton Appenzell Ausserrhoden. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Die Organisation eines wichtigen Schwingfests ist längst ein logistisches Grossprojekt. Bild: KEYSTONE

Trotzdem dürften die Schwinger wegen der verlorenen Saison 2020 finanziell weitgehend ungeschoren davonkommen. Die Werbeverträge enthalten in der Regel ein Fixum plus Prämien. Ohne Wettkämpfe entfallen lediglich die Prämien. Kommt dazu, dass Sponsoring im Schwingen sehr oft nicht nur einen rein kommerziellen Zweck hat.

Die Schwinger und ihre Werbepartner stehen auf festem Grund. Viele der finanziellen Zuwendungen basieren mehr auf persönlichen Beziehungen und einem Bekenntnis zur besonderen Kultur dieses Sports, zur «Swissness», und haben einen tieferen Sinn als bloss Reklamewirkung. Da wäre es fast ein Sakrileg und ein Zeichen von schlechter vaterländischer Gesinnung, nun kleinlich zu sein und wegen einer verlorenen Saison um Geld zu feilschen.

ARCHIV ? ZUM

Schwingerkönig Stucki sollte keine grossen finanziellen Einbussen haben. Bild: KEYSTONE

Wir wollen nun nicht etwa unserem staatstragenden Fernsehen SRF eine fehlende patriotische Gesinnung unterstellen. Satan der Polemik, weiche von mir. Aber wie in den grossen Sportarten geht es inzwischen auch beim Schwingen um TV-Gelder. Unser Fernsehen überweist pro Jahr für die Übertragungsrechte exakt 172'320 Franken in die Verbandskasse.

Keine Existenz-Krise fürs Schwingen

Die Entschädigung der Schwinger ist im Vergleich zu den TV-Verträgen im Fussball oder Hockey eigentlich ein Almosen (milde Gabe). Und trotzdem feilschen die Leutschenbach-Bürogeneräle um diese Summe. Rolf Gasser sagt, es brauche noch Verhandlungen bis man wisse, wie viel TV-Geld fliessen werde. TV-Sportchef Roland Mägerle lässt dazu ausrichten: «Die Schwingsaison ist bis auf Weiteres unterbrochen. Wie bei allen anderen Sportarten und Sportevents auch, wird die SRG die rechtliche Situation nach dem definitiven Entscheid durch den Eidgenössischen Schwingerverband genau analysieren und prüfen. Generell geht die SRG als öffentliches Medienhaus haushälterisch mit den Gebührengeldern um. Die SRG verfügt über ein begrenztes Budget für Sportrechte, das sie effizient und zielgerichtet im Sinne der Gebührenzahlenden einsetzt.» Das Sparpotenzial ist allerdings im Sägemehl gering. Kein Schelm, wer sagt, dass dem Gebührenzahler kein grosser Schaden erwächst, wenn den Schwingern das TV-Geld nicht gekürzt wird.

Ein TV Kamera am Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfest (ESAF) in Zug, am Samstag, 24. August 2019. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Vom Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2019 berichtete das SRF während drei Tagen umfassend. Bild: KEYSTONE

Das gesamte Verbandsbüro in Ersigen bei Burgdorf mit 2,2 Vollzeitstellen befindet sich gemäss Rolf Gasser im Kurzarbeitsmodus: «Keine Schwingfeste, weniger Arbeit». Die Finanzen des Verbandes geraten also wegen der Virus-Krise oder einer Kürzung der TV-Gelder nicht aus den Fugen.

Die Virus-Krise beschert dem Schwingen also keine Existenz-Krise. Und doch tut die verlorene Saison weh. Gerade weil es eben nicht in erster Linie ums Geld, sondern um den sportlichen Geist geht. Gerade in einem Sport den keiner als Beruf ausübt, aber jeder mit umso grösserer Leidenschaft betreibt. Ruhm und Ehre sind wichtiger als die Kohle und so schmerzt es die Titanen, wenn sie durch den Ausfall fast aller grossen Feste die Möglichkeiten zu Kranzgewinnen verlieren, die nie mehr wiederkehren.

Arnold Forrer reagiert im 3. Gang am Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfest (ESAF) in Zug, am Samstag, 24. August 2019. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Schafft Forrer die anvisierten 150 Kränze noch? Bild: KEYSTONE

Nichts übertrifft die Ehre, König zu sein. Aber auch die magische Zahl von 100 Kränzen zu übertreffen, bringt einem «Bösen» viel Ruhm und Ehre ein. Der «100er-Klub» hat erst 28 Mitglieder. Die ausgefallene Saison 2020 ist daher für einige der «Bösen» ganz besonders ärgerlich: Christoph Bieri steht bei 99 Kränzen, Florian Gnägi bei 95 und Kilian Wenger bei 89. Ein Spitzenschwinger kann pro Saison 8 bis 10 der begehrten Auszeichnungen erringen. Und die abgesagte Saison 2020 beschert nun Arnold Forrer, dem alternden Titanen und König von 2002 eine Karriereverlängerung. Er wird im Oktober zwar schon 42, aber er hat ein grosses Ziel, für das sich Leiden lohnt: 150 Kränze. Nur noch drei fehlen.

Schwinger mit 100 oder mehr Kränzen

147 Arnold Forrer
136 Hans-Peter Pellet
132 Markus Thomi
128 Christian Stucki
127 Bruno Gisler
124 Karl Meli
123 Martin Grab
116 Matthias Glarner
110 Willy Graber und Thomas Zaugg
108 Simon Anderegg und Stefan Burkhalter
106 Daniel Bösch und Matthias Sempach
105 Adrian Laimbacher und Stefan Zbinden
103 Matthäus Huber, Ernest Schlaefli und Mario Thürig
102 Otto Brändli, Niklaus Gasser und Thomas Sempach
101 Christian Dick, Stefan Fausch und Eugen Hasler
100 Karl Oberholzer, Toni Rettich und Josef Sutter

Literatur: Buchbesprechung. «Goldenes Eichenlaub» von Christina und Christian Boss. – 279 Seiten – Reinhardt Verlag. Eine grandiose Porträtsammlung der grössten Schwinger aller Zeiten mit mehr als 100 Kränzen.

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