Sobald der Druck steigt, droht Arsenal mal wieder alles zu verspielen
In der Schweiz gab es lange den Begriff «veryoungboysen», weil die Berner Young Boys dafür bekannt waren, in der entscheidenden Saisonphase einzubrechen und am Ende doch mit leeren Händen dazustehen. Dann gewann YB ab der Saison 2017/18 sechs Meisterschaften in sieben Jahren und entledigte sich des Versagerimages.
Arsenal hat einen ähnlichen Ruf. Seit dem Titel der «Invincibles» in der Saison 2003/04 war Arsenal häufig nahe dran – gewann in der Premier League aber keinen Titel mehr. In den letzten drei Saisons wurden die Gunners jeweils Zweiter, 22/23 und 23/24 liessen sie sich erst auf der Zielgeraden von Manchester City abfangen. In England werden sie deshalb als «Bottlers» verspottet, was so viel wie «Vermassler» bedeutet. Anders als YB konnte Arsenal diesen Ruf noch nicht abschütteln.
Zwei Wochen, zwei Spiele, zwei verpasste Titel
Vielmehr droht das Team von Trainer Mikel Arteta einen weiteren Beweis zu erbringen, dass es über ein eher schwaches Nervenkostüm verfügt. So hat Arsenal in den letzten beiden Spielen innert zwei Wochen gleich zwei Titel verspielt. Erst verloren die Londoner den Ligacup-Final gegen Manchester City 0:2 und am vergangenen Wochenende blamierten sie sich im FA-Cup-Viertelfinal mit einer 1:2-Niederlage beim Zweitligisten Southampton.
Vom Traum des Quadruples mit vier Titeln ist noch die Hälfte übrig geblieben. In der Champions League, wo es im Viertelfinal gegen Sporting Lissabon geht, gehört Arsenal zu den Favoriten. Das Hinspiel findet am heutigen Dienstagabend (21 Uhr) statt. In der Premier League stehen die Gunners auf dem 1. Platz, neun Punkte vor Manchester City, das aber noch ein Spiel mehr zu absolvieren hat. Am übernächsten Wochenende kommt es in Manchester zum Direktduell. Nach Verlustpunkten könnten die Skyblues dann also bis auf drei Punkte heranrücken.
Weil ManCity und Southampton gegen Arsenal auf ähnliche Mittel setzten – hohes Pressing und schnelles Umschaltspiel –, spekulieren die englischen Medien nun, dass Arsenal damit entzaubert sein könnte. Da ist das Team von Trainer Mikel Arteta nämlich anfällig, weil Declan Rice, der kürzlich genesene Martin Ödegaard oder Martin Zubimendi im Mittelfeld nicht ungestört schalten und walten können. Von dieser Blaupause könnte auch Sporting profitieren. Wenn der Gegner dann auch noch verhindert, dass Arsenal seine Stärke bei Standards ausspielen kann, ist das ein gutes Erfolgsrezept. Diese führten nämlich zu fast einem Drittel der 61 Tore in der Premier League.
Offensiv weniger kreativ, defensiv anfälliger
Schon vor den Niederlagen in den Pokalwettbewerben hatte Arsenal nicht die beste Phase. Gegen Viertligist Mansfield gewannen die Gunners im FA Cup nur 2:1. Im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League in Leverkusen taten sie sich sehr schwer und kamen erst in der 89. Minute durch einen umstrittenen Penalty zum 1:1-Endstand. Auch gegen Brighton hatten sie Glück, dass es in der Liga zu einem knappen 1:0-Sieg reichte. Die Statistiken zeigen, dass sie in den letzten Wochen deutlich weniger Grosschancen herausspielen und ausserdem mehr gegnerische Schüsse zulassen.
Bezeichnend ist zudem, dass nach dem Spiel in Southampton nicht zum ersten Mal Max Dowman als einziger Lichtblick gelobt wurde. Die Hoffnung in einen – wenn auch enorm talentierten – 16-Jährigen in seiner ersten Profisaison zu stecken, ist aber keine gute Idee für einen internationalen Topklub. Dass zuletzt Leistungsträger wie Bukayo Saka, Mikel Merino oder Eberechi Eze ausfielen, spielte dabei ebenfalls eine Rolle.
Mindestens die Premier League muss es sein
Die beiden wichtigsten Titel kann Arsenal aber immer noch gewinnen. Besonders die Premier League geniesst Priorität – diese erneut zu verspielen, wäre ein harter Schlag. Trainer Arteta bleibt angesichts der Minikrise aber entspannt. «Vor uns liegt die schönste Phase der Saison», findet der 44-jährige Baske. Normalerweise habe ein Team in jeder Saison zwei, drei schwierigere Phasen, für Arsenal sei es aktuell die erste. Der Plan, um durch diese hindurchzukommen, ist für Arteta klar: «Wir müssen uns aufrichten und liefern, wie wir es die ganze Saison über getan haben.»
Grosse Umstellungen plane er dafür nicht, erklärte er nach dem Ausscheiden im FA Cup. «Wir werden so spielen wie in den letzten Wochen und nur die Anpassungen umsetzen, die jedes Spiel erfordert», so Arteta, der betonte: «Vor allem aber wollen wir Tempo, Einstellung und Energie auf dem höchstmöglichen Niveau halten.»
Der frühere Mittelfeldspieler, der seinen Spielern klare Vorgaben gibt und für seinen teils unattraktiven Spielstil kritisiert wird, setzt also auf bewährte Mittel. Damit will Mikel Arteta Arsenal den ersten grossen Titel unter seiner Ägide bringen. Gelingt ihm das aber nicht, wären ihm und dem ganzen Klub aus Nordlondon Hohn und Spott sicher.
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