Das System Putin: Ein Loch in der Wand führte zur grössten Täuschung der Sportgeschichte
Es war der grösste Dopingskandal der Sportgeschichte. Der staatlich organisierte Betrug Russlands bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. Durch ein Loch in der Wand des temporären Kontrolllabors wurden Proben von Dutzenden russischer Topathletinnen und Athleten mit garantiert sauberem Urin ersetzt.
Die Aussagen von prominenten russischen Whistleblowern wie Grigori Rodtschenkow deckten auf, dass sich dieses vom Inlandsgeheimdienst FSB orchestrierte Staatsdoping längst nicht auf Sotschi und den Austausch von Urin beschränkte. Während Jahrzehnten wurde in der Sportgrossmacht systematisch gedopt.
Rodtschenkow leitete von 2006 bis 2016 das Dopinglabor in Moskau. Jener Ort, der eigentlich Betrüger überführen sollte. Doch der international renommierte Wissenschafter entwickelte nicht nur weltweit beachtete Nachweis-Methoden zur Ermittlung von anabolen Steroiden im Körper. Er mixte für die russischen Sportstars auch exklusive anabole Cocktails, welche nicht entdeckt werden konnten. So stammte beispielsweise von den rund 120 durch Nachkontrollen erwischten Doper bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London mehr als ein Drittel aus Russland. Sie wurden erst Jahre später erwischt.
Putin bezeichnete ihn als «nicht zurechnungsfähig»
Nach seiner Flucht in die USA im Jahr 2016 teilte der ausgebildete Chemiker sein Wissen über verabreichte Drogen, vertuschte positive Resultate und entsorgte Urinproben mit den Ermittlern von staatlichen Behörden und Antidoping-Organisationen. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete Rodtschenkow in Folge als «nicht zurechnungsfähig».
Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) startete 2019 mit der «Operation Lims» ihre bis heute umfangreichste Untersuchung. Lims steht für «Laboratory Information Management System» – die Datenbank des Moskauer Antidoping-Labors. Konkret ging es um die Auswertung von unfassbaren 24 Terabyte an Testresultaten, Probeinformationen und interne Notizen zu Dopingkontrollen. Rodtschenkows Informationen ermöglichten es der Wada erst, die Lims-Datenbank zu verstehen.
Wobei der russische Beschiss im Rahmen des institutionalisierten Dopingsystems selbst bei der erzwungenen Übergabe der Daten im Frühling 2019 nicht endete. Die Investigativ-Abteilung der Wada deckte auf, dass die Originaldaten aus Russland nachträglich manipuliert wurden. Bei den Ermittlungen und vor allem der Wiederherstellung der von russischen Behörden präparierten Daten arbeitete die Wada eng mit einem Team von forensischen Experten der Universität Lausanne zusammen.
302 Sanktionen nach sieben Jahren Untersuchung
Vor wenigen Tagen feierte die Wada ein Jubiläum: Die Marke von 300 aufgrund der Informationen aus Lims sanktionierten russischen Sportlerinnen und Sportler wurde überschritten. Bis heute sind es 302 sportrechtliche Sanktionen gegen 291 verschiedene Athletinnen und Athleten, ausgesprochen durch 23 verschiedene Antidoping-Organisationen. Weitere vier Fälle sind noch nicht rechtskräftig. Die erwischten Betrüger stammen aus 22 verschiedenen Sportarten. Mit Abstand am häufigsten gedopt wurde in Russland in den Sportarten Gewichtheben (107) und Leichtathletik (93 Fälle).
Gleichzeitig gab die Wada vergangene Woche bekannt, dass sieben Jahre nach Start der Untersuchung nun alle potenziellen russischen Verdachtsfälle der Operation Lims untersucht wurden. Die russische Antidoping-Behörde (Rusada) bleibt auch heute weiterhin gesperrt und das Moskauer Labor ist nach wie vor nicht zugelassen. (riz/aargauerzeitung.ch)

