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Switzerland's forward Sven Andrighetto gestures, during a Swiss team training optional session, at the IIHF 2018 World Championship, at the practice arena of the Royal Arena, in Copenhagen, Denmark, Monday, May 7, 2018. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

NHL-Spieler wie Sven Andrighetto brachten eine neue Mentalität in die Schweizer Nati. Bild: KEYSTONE

Made in the NHL: «Wir sind dran, die Schweizer Mentalität zu verändern»

Wie die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft auf dem Weg in den WM-Halbfinal von ihren Nordamerika-Söldnern profitiert hat. Und welche NLA-Spieler im Windschatten der NHL-Profis eine starke WM erleben.

Marcel Kuchta / Nordwestschweiz



Wer erwartet hätte, dass die Schweizer Spieler nach ihrem Viertelfinal-Triumph gegen Finnland in Herning johlend und jubelnd durch die Mixed-Zone in Richtung Garderobe laufen, der wurde enttäuscht. Da huschte wohl hier und da ein verschmitztes Lächeln über die Gesichter. Aber grundsätzlich wirkten die Schweizer Eishockey-Cracks konzentriert, ja fast ernst.

«Wir sind mit dem Erreichen des Halbfinals nicht zufrieden.»

Sven Andrighetto

Ein Eindruck, der nicht täuscht. Stürmer Sven Andrighetto sagt: «Es ist ein wunderbares Gefühl. Aber wir sind mit dem Erreichen des Halbfinals nicht zufrieden. Dieser Sieg ist gut für die Moral. Wir geniessen ihn. Aber wir wollen weitergehen.»

Für die nicht gerade erfolgsverwöhnte Eishockey-Nation Schweiz eine bemerkenswerte Einstellung. Eine Einstellung, die ihren Ursprung in Nordamerika hat. Dort, in der NHL, in der besten Liga der Welt, spielen derzeit acht aktuelle Schweizer Nationalspieler. Dazu verfügt das Team über eine ganze Reihe weiterer Akteure, die bereits im bisweilen rauen Klima der nordamerikanischen Ligen Erfahrungen gesammelt haben.

Deshalb ist dieser Exploit an der WM in Dänemark auch ein wenig «Made in the NHL». Wenn ein junger NHL-Spieler wie Timo Meier (21) von den San Jose Sharks schon früh während des Turniers davon spricht, dass er mit dieser Mannschaft mindestens in den Halbfinal kommen will, dann hat das nichts mit Selbstüberschätzung zu tun, sondern entspricht dem Selbstverständnis eines Profis, der sich tagtäglich mit den besten Spielern der Welt messen muss und weiss, was verlangt wird, damit man dauerhaft auf höchstem Niveau bestehen kann.

Switzerland's forward Timo Meier cheers his supporters after Switzerland team beating Belarus, during the IIHF 2018 World Championship preliminary round game between Switzerland and Belarus, at the Royal Arena, in Copenhagen, Denmark, Wednesday, May 9, 2018. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Timo Meier gab schon früh den Halbfinal als Mindestziel bekannt. Bild: KEYSTONE

Euphorie versus Fokus

Wenn man hier in Kopenhagen mit den NHL-Spielern spricht, dann hört man auch immer wieder Schlagwörter wie «Wille» und «harte Arbeit». Attribute, die in Nordamerika auf dem Weg zu einer erfolgreichen Karriere unabdingbar sind. Die aber – etwas plakativ ausgedrückt – nur bedingt mit der Schweizer Mentalität kompatibel sind.

«Es braucht vor allem Wille und mentale Stärke, um sich durchzubeissen»

Das Klischee des Schweizers, der schnell selbstzufrieden ist, existiert nicht umsonst. «Uns geht es so gut in der Schweiz», sagt Andrighetto. Es wäre ein Leichtes, sich für gutes Geld bei einem Schweizer Verein zu verpflichten. Aber diese Spieler wollen mehr, haben höhere Ziele.

«Es braucht vor allem Wille und mentale Stärke, um sich durchzubeissen», erzählt Andrighetto, der sich jahrelang durch die Farmteams kämpfen musste, wo er einen Bruchteil eines NLA-Lohns verdiente, ehe er einen Millionenvertrag bei den Colorado Avalanche erhielt.

«Wir müssen uns vor niemandem verstecken.»

Mirco Müller

Aus Nordamerika bringen diese Profis auch die Mentalität mit, mehr im Moment zu leben, sich auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren, anstatt sich zu viele Gedanken um die Zukunft oder die Vergangenheit zu machen.

«Wir geniessen den Moment»

Sven Andrighetto sagt nach dem Sieg gegen Finnland: «Wir wollen nicht zu weit nach vorne, und nicht zu weit zurück schauen. Wir leben im Moment, geniessen den Moment.» Und der Verteidiger der New Jersey Devils, Mirco Müller, erklärt, auch mit Blick auf den Halbfinal-Kontrahenten Kanada: «Man muss jeden Gegner respektieren. Gleichzeitig dürfen wir aber keine Angst haben. Wir haben eine sehr gute Mannschaft mit sehr guten Spielern. Wir müssen uns vor niemandem verstecken.»

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So spielten sich die Schweiz und Kanada in den WM-Halbfinal. Video: YouTube/IIHF Worlds 2018

Der Grat zwischen Demut und Selbstüberschätzung ist bekanntlich oft ein schmaler. Doch auch in dieser Beziehung hat die «nordamerikanische Schule» Auswirkungen auf die Mentalität dieser Schweizer Mannschaft.

«Guter Mix zwischen den Mentalitäten»

Mirco Müller: «Dadurch, dass wir so viele Spiele machen in der NHL, umso rationaler ist unsere Herangehensweise. Es ist manchmal schwierig, die richtige Balance zwischen Euphorie und Konzentration zu behalten. Bisher hatten wir einen sehr guten Mix zwischen diesen beiden Mentalitäten. Es ist etwas vom wichtigsten im Kopf, dass man mit Selbstvertrauen auftritt, seinen Fähigkeiten vertraut. Gleichzeitig aber auch zu wissen, was man kann und was nicht. Zu wissen: Wann muss ich einfach spielen, wann kann ich etwas riskieren?»

Russia's forward Kirill Kaprizov, left, vies for the puck with Switzerland's defender Mirco Mueller, right, during the IIHF 2018 World Championship preliminary round game between Russia and Switzerland, at the Royal Arena, in Copenhagen, Denmark, Saturday, May 12, 2018. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Mirco Müller überzeugt bei seinem ersten Nati-Auftritt. Bild: KEYSTONE

In der Tat ist es faszinierend zu beobachten, mit wie viel Verve, mit welcher Energie und mit welchem Selbstvertrauen diese Mannschaft in Dänemark bisher ans Werk gegangen ist. Und wie die NHL- und die NLA-Profis zu einer homogenen Einheit geworden sind, in der jeder Spieler seine Rolle übernimmt.

Roman Josi, einer der besten Verteidiger der Welt und Captain der Nashville Predators, schwärmt: «Unsere Teamchemie ist unglaublich. Ich bin erst seit drei Spielen da und wurde extrem gut aufgenommen. Es ist toll, ein Teil dieser Mannschaft zu sein.»

Jetzt liegt der Final drinWo der Weg dieser Mannschaft endet? Wer in einem WM-Halbfinal steht, der hat alle Möglichkeiten. Der kann sogar Weltmeister werden. Auch wenn der nächste Gegner Kanada heisst und den derzeit besten Spieler der Welt, Connor McDavid, in seinen Reihen weiss. Sven Andrighetto sagt: «Wir sind dabei, die Schweizer Mentalität zu verändern. Wir wollen weitergehen. Kanada wird ein harter Gegner. Aber wer gab uns Chancen gegen die Finnen?»

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Jürg Swissgringo 19.05.2018 18:20
    Highlight Highlight Es macht einfach unglaublich Spass zuzusehen wie frech und auch abgeklärt unser Team auftritt....hopp Schwiiz!!! 🍀 ✌ 😎😉🔥✔🆒💪
  • salamandre 19.05.2018 18:05
    Highlight Highlight Wenn du im Fussball irgendwo hinkommen willst, begegnen dir irgendwann Teams aus Brasilien, Deutschland, Spanien oder England.
    Im Hockey sind es halt Kanada, Russland, Finnland oder Schweden. Weltmeisterschaften beginnen halt so richtig erst in den Viertelfinals.
    Alles Gute Jungs!!!
  • mukeleven 19.05.2018 17:43
    Highlight Highlight wow - frischer wind hier auf watson - cooler bericht hier von dir @marcel kuchta.
    mehr davon - da kann unser eismeister noch was lernen. wirklich.
    und allne es guats spiel am 715 ll hopp 🇨🇭
  • «SLAPSHOT» 19.05.2018 16:30
    Highlight Highlight soviele gute nhl-stammspieler für die wm zu haben ist ein glücksfall, der ausgenutzt werden muss! exploit 2!
  • Dory..hä? 19.05.2018 15:50
    Highlight Highlight F*** yessssss, let's gooooo!!!!
    Wenn geits ändlech los?!
    💪💪💪💪💪
    glade wiene Mondrakete!! 🚀💥
    • SeboZh 19.05.2018 17:26
      Highlight Highlight Ab 19:15 Uhr
    • Dory..hä? 19.05.2018 17:40
      Highlight Highlight das isch iigimpft sit vorgester, aber merci! 😁

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