Keiner spielt so wenig wie Chris Baltisberger – und trotzdem ist er HCD-Schreck Nr. 1
Chris Baltisberger ist ein ausgesprochener Familienmensch. Es ist zum Ritual geworden, dass der ältere seiner beiden Söhne, fünf Jahre alt, nach einer Heimpartie in die Garderobe der Lions geht und dort ein bisschen spielt. Auch Chris Baltisbergers Eltern waren am Ostermontag im Stadion und sahen, wie ihr Sohn im zweiten Halbfinalspiel gegen Davos (3:1) das entscheidende 2:1 schoss. Dies am 6. April, einem Tag, an dem es zwei Jahre zuvor ein einschneidendes Ereignis gegeben hatte: Der Vater erlitt einen Herzstillstand und wurde zwischenzeitlich ins künstliche Koma versetzt.
Mentale Tools angeeignet
Allerdings ist dieses Datum nicht im Kopf von Chris Baltisberger abgespeichert. Ohnehin ist er jemand, dem es gut gelingt, in den Moment einzutauchen, was nicht von ungefähr kommt, da er sich intensiv mit dem Mentalen auseinandergesetzt hat. Er habe zum Glück früh erkannt, dass dieser Aspekt der Entscheidende sei, sagt der routinierte Stürmer.
So hat sich Baltisberger Tools angeeignet, die ihm helfen, gut mit seiner Rolle im Team umzugehen – hat doch von den Stammspielern der Lions keiner in der Qualifikation im Schnitt weniger Eiszeit erhalten als er (9:15 Minuten). In den bisherigen sechs Playoff-Partien sind es noch weniger (8:38 Minuten).
Es sei nicht zielführend, «wenn es abhängig ist vom Trainer, ob ich Selbstvertrauen habe oder nicht», betont Baltisberger. «Da muss ich mir selber helfen, auch wenn es mühsam ist, immer wieder all meine Tore und guten Aktionen anzuschauen. Aber man muss sich hin und wieder daran erinnern, es noch drauf zu haben. Denn wir sind doch Menschen mit Gefühlen.»
Baltisberger weiter: «Es ist etwas vom Wichtigsten, mit Freude zu spielen, auch in den Playoffs, wenn so viel Druck vorhanden ist. Es kommt jedoch immer darauf an, wie du das Ganze anschaust. Auf der einen Seite ist es Druck, auf der anderen Seite auch immer wieder eine Chance. Als ich 2012 in Davos mein erstes Playoffspiel bestritt, war ich extrem nervös, nun geniesse ich es einfach. Es ist ein Traum, den ich leben darf.»
Sein Wissen über mentale Stärke gibt er auch an jüngere Spieler weiter und er begleitet einige von ihnen in diesem Bereich. «Das ist ein schöner Austausch», sagt Baltisberger, der neben dem Eis gemeinsam mit seiner Frau Ingwer-Shots vertreibt. Es mache ihm Freude, Gelerntes weiterzugeben. «Das ist etwas, das ich in Zukunft sicher öfters machen werde.»
Maximum aus Minimum
Aktuell zählt für ihn die Gegenwart. Und in dieser holt er viel aus seiner begrenzten Eiszeit heraus. Schon im ersten Halbfinalspiel gegen Davos (2:4) hatte er zwei Tore erzielt. Das entscheidende 2:1 am Ostermontag war ein typischer Treffer von ihm: Er reagierte nach einem Abpraller am schnellsten. «Das ist das, was von mir erwartet wird», so Baltisberger. «Ich versuche, dort (vor dem Tor) hinzugehen.»
Zudem harmoniert er sehr gut mit seinen Linienkollegen Nicolas Baechler und Justin Sigrist, die wie er Eigengewächse der Lions sind. «Was uns auszeichnet, ist die Mentalität. Wir geben vollen Einsatz, bleiben ruhig, wenn wir nicht so eingesetzt werden, wie wir uns das wünschen, reden viel miteinander. Ihre Arbeitseinstellung ist top, es ist für mich einfach, mit ihnen zusammenzuspielen.»
Dass seine Qualitäten von den Verantwortlichen sehr geschätzt werden, zeigt die Verlängerung des Vertrags Ende Februar um eine Saison. Das ist für ihn alles andere als selbstverständlich: «Ich bin bei der grössten Mannschaft von Europa. Da kann nicht jeder mitspielen. Darum habe ich versucht, meine Rolle auszuführen, aber trotzdem zu zeigen, dass ich immer bereit bin, mehr zu machen, und der Mannschaft etwas bringen kann.»
Jedenfalls ist es kein Zufall, dass Baltisberger in den Leistungstests Topwerte erzielt. Er investiert viel, um seine Leistung zu optimieren – auch finanziell. Nun würde er seinem Palmarès nur allzu gerne einen sechsten Meistertitel hinzufügen; es wäre der dritte in Serie für die Lions, die nun 19 Playoff-Heimspiele in Folge gewonnen haben. Weiter geht die Serie am Mittwoch in Davos. Am Ende des Tages zählen für Chris Baltisberger aber nicht nur die Erfolge, sondern vor allem die Momente mit seiner Familie. (nih/sda)
