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Fribourg-Gottéron reitet derzeit auf einer Erfolgswelle.
Fribourg-Gottéron reitet derzeit auf einer Erfolgswelle.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Zum ersten Mal mehr Verstand als Emotionen bei Gottéron

Eigentlich passt Christian Dubé mit seinem Doppelmandat Trainer/Sportchef nicht mehr in die Zeit. Aber Gottéron ist Tabellenführer. Der ewige Traum vom Meistertitel wird wieder farbig.
11.10.2021, 13:4511.10.2021, 14:56

Er ist der Letzte seiner Art. Seit dem 4. Oktober 2019 führt Christian Dubé (44) Gottéron als Sportchef und als Cheftrainer. Er ist der Einzige mit diesem eigentlich antiquierten Doppelmandat. Sozusagen der letzte Saurier. Geht nicht! Unmöglich! Das Modell Sportchef und Trainer in Personalunion gilt als so überholt wie einst das Modell Spielertrainer.

Das ist die Meinung der Experten. SCB-Obersportchef Raëto Raffainer sagt beispielsweise: «Das Hockey-Geschäft von heute ist viel zu komplex. Es braucht Führungsteams.»

Der SCB beschäftigt, der Komplexität des Hockey-Geschäftes Rechnung tragend, einen Obersportchef, einen Untersportchef, einen Cheftrainer und zwei Assistenten. Fünf hochbezahlte Spezialisten für die Führung der Sportabteilung. Bei Gottéron genügen drei Personen für die gleiche Arbeit. Christian Dubé als «Doppel-General» in der Funktion als Cheftrainer und Sportchef. Dazu seine beiden Assistenten Pavel Rosa an der Bande und Gerd Zenhäusern im Büro.

Gerd Zenhäusern unterstützt Christian Dubé im Büro.
Gerd Zenhäusern unterstützt Christian Dubé im Büro.
Bild: KEYSTONE

Gottéron, taktisch stabil, auf den Ausländerpositionen vorzüglich besetzt, im Transfergeschäft erfolgreich, ist Tabellenführer. Den SCB – taktisch labil und wieder einmal mit ungenügendem ausländischen Personal – finden wir auf dem 10. Rang. Offenbar funktioniert das Doppelmandat Trainer/Sportchef doch. Ticken bei Gottéron die Uhren anders?

Präsident Hubert Waeber (60) sagt dazu: «Diese Doppelbelastung kann man tatsächlich nicht jedem zumuten. Das funktionierte beispielsweise in Davos mit Arno Del Curto auch nicht mehr. Dessen sind wir uns bewusst. Wir haben dieses Doppelmandat verlängert, weil es sich letzte Saison bewährt hat. Zudem wird Christian Dubé jetzt durch Gerd Zenhäusern entlastet: Er hat ja unsere erste Mannschaft auch schon trainiert, er kennt unsere Junioren und er kümmert sich um die Büroarbeit in der Sportabteilung, das Scouting und Verhandlungen mit Spielern kann er auch führen. So kann sich Christian Dubé mehr aufs Coaching konzentrieren.»

Zuletzt hatte Gottéron Hans Kossmann mit dem Doppelmandat Sportchef/Trainer alle Macht in die Hand gegeben. Der Kanada-Schweizer erreichte 2013 den bisher letzten Sieg in der Qualifikation, verlor den Final gegen den SCB, kam noch einmal auf Platz 2 und in den Halbfinal (2014) und wurde am 12. Oktober 2014 gefeuert. Seine Entlassung markiert das Ende der bisher letzten «Belle Epoque» Gottérons.

Und jetzt ist also Christian Dubé der nächste «Doppelgeneral». Hubert Waeber ist sich der Problematik sehr wohl bewusst. «Wichtig ist, dass man die Verantwortlichen nicht einfach machen lässt. Es braucht eine Vision, eine Strategie und klare Zielsetzungen, die man dann messen kann.» Bisher habe das Doppelmandat funktioniert. Es bringe eben auch Vorteile. «Wenn ein Sportchef Spieler verpflichtet, dann verspricht er ihnen eine Rolle. Klar, in Absprache mit dem Trainer. Aber letztlich ist es eben nur ein Versprechen des Sportchefs und es ist alles andere als sicher, ob der Trainer dem neuen Spieler die Rolle auch gibt. Diese Gefahr ist viel kleiner, wenn der Sportchef und der Trainer die gleiche Person sind.» Was wohl auch erklären kann, warum Gottéron im Transfergeschäft in jüngster Zeit überaus erfolgreich war.

Trainer und Sportchef im Doppelmandat: Christian Dubé.
Trainer und Sportchef im Doppelmandat: Christian Dubé.
Bild: keystone

Gottéron wollte mit Hans Kossmann Meister werden, scheiterte und zahlte mit einer langen Krise (im Frühjahr 2019 auf Rang 11) einen hohen Preis. Nun haben die Titelträume, die es seither nur noch in schwarz-weiss gab, wieder Farbe bekommen. Das hohe Ziel lautet, dass bis 2025 gelingen soll, was nicht einmal Slawa Bykow und Andrej Chomutow schafften: der erste Titel.

Eine zu hohe Zielsetzung? «Nein» sagt Hubert Waeber: «Hohe Ziele zu setzen, ist wichtig. Sei es in einer Firma oder bei einem Sportklub. Den Welschen wird ja in der Deutschschweiz gerne nachgesagt, dass wir zur Bequemlichkeit neigen. Wenn wir Platz acht zum Ziel setzen und kommen auf Rang sechs, dann sind bereits alle zufrieden und werden genügsam. Diese Mentalität versuchen wir zu ändern. Wenn ich weiss, dass einer meiner Verkäufer 90 Autos verkaufen kann, dann setzen wir 95 als Ziel und er verkauft 90. Wenn ich 80 zum Ziel setze, verkauft er vielleicht 75.»

Christian Dubé sei mit der Zielsetzung «Meister bis 2025» einverstanden. «Er ist eine stolze Kämpfernatur und setzt sich selbst hohe Ziele.» Gottéron erzielt als Gesamtunternehmen rund 25 Millionen Franken Umsatz. Hubert Waeber sagt, mit einem Budget von 7 Millionen nur für die Spieler sei Gottéron in der Liga beim Geldausgeben die Nummer 5 oder 6. Christian Dubé habe bisher die Budgetvorgaben immer eingehalten und meist noch 50 000 oder 60 000 Franken weniger ausgegeben. Der Durchschnittslohn bei 25 Profis liege bei 290'000 Franken.

Letzte Saison segelte Gottéron in ruhigen Gewässern auf den 3. Platz und scheiterte im Viertelfinal gegen Servette. Der Präsident sagt, dieses Scheitern habe man intern durchgearbeitet. «Es gibt vielerlei Erklärungen. Wir waren direkt für die Viertelfinals qualifiziert und vielleicht hat uns die Pause bis zum Viertelfinal nicht gut getan und wir hätten einen Trainingsmatch zur Überbrückung einbauen sollen. Christian Dubé war an der Bande passiv. Weil er dachte, er wolle nicht noch mehr Druck auf die Spieler machen.»

Präsident Hubert Waeber will den Titel nach Fribourg holen.
Präsident Hubert Waeber will den Titel nach Fribourg holen.
Bild: keystone

Seit 2019 führt mit Hubert Waeber ein Pragmatiker und begabter Netzwerker den Klub. Der grösste Opel-Händler der Schweiz hat ein Flair für Zahlen, Transparenz und schlanke Organisationsstrukturen. Mit Christian Dubé hat er einem Mann alle sportliche Macht übertragen, der ähnlich tickt. Der Kanadier ist ein nüchterner Analytiker, ein schlauer Kommunikator und guter Taktiker, der selten bis nie tobt.

Seit dem Aufstieg von 1980 ist Gottéron mehr Traumfabrik als Hockeyunternehmen. Die Emotionen haben immer wieder auch die Chefetage erfasst, die Trainer aus dem Amt und die Kassen leer gefegt. Dass mit Hubert Waeber und Christian Dubé zum ersten Mal an der Bande UND im Büro zwei Männer des Verstandes und nicht der Emotionen und der Polemik Gottéron führen, ist eines der Erfolgsgeheimnisse.

Aber wenn Gottéron Meister werden will, dann braucht es doch Emotionen. Nicht im präsidialen Büro. Aber an der Bande. In der Kabine. Auf dem Eis und im Stadion. Zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Dosis. Für Gottéron gilt noch mehr als für andere Klubs: Emotionen sind wie Naturkräfte. Ob sie nützen oder schaden, hängt von der Richtung ab, die sie nehmen.

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