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Davos' Matej Stransky, links, gegen Luganos Luca Fazzini beim Eishockey Testspiel der National League zwischen dem HC Davos und dem HC Lugano, am Dienstag, 24. August 2021, im Eisstadion in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Davos und Lugano – zwei Titanen auf wackligen Beinen. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Titanen auf unsicheren Füssen – Biel, Lugano, Bern und Davos



HC Davos: Die Suche nach der neuen goldenen Generation

Am Anfang der fünf letzten Titel stand mit Arno Del Curto ein emotionaler Coach und ein Kern aus jungen Wilden um Reto von Arx. Den neuen Reto von Arx hat der HCD noch nicht gefunden. Aber mit Christian Wohlwend den emotionalen Coach. Kann auch er eine neue meisterliche Dynastie formen? Der HCD ist ein Titan auf schnellen, aber noch ein bisschen unsicheren Beinen.

Acht Spieler aus dem letzten HCD-Meisterteam von 2015 sind noch dabei: Andres Ambühl, Enzo Corvi, Chris Egli, Gilles Senn, Sven Jung, die Wieser-Brüder und Claude-Curdin Paschoud. Aber es war vor allem das letzte Hurra der alten Garde um den Titanen Reto Von Arx, die den Klub so lange geprägt hatte. Es war – fast filmreif – ausgerechnet Reto von Arx, der in der entscheidenden Finalpartie 2015 im Hallenstadion den Siegestreffer erzielte. Dann trat er ab, liess Arno Del Curto einsam zurück und eine Ära war zu Ende.

Der letzte Meistertitel 2015. Video: SRF

Es wird im modernen, kapitalistischen Hockey immer schwieriger, über mehrere Jahre einen Kern von Schlüsselspielern im besten Alter zu halten. Arno Del Curto gelang es. Er schweisste ab 1996 nach und nach sein Team fast wie eine Sekte zusammen («Zeugen Del Curtos»). Am 27. November 2018 legte er nach mehr als 20 Jahren sein Amt nieder.

Inzwischen sind die noch von Raeto Raffainer beaufsichtigten sportlichen Renovationsarbeiten weitgehend abgeschlossen und er arbeitet nun in Bern. Dominik Egli soll der nächste Félicien Du Bois, Enzo Corvi der nächste Reto Von Arx, Gilles Senn der nächste Leonardo Genoni, Raphael Prassl der nächste Sandro Rizzi und Thomas Wellinger der nächste Marc Gianola werden. So die Hockey-Götter wollen. Aber noch wichtiger: Wird Christian Wohlwend der nächste Arno Del Curto? Auch das wissen nur die Hockey-Götter. Aber sie sagen es uns noch nicht.

Trainer: Wie letzte Saison

Auf Platz 3 in der ersten folgte in der zweiten Saison Rang 8, eine Flut von Gegentoren und das bittere Ende gegen den SCB. Hat Christian Wohlwend seine Magie im zweiten Jahr verloren? Nein. Aber manchmal scheint es halt schon so, als würde sich seine Emotionalität und Nervosität auf die Mannschaft übertragen. Er ist ein junger Coach mit viel überschüssiger Energie.

Der Davoser Head Coach Christian Wohlwend, hinten, fordert von seinen Spielern mehr Einsatz, im ersten Eishockey-Pre-Playoff Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Mittwoch, 7. April 2021, im Eisstadion Davos in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Christian Wohlwend. Bild: keystone

Der kühle Realist Raeto Raffainer, der ihn nach Davos geholt und ihn perfekt ergänzt hatte, ist nach Bern hinabgezogen. Christian Wohlwend ist einsamer geworden und er muss nun allein sein Profil schärfen. Wie damals Arno Del Curto geniesst auch er unter jungen Spielern einen guten Ruf. Als Ersatz von Johan Lundskog (nun Cheftrainer in Bern) steht ihm nun Jörgen Jönsson bei, zuletzt fünf Jahre Assistent in der höchsten schwedischen Liga. Er kann ein grosser Trainer, er kann der nächste Arno Del Curto werden – aber er ist es noch lange nicht.

Torhüter: Nicht besser als letzte Saison

Noch nie in der Geschichte unseres Hockeys hat ein Klub so viel Geld für die Torhüter ausgegeben. Gilles Senn, Robert Mayer und Sandro Aeschlimann belasten die Lohnbuchhaltung mit mehr als einer Million Franken. Viel Geld für drei Torhüter, von denen keiner in den Schuhen des letzten HCD-Meistergoalies Leonardo Genoni stehen kann.

Heimkehrer Gilles Senn hat ab 2011 bereits acht Jahre für den HCD gespielt und war doch nie eine charismatische Nummer 1. Trotzdem liessen die Davoser fast alles stehen und liegen, um ihn zurückzuholen und sie haben ihn gleich mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet. Obwohl Sandro Aeschlimann (bis 2023) und Robert Mayer (bis 2025) weiterlaufende Verträge haben.

Der Davoser Torhueter Robert Mayer macht dicke Backen und kniet nach seinem siebten erhaltenen Treffer zum 2:7 am Boden, im Eishockey-Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Davos und dem EV Zug, am Samstag, 20. Februar 2021, im Eisstadion Davos in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Robert Mayer. Bild: keystone

Robert Mayer auszahlen (was über eine Million kostet) oder ihn vorerst leihweise einem anderen Klub überlassen? Nach wie vor hat das Management auf diese Frage keine Antwort gefunden. Robert Mayer trainiert als dritter Torhüter mit der Mannschaft, aber er zieht sich in einer separaten Garderobe um und gehört nicht mehr zum Team. Gilles Senn wird besser sein müssen als je zuvor in seinen HCD-Jahren, um die Ausmusterung von Robert Mayer vergessen zu machen. Ein bisschen viel Druck für den sanften Riesen.

Verteidiger: besser als letzte Saison

177 Gegentore und am Schluss der ruhmlose Untergang gegen den SCB – alles nur die Schuld von Robert Mayer? Nein. Der HCD litt unter Verletzungspech: Félicien Du Bois und Claude-Curdin Paschoud kamen zusammen nur auf 16 Partien. Es geht an keinem Team spurlos vorbei, wenn zwei der besten Verteidiger praktisch während der ganzen Saison fehlen.

Davos' player Magnus Nygren celebrates the 3-3 goal, during the match of National League Swiss Championship between HC Lugano and HC Davos at the ice stadium Corner Arena in Lugano, on Friday, October 23, 2020. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Magnus Nygren. Bild: keystone

Die Hoffnung auf bessere Zeiten sind berechtigt: Magnus Nygren ist nach Henrik Tömmernes (Servette) wohl der beste Verteidiger der Liga. Dominik Egli wurde von der ganzen Liga gejagt und ist doch nach Davos gekommen. Thomas Wellinger und Jesse Zgraggen stehen für solides defensives Handwerk. Wenn mit diesem Personal noch einmal mehr als 150 Gegentreffer kassiert werden, kommen bei der Ursachenforschung Gilles Senn und der Trainer ins Spiel.

Stürmer: Noch besser als letzte Saison

Der HCD-Sturm war letzte Saison mit Abstand der schnellste der Liga und münzte das Tempo in 174 Tore um. Der zweitbeste Wert hinter Meister Zug (197 Tore). Die letztjährige Offensivleistung ist umso erstaunlicher, weil mit Teemu Turunen (13 Treffer), Aaron Palushai (12) und Perttu Lindgren (4) drei ausländische Stürmer teilweise weit unter den Erwartungen blieben. Weht der HCD-Sturm auch in der neuen Saison so stark? Ja. Das Tempo bleibt unerreicht hoch. Die neuen ausländischen Stürmer Dennis Rasmussen, Mathias Bromé und Matej Stransky sind besser als ihre Vorgänger. Weiterhin gilt: «Crazy Offense in the Mountains».

Davos' Matej Stransky beim Eishockey Testspiel der National League zwischen dem HC Davos und dem HC Lugano, am Dienstag, 24. August 2021, im Eisstadion in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Matej Stransky. Bild: keystone

Prognose

Der HCD landete in der zweiten Saison unter Christian Wohlwend nur auf dem 8. Platz und scheiterte in den Pre-Playoffs am SC Bern. Aber Sportchef Raeto Raffainer hat vor seinem Wechsel nach Bern schlau transferiert und das Team jünger und dynamischer gemacht. Ein Sturmlauf in die Spitzengruppe ist möglich – aber kein dauerhafter. Eine Spitzenklassierung wird es nur geben, wenn Rückkehrer Gilles Senn sein allerallerallerallerbestes Hockey spielt und das riskante Offensivspektakel absichert. Das trauen wir ihm noch nicht ganz zu.

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HC Lugano: Eine neue Kathedrale für «Jesus Chris»

So viel Charisma wie Chris McSorley hatten in Lugano nicht einmal John Slettvoll und Larry Huras. Und beide führten Lugano zu insgesamt fünf Meisterschaften. Also müsste «Jesus Chris» Lugano erst recht nach 16 Jahren ins gelobte Land der Meisterehre führen können. Aber auch Lugano ist ein Titan auf unsicheren Füssen.

Chris McSorley, links, neuer Cheftrainer des HC Lugano, gibt Anweisungen waehrend eines Trainings, am Montag, 2. August 2021, in Lugano. (KEYSTONE/Ti-Press/Pablo Gianinazzi)

Chris McSorley. Bild: keystone

Es gibt im europäischen Eishockey eigentlich kaum einen anderen Klub mit besseren Voraussetzungen als Lugano. Eine Milliardärsfamilie sorgt für ein solides wirtschaftliches Fundament. Die Infrastruktur ist gut, der Klub die Nummer 1 in der Stadt. Die Fans sind leidenschaftlich und die Lebensqualität unter Palmen am Fusse von Bergen und an den Ufern eines Sees könnte besser nicht sein. Aber die letzte Meisterfeier ging 2006 über die Bühne. Da alles andere stimmt, ist es offensichtlich nicht mehr gelungen, den richtigen Trainer zu finden. Deshalb steht die Trainerfrage seit Jahren im Zentrum.

Das Management versuchte es nach dem letzten Meistermacher (Harold Kreis) mit Chefs aller Couleur. Zuletzt mit den Spielerverstehern Sami Kapanen und Serge Pelletier. Und nun also Chris McSorley, der Mann, der in Genf nicht nur coachte und die Mannschaft zusammenstellte. Er hat ein ganzes Hockey-Unternehmen aufgebaut und ist von der Lokalpresse als «Jesus Chris» verehrt worden. Eine neue Hockey-Kathedrale also für «Jesus Chris» in Lugano: Das ist das aufregendste Trainer-Experiment unserer Hockeygeschichte seit Herb Brooks nach seinem Olympiasieg 1980 direkt nach Davos wechselte oder Arno Del Curto im Januar 2019 ins Hallenstadion zurückkehrte. Beide scheiterten hochkant. John Slettvoll, Luganos erfolgreichster Trainer, holte den ersten seiner vier Titel im dritten Amtsjahr. Das passt: Chris McSorley hat einen Dreijahresvertrag.

Trainer: Viel besser als letzte Saison

Seit er mit Servette 2002 den Titel in der NLB gewann und zurück in die höchste Liga führte, hat Chris McSorley nie mehr einen Titel gewonnen (der Spengler Cup ist keine gewonnene Meisterschaft). Er sagt, sein Ziel sei es, in den nächsten drei Jahren mit Lugano Meister zu werden. An diesem Anspruch wird er gemessen und er weiss, dass es seine letzte Chance ist. Im März wird er 60. Wenn er in Lugano scheitert, wird ihm kein anderes Spitzenteam noch einmal eine Chance geben.

Er hat seine Führungs- und sonstigen Hockey-Prinzipien zwar nicht geändert, ist aber weise genug, die Tonart den Erfordernissen einer neuen Zeit und einer neuen Spielergeneration ein wenig anzupassen. Er war, ist und bleibt ein harter Hund, der Lugano für jedes Team zu einem unangenehmen Gegner machen wird. Und weil Lugano nun schon seit 2006 auf den nächsten Titel wartet, wird er von einer klugen Präsidentin durch alle Böden hindurch gestützt. Wenn es «Jesus Chris» nicht schafft, wer dann?

Torhüter: Gleich wie letzte Saison

Restlos glücklich ist Lugano mit Niklas Schlegel noch nicht geworden. Er war letzte Saison zwar deutlich besser als erwartet und statistisch in der Qualifikation die Nummer 2 der Liga. Aber wie zuvor schon in Zürich und Bern gibt es auch in Lugano eine Art «unausgesprochenes Misstrauen» mit der Frage, ob er ein Meistergoalie sein kann.

Lugano?'s goalkeeper Niklas Schlegel during the match of National League A (NLA) Swiss Championship between HC Lugano and HC Davos at the ice stadium Corner Arena in Lugano, on Sunday, 10 January 2021. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Niklas Schlegel. Bild: keystone

Bis er Lugano mindestens so weit bringt wie Elvis Merzlikins (nämlich in den Final), bleibt dieses Misstrauen. Trotz Vertrag bis 2023. Und es gibt noch ein Problem: Weder Davide Fadani noch Thibault Fatton sind schon reif, um eine gute Nummer 2 zu sein und Niklas Schlegel für 15 bis 20 Spiele zu entlasten. Es wäre keine Überraschung, wenn Sportchef Hnat Domenichelli noch während der Saison einen weiteren Torhüter verpflichtet.

Verteidiger: Besser als letzte Saison

Sportchef Hnat Domenichelli hat die beste Verteidigung seit der letzten Meistersaison (2005/06) zusammengestellt und damit eigentlich das Fundament für ein Meisterteam gebaut. Mit vier Schweizern, die in jedem Team der Liga eine zentrale Rolle hätten: Santeri Alatalo, Romain Loeffel, Mirco Müller und Samuel Guerra. Kommt dazu, dass Chris McSorley der Mannschaft defensive Flötentöne beibringen und die Defensive gut organisieren wird. Schliesslich sagt eine alte Hockey-Weisheit, dass die Offensive zwar die Qualifikation, die Defensive aber die Playoffs entscheidet.

Lugano's player Santeri Alatalo in action during the Champions League 2021/22 ice hockey game between HC Lugano and Tappara Tampere at the ice stadium Corner Arena, in Lugano, Switzerland, on Sunday, 29 August 2021. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Santeri Alatao. Bild: keystone

Stürmer: Gleich wie letzte Saison

Luca Fazzini, Daniel Carr und Mark Arcobello sind drei Stürmer mit dem Potenzial für 25 Tore. Der Schwachpunkt ist die Mittelachse: Nur Mark Arcobello ist ein Spielmacher der obersten Hubraumklasse. Wer füttert die Spektakelmacher auf den Aussenbahnen mit Pucks? Es hätte schon sehr geholfen, wenn es gelungen wäre, Ambris Marco Müller nach Lugano zu locken. Dass er nach Zug gewechselt hat, kann womöglich die Meisterschaft entscheiden.

Prognose

Der Wert des 2. Ranges war letzte Saison ein wenig dem Zufall geschuldet und Luganos sportliche Aktien waren überbewertet. Was sich mit dem schmählichen Scheitern im Viertelfinal gegen die Lakers gezeigt hat. Aber nun kommt Chris McSorley. Wer den charismatischen Kanadier holt und so viel Geld für Transfers ausgibt, um die Defensive zu stabilisieren, kann nur mit einem Platz in der Spitzengruppe zufrieden sein. Im Sommer sind in Lugano stets alle davon überzeugt, den richtigen Trainer gefunden zu haben. Wenn die Blätter fallen, wachsen jedes Jahr die Zweifel und im Januar lautet die bange Frage: hält der Trainer bis zum Saisonende durch?

Aber wenn es mit Chris McSorley nicht funktioniert, könnte die Erkenntnis reifen, dass es nicht immer am Trainer liegt. Lugano wird den 2. Platz nicht wiederholen. Aber in der Spitzengruppe spielen und im Frühjahr in den Playoffs ein gefährlicher Aussenseiter sein.

EHC Biel: Was passiert mit der Garderobentüre?

In einem stürmischen Transfersommer hat Sportchef Martin Steinegger seine Mannschaft so umsichtig umgebaut und ergänzt, dass Biel nun um die erste Meisterschaft seit 1983 mitspielen kann. Ja, Biel ist sogar der Titel-Geheimfavorit. Aber einer mit viel «wenn» und «aber» auf einer unsicheren sportlichen Basis.

Damien Brunner tritt mit dem Schlittschuh in die Garderobentüre und verschwindet nach dem letzten Saisonspiel wutentbrannt in der Nacht. Das war das letzte Donnergrollen nach dem schmählichen Ausscheiden in den Pre-Playoffs gegen die Rapperswil-Jona Lakers. Es war das nicht ganz unerwartete Ende der schwierigen ersten Saison ohne Jonas Hiller und der Krebserkrankung von Trainer Antti Törmänen (50), der kurzfristig durch Lars Leuenberger ersetzt werden musste.

Biel's Head coach Antti Toermaenen reacts, during a National League regular season game of the Swiss Championship between Geneve-Servette HC and EHC Biel-Bienne, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Friday, December 6, 2019. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Antti Törmänen ist zurück an der Bande. Bild: KEYSTONE

Nach erfolgreicher Therapie ist Antti Törmänen nun zurück an der Bande und hat eine noch bessere Mannschaft zur Verfügung. Nach fünf Jahren in Bern und in der NHL kehrt Gäetan Haas nach Biel zurück. Dieser Transfer hat gereicht, um die Perspektiven zu verschieben.

Eigentlich schien die Mannschaft in einer Umbruch-Phase. Doch Gaëtan Haas ist es, der Biel nun zu einem Geheimfavoriten macht. Hinzu kommt: Die Bieler haben mit zwei Ausländern plus Robin Grossmann auch nach dem Abgang von Janis Moser eine der bestbesetzten Verteidigungen der Liga.

Die Frage lautet: Ist Biel tatsächlich reif für den ersten Final in der höchsten Liga? 2019 fehlte in der Halbfinalserie gegen Bern ein einziger Sieg, ehe Gaëtan Haas den SCB im Final gegen Zug zum Titel führte. Er ist einer der besten Center in Europa, seine Präsenz wird, ja, muss der Mannschaft Auftrieb geben. Damien Brunner wird am Ende der Saison die Garderobetüre schonen – oder ganz zerstören. Fest steht nur: Biel hat eine der spielerisch stärksten, spektakulärsten Mannschaften der Liga. Aber ein Spektakel kann in Triumph oder Krise münden.

Trainer: Die grosse Ungewissheit

Die Rückkehr von Antti Törmänen an die Bieler Bande ist die schönste Geschichte unseres Hockeys. Dem Finnen gebührt allerhöchster Respekt für den Mut und die Kraft, nur ein Jahr nach der Horrordiagnose Gallenblasenkrebs wieder in der höchsten Liga eine Mannschaft zu führen. Aber es ist eine Rückkehr mit Risiken. Die Bieler machten sich den Entscheid nicht einfach und es hätte auch genügend Argumente für eine Weiterbeschäftigung von Lars Leuenberger (nun in Olten) gegeben.

Antti Törmänen musste für sich erst einmal die Frage klären, ob er sich den Stress des Trainergeschäfts so schnell wieder zumuten will. Er hatte in Biel auch schon sportlich schwierige Zeiten und vorletzte Saison zehn Spiele in Serie verloren – worauf die kreativen Köpfe der Lokalpresse die Titelzeile drechselten «Krise ohne Krisenstimmung». Zehn Niederlagen in Serie werden nun nicht mehr so freundlich beurteilt werden.

Torhüter: Gleich wie letzte Saison

Joren Van Pottelberghe war in der vergangenen Spielzeit ein statistisch durchschnittlicher Torhüter mit einem riesigen Potenzial. Seine erste Saison als Nachfolger der Lichtgestalt Jonas Hiller war ordentlich, aber nicht ausserordentlich. Noch ist Joren Van Pottelberghe nicht die charismatische Nummer 1, die eine Playoff-Serie fast im Alleingang zu gewinnen vermag.

Biels Janis Moser, links, und Biels Torhueter Joren Van Pottelberghe, rechts, jubeln nach dem Sieg (2-1), beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den Lausanne HC, am Dienstag, 16. Februar 2021, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Joren Van Pottelberghe. Bild: keystone

Er hat dafür alles – Postur, Stil, Talent. Aber der «Pflegeaufwand» für die Coaches ist erheblich: Einerseits erfordert sein Ego mindestens so viel Pflege wie ein Rosengarten und andererseits muss er immer wieder aus der Komfortzone gescheucht werden. Die Bieler beschäftigen mit Elien Paupe weiterhin eine Nummer 2, die nicht für die höchste Liga taugt und Joren Van Pottelberghe schon gar nicht herausfordern kann.

Verteidiger: Besser als letzte Saison

Im Sommer verpflichtete der Sportchef zwei ausländische Verteidiger, im Spätsommer holte er auch noch den früheren Nationalverteidiger und WM-Silberhelden (2013) Robin Grossmann. Damit sind die Abgänge von Samuel Kreis (Zug) und Janis Moser (Nordamerika) bei weitem kompensiert. Yannick Rathgeb und Alexander Yakovenko können das Powerplay orchestrieren, Beat Forster und Viktor Lööv mit ihrer Wasserverdrängung im Slot aufräumen, Robin Grossmann und Kevin Fey mit guten ersten Pässen den Stürmern Assists machen. Es obliegt Trainer Antti Törmänen, aus diesem Talent eine feste defensiven Burg zu bauen.

Luganos Mikkel Bodker, links, und Biels Yannick Rathgeb, rechts, kaempfen um den Puck, beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den HC Lugano, am Freitag, 18. Dezember 2020, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Yannick Rathgeb. Bild: keystone

Stürmer: Gleich wie letzte Saison

Biel holt mit Gaëtan Haas den wahrscheinlich besten Schweizer Center der Liga und der Sturm ist nicht besser als letzte Saison? Ja. Weil wir nicht ganz sicher sind, ob es auf den Aussenbahnen so richtig stürmen wird. Toni Rajala enttäuschte letzte Saison und Jere Sallinen hat in mehr als zehn Profi-Jahren erst einmal mehr als 15 Treffer erzielt. Die Beispiele von Teemu Turunen (Davos) und Julius Nättinen (Ambri) haben letzte Saison gezeigt, dass Stürmer aus der höchsten finnischen Liga bei uns hin und wieder Schwierigkeiten haben. Sie kommen halt bei uns in eine bessere Liga. Aber vielleicht bleibt ja Damien Brunner für einmal von Blessuren versschont, Flügelfräse Michael Hügli wird noch besser und Toni Rajala findet seine verlorene Magie wieder.

Prognose Biel

Wir wären nicht überrascht, wenn den Bielern nun ein Sturmlauf in die Spitzengruppe der Tabelle gelingt. Aber dürfen wir dem Spektakel trauen? Zwar ist die Defensive mit zwei ausländischen Verteidigern stabiler geworden. Aber in der Offensive ist der Einfluss der Tempo-Schillerfalter grösser als jener der rauen Powerstürmer. Wer gegen die Bieler seriös und geduldig defensiv spielt, mit Biss und Schlauheit die freien Räume schliesst und so die Entfaltung eines Tempo-Spektakels verhindert, hat gute Siegeschancen.

An einem guten Abend wird Biel ein mitreissendes Spitzenteam sein, das jeden Gegner, auch Zug, den SCB oder die ZSC Lions vom Eis fegen kann. Aber an spielerischen Werktagen anfällig auf dramatische Niederlagen. Sogar gegen Ajoie, Ambri, die Lakers oder Langnau. Aber die Erwartungen sind nun so hoch wie noch nie seit dem Wiederaufstieg von 2008 und der Geduldsfaden ist entsprechend dünner geworden.

SC Bern: Neuer Sportchef, neuer Trainer und wieder der echte SCB

Die Erinnerungen an die meisterlichen Jahre sind noch lebendig und die Hoffnungen auf neuen Ruhm berechtigt. Beim SCB ist zwar alles möglich: Eine weitere Krisensaison oder eine Überraschung. Aber es wäre fatal, die Berner zu unterschätzen. Die Zeichen stehen auf eine Rückkehr zu alter Grösse. Der SCB ist wieder ein Titan. Aber er steht noch auf wackligen Beinen.

Die Namen sind nach wie vor viel zu gross für die untere Tabellenhälfte: Simon Moser, Tristan Scherwey, Beat Gerber oder Ramon Untersander. Meisterliche Helden. Aber eben: zuletzt zweimal hintereinander nur noch Rang 9. Und doch sind sie immer noch zu grossen Taten fähig: Sie bodigten die mächtigen ZSC Lions im Cupfinal und den HCD in den Pre-Playoffs. Sie vermochten als einzige, den neuen Titanen Zug in den Playoffs zweimal zu besiegen.

Berns Simon Moser im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und dem SC Bern, am Montag, 15. Maerz 2021, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Simon Moser. Bild: keystone

Der SCB hatte letzte Saison zwei Gesichter: Grandiose Siege und Heimpleiten gegen die Lakers oder Langnau. Die alte Garde um Simon Moser ergibt sich nicht, aber eine ganze Saison kann sie den SCB nicht mehr tragen und die nächste Generation – Philip Wüthrich, Mika Henauer, Joshua Fahrni, Jeremi und Colin Gerber – vermag es noch nicht.

Der SCB war letzte Saison gefangen zwischen den alten und den neuen Zeiten. Zwischen Hoffart und Demut. Zwischen Blamagen und erstaunlichen Siegen. Und wird es auch diese Saison sein. Niemand vermag zu sagen, wohin die Reise mit einem neuen Trainer geht, und noch hat die Mannschaft keine neue taktische Identität. Aber der Kern der Mannschaft ist intakt geblieben und unter neuer Führung der Sportabteilung und einem neuen Trainer ist SCB wieder ein Sportunternehmen, wieder der echte SCB geworden. An einem guten Abend wird der SCB endlich wieder wie ein Spitzenteam auftreten. Schon deshalb, weil für den SCB wie für keinen anderen Klub gilt: Too Big to Fail.

Trainer: Im Quadrat besser als letzte Saison

Das Gastspiel des liebenswerten, aber völlig überforderten Kanadiers Don Nachbaur war bereits am 1. Dezember zu Ende. Er geht als grösster Trainer-Irrtum in die SCB-Geschichte ein. Nottrainer Mario Kogler vermochte die Dinge wieder einigermassen zu ordnen. Dafür verdient er den Vorschlag zum Trainer des Jahres.

Berns Head Coach Johan Lundskog waehrend einem Vorbereitungsspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem HC Ambri-Piotta, am Freitag 27. September 2021 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Johan Lundskog. Bild: keystone

Mit Johan Lundskog übernimmt nun erstmals ein schwedischer Trainer das Kommando in einem Klub, der in seiner DNA nordamerikanisch geprägt ist und in der Vergangenheit am besten unter autoritären, charismatischen Bandengenerälen funktioniert hat (Gilligan, Ruhnke, Huras, Jalonen). Der neue SCB-Trainer hat in Davos als Assistent unser Hockey kennengelernt, war aber noch nie Chefcoach und setzt mehr auf kollektive als auf autoritäre Führung. Ein Experiment. Aber eines mit sehr grossen Erfolgsaussichten.

Torhüter: Wie letzte Saison

Bereits letzte Saison nahm Philip Wüthrich den ersten Anlauf, um der neue Leonardo Genoni zu werden. Aber die Berner setzten immer dann, wenn es wichtig wurde (und in den Playoffs), weiterhin auf Tomi Karhunen. Nun ist der Finne gegangen und für Wüthrich kommt nun nach einem Lehrjahr die Saison der Wahrheit. Mit Daniel Manzato hat er eine Nummer 2, die keine Konkurrenz, sondern eine grosse Hilfe sein wird. Philip Wüthrich kommt aus den eigenen Reihen und hat das Vertrauen der sportlichen Führung. Er muss diese Saison noch nicht der nächste Leonardo Genoni sein. So viel Geduld haben die Berner. Aber nach dieser Saison darf es keine Zweifel mehr geben, dass er der nächste Leonardo Genoni werden kann.

Berns Torhueter Philip Wuethrich muss den Treffer zum 3-4 hinnehmen im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem HC Lugano, am Sonntag, 21. Maerz 2021, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Philip Wüthrich. Bild: keystone

Verteidigung: Besser als letzte Saison

156 Gegentreffer. Nur einmal seit dem Wiederaufstieg von 1986 hat der SCB noch mehr Tore kassiert als letzte Saison: In der turbulenten Spielzeit 2015/16 (162), die auf wundersame Weise doch meisterlich endete. Kehrt nun wieder defensive Stabilität ein? Ja. Unter dem neuen Trainer wird endlich wieder strukturiert verteidigt und wenn Philip Wüthrich die Erwartungen einigermassen erfüllt, wird der SCB weniger als 130 Gegentreffer zulassen Das Problem in der Abwehr ist sowieso nicht die Qualität. Sondern die Breite: Der SCB hat beim Saisonbeginn nur fünf Verteidiger, die bedenkenlos in jeder Situation aufs Eis geschickt werden können.

Sturm: Besser als letzte Saison

Erst zweimal seit der Rückkehr in die höchste Liga (1986) hat der SCB so wenig Tore erzielt wie letzte Saison (129). Aber in diesen offensiv mageren Jahren (2001/02 124 und 2013/14 126 Tore) ist die ungenügende Sturmleistung durch eine solide Defensive mit nur 111 bzw. 121 Gegentreffer kompensiert worden. Was letzte Saison nicht der Fall war. Um im Kampf um die Playoffs (6. Platz) konkurrenzfähig zu sein ist eine Steigerung um mindestens 30 Tore notwendig. Die ist möglich.

Berns Kaspars Daugavins beim ersten Eistraining des SC Bern, am Montag, 2. August 2021, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Kaspars Daugavins. Bild: keystone

Denn anders als vor einem Jahr stehen von allem Anfang an vier ausländische Stürmer zur Verfügung. Das Problem ist auch im Angriff nicht die Qualität, sondern die Breite. Zwei Linien sind gut genug, um ein Spiel gegen jeden Gegner zu entscheiden. Aber die dritte und vierte Linie sind es nicht an jedem Abend. Sage mir, ob die vier ausländischen Stürmer rocken, und ich sage dir, ob der SCB um die direkte Playoff-Qualifikation spielt.

Prognose

Der SCB war nach einer turbulenten Saison und einem Trainerwechsel nach wie vor dazu in der Lage, den HCD in den Pre-Playoffs zu bodigen und Zug in den Playoffs zu fordern. Dann wird doch wohl unter neuer sportlicher Führung, einem neuen Trainer und besseren Ausländern eine Steigerung möglich sein. Oder? Der SCB wird in der neuen Saison der SCB der Pre-Playoffs gegen Davos und der Playoffs gegen Zug und nicht der SCB der herbstlichen Wirren sein. Wir werden also wieder vermehrt den echten SCB sehen. Die Berner stehen zwar auf dünnem Eis (schmaler Kader), aber die Kerngruppe der Mannschaft ist intakt. Bleiben sie von Verletzungspech verschont, ist sogar ein zwischenzeitlicher Vorstoss in die Spitzengruppe möglich.

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