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Entaeuschte SCL Tigers Spieler nach der 7-3 Niederlage im Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SC Rapperswil-Jona Lakers und den SCL Tigers am Dienstag, 11. Februar 2020, in Rapperswil. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Hängende Köpfe bei Langnaus Spielern. Was bringt die Zukunft? Bild: KEYSTONE

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Die SCL Tigers sind die neuen Lakers – der schwierige Neubeginn in Zeiten der Krise

Kein Trainer, kein Sportchef und die bange Frage, ob Magnitogorsk bereit ist, für Harri Pesonen 400'000 Ablöse-Franken zu bezahlen. Die SCL Tigers fangen wieder ganz von vorne an. Das ist in den Monaten der Welt-Viruskrise noch schwieriger als in normalen Zeiten.



Protokoll eines dramatischen Niederganges und des Zerfalls einer intakten Mannschaft. Im Januar hängt der Himmel über Langnau noch voller Playoffgeigen. Am 18. Januar überrollen die SCL Tigers den Tabellenführer EV Zug mit 5:1 und stehen auf Rang 7. Seit dem Herbst 2018 haben sie sich in mehr als 80 Partien in den Playoffrängen behauptet.

Aber das Glück der Emmentaler steht auf dünnem Eis. Den erstaunlichen Erfolg verdanken sie im Wesentlichen (aber natürlich nicht nur) fünf Männern: dem eigenwilligen taktischen Hexenmeister Heinz Ehlers, den überragenden ausländischen Stürmern Harri Pesonen und Chris DiDomenico und dem Torhüter-Duo Ivars Punnenovs/Damiano Ciaccio. Sie machen eine Mannschaft konkurrenzfähig, die nominell zu den schwächsten der Liga gehört.

Tigers' Headcoach Heinz Ehlers, beim Eishockey-Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Davos und den SCL Tigers, am Freitag, 21. Februar 2020, im Eisstadion in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Weg: Trainer Heinz Ehlers. Bild: KEYSTONE

Schlüsselfiguren verlassen den Klub

Wer will, kann bereits Mitte Januar Knarren im Gebälk hören. Schon im Herbst hat Trainer Ehlers nachgefragt, ob es denn nicht möglich sei, Jörg Reber wieder zum Sportchef zu machen und Marco Bayer auf eine andere Position zu versetzen. Seine Bitte kann natürlich nicht erfüllt werden. Was seine Laune nicht bessert. Am Ende steht die Trennung. Heinz Ehlers hat um Auflösung seines noch ein Jahr laufenden Vertrages gebeten. Seinem Begehren ist entsprochen worden. Er ist nach Dänemark zurückgekehrt. Langnau hat keinen Trainer mehr.

Mitte November inszeniert Bayer einen Machtkampf mit DiDomenico und der Kanadier unterschreibt schon im Dezember für die kommende Saison bei Gottéron. Am 5. März muss der Kanadier sogar vorzeitig gehen.

Tigers Chris DiDomenico, jubelt nach dem 1:0, waehrend des Meisterschaftsspiels der National League, zwischen dem HC Fribourg-Gotteron und den SCL Tigers, am Sonntag, 5. Januar 2020, in der BCF Arena in Fribourg. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Weg: Chris DiDomenico. Bild: KEYSTONE

Punnenovs und Ciaccio bilden eines der besten Goalie-Duos der Liga. Ciaccio murrt leise, weil er diese Saison hinter dem überragenden Punnenovs kaum mehr zum Einsatz kommt – und schon ist der nächste Eklat da. Er darf trotz weiterlaufendem Vertrag auf nächste Saison nach Ambri wechseln und wird durch Gianluca Zaetta ersetzt. Der neue Goalie aus Zugs Farmteam hat noch nie in der höchsten Liga gespielt. Aber er ist billig.

Sportchef nicht mehr handlungsfähig

Am Ende der Qualifikation sind die Langnauer auf den zweitletzten Platz abgerutscht. Punktgleich mit Ambri. Nur der Abbruch der Saison rettet die SCL Tigers vor einem nervenaufreibenden Abstiegskampf mit ungewissem Ausgang.

Tigers Goalie, Damiano Ciaccio, waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League, zwischen den SCL Tigers und dem HC Genf-Servette, am Freitag 13. September 2019 im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE /Marcel Bieri)

Weg: Damiano Ciaccio. Bild: KEYSTONE

Inzwischen ist Sportchef Marco Bayer durch den Wechsel zum Verband (U20-Nationaltrainer) seiner intern längst beschlossenen Amtsenthebung zuvorgekommen. Noch ist Geschäftsführer Peter Müller dabei, mit Verbands-Sportdirektor Lars Weibel die Bedingungen für den vorzeitigen Wechsel (Bayers Vertrag läuft noch bis Ende Jahr) auszuhandeln. Aber unter diesen Bedingungen ist Langnaus Sportchef nicht mehr handlungsfähig. Er wird vorerst nicht ersetzt. Reber ist ja noch da (als Chef strategische Entwicklung Sport) und mit Martin Gerber, Alfred Bohren und Simon Schenk gibt es genügend Sportkompetenz in der Firma.

Erst wenn die Krise vorbei und Marco Bayer verabschiedet ist, wird ein neuer Sportchef eingestellt – und eigentlich sollte der neue Sportchef auch den neuen Trainer suchen.

Geht auch noch der Topskorer?

Kein Trainer, kein Sportchef, nur noch ein bewährter NL-Goalie – und wenn es dumm läuft, bald auch keinen einsatzfähigen Ausländer mehr. Erst einmal erinnert die «Berner Zeitung» daran, dass ja Topskorer Harri Pesonen eine Ausstiegsklausel für die KHL hat. Einen Tag später meldet lematin.ch bereits ein Angebot aus Magnitogorsk. Sein Agent Simo Niiranen bestätigt das Interesse, ohne Details zu verraten. Er sagt lediglich, seinem Klienten gefalle es sehr gut in Langnau.

Tigers Topscorer Harri Pesonen waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem EHC Biel, am Samstag 29. Februar 2020 im Ilfisstadion in Langnau. (PPR/Marcel Bieri)

Noch da: Harri Pesonen. Bild: PPR

Geht Harri Pesonen? Ja, aber nur wenn sein neuer Arbeitgeber 400'000 Franken bezahlt. Die KHL-Freigabe ist nämlich an diese Ablösesumme gekoppelt. Zahlt Magnitogorsk so viel? Das ist sehr fraglich. Transfers von ausländischen Spielern in Zeiten der Welt-Viruskrise sind riskant und die Geldverschwendungs-Bereitschaft der KHL-Klubs hat nachgelassen. Bereits im Dezember 2018 ist ein Transfer von Pesonen in die KHL (damals zu Omsk) am «Nein» von Langnau und am fehlenden Zahlungswillen gescheitert. 400'000 Franken sind eigentlich zu viel. Im Herbst 2018 hatte Omsk nur 264'000 Dollar an Zug überwiesen, um Victor Stalberg (jetzt bei Gottéron) während der Saison übernehmen zu können.

Harri Pesonen ist zur Zeit der einzige voll einsatzfähige ausländische Spieler mit einem Vertrag. Robbie Earl leidet nach wie vor an den Folgen einer Gehirnerschütterung. Die Gewährsleute melden, das gesundheitliche Risiko weiterer Einsätze sei fast nicht mehr zu verantworten. Es werde nach Möglichkeiten gesucht, den noch ein Jahr laufenden Vertrag vorzeitig aufzulösen. Der Amerikaner war sowieso ein Fehleinkauf (19 Punkte aus 35 Spielen) von Marco Bayer.

Tigers Sportchef Marco Bayer waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem EHC Biel, am Samstag 29. Februar 2020 im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE /Marcel Bieri)

Bald U20-Nationaltrainer: Marco Bayer. Bild: KEYSTONE

Ben Maxwell möchten die Langnauer eigentlich weiterbeschäftigen. Der Kanadier hat eine Offerte, ausgestellt vor der Welt-Viruskrise. Da die SCL Tigers inzwischen einen Personal-Einstellungsstopp verfügt haben, wird er weiterhin ohne Vertrag bleiben. Der finnische Stürmer Eero Elo ist in Langnau noch daran, eine Handverletzung auszukurieren. Er und auch der Kanadier Aaron Gagnon bekommen wegen des Personalstopps so oder so keine Verlängerungsofferte.

Finanziell läuft's – sportlich nicht

Marco Bayers Transfer-Bilanz ist beängstigend: Heinz Ehlers weg, Chris DiDomenico weg, Damiano Ciaccio weg, Verteidiger Claudio Cadonau weg (nach Zug). Torhüter Gianluca Zaetta und Stürmer Flavio Schmutz sind die einzigen Zuzüge.

Fribourgs Flavio Schmutz, Fribourgs Jonas Holos und Fribourgs Benjamin Chavaillaz, von links, jubeln nach dem Tor zum 1:2 beim Eishockeyspiel der National League zwischen dem EV Zug und Fribourg-Gotteron, am Freitag, 3. November 2017, in der Bossard Arena in Zug. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Kommt von Gottéron: Flavio Schmutz. Bild: KEYSTONE

Immerhin sind die SCL Tigers finanziell stabil. Sie haben unter der umsichtigen Führung von Präsident Peter Jakob und Geschäftsführer Peter Müller die Finanzen seit der Abstiegssaison (2012/13) im Griff und sind inzwischen neben dem SC Bern das einzige NL-Unternehmen, das ohne die Zuschüsse eines Mäzens schwarze Zahlen schreibt.

Es ist wie beim SC Bern: Das Unternehmen SCL Tigers ist durch und durch solid. Das Problem ist die sporttechnische Führung – die SCL Tigers sind die neuen Lakers. Sie haben inzwischen weniger sportliche Substanz als nach dem Wiederaufstieg von 2015. Sie fangen sportlich wieder ganz von vorne an. Wenn es nicht gelingt, mindestens drei überdurchschnittliche Ausländer zu verpflichten und einen Trainer zu finden, der die Nachwuchsspieler integriert und taktisch so gut ist wie sein Vorgänger, um aus dem limitierten Kader ein Maximum herauszuholen, ist der Sturz ans Tabellenende programmiert.

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