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Berns, Headcoach Kari Jalonen, waehrend dem ersten Playoff Halbfinalspiel der National League, zwischen dem SC Bern und dem EHC Biel, am Dienstag 26. Maerz 2019 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

SCB-Coach Kari Jalonen verwandelt ein wunderbares Spiel in taktische Arbeit. Bild: KEYSTONE

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Wenn der Trainer in Bern den Hockeygöttern das Würfelspiel erlaubt

Der SC Bern ersetzt das Spiel durch Taktik und verliert auf eigenem Eis 0:2. Biel braucht noch einen Sieg für den Final. Und SCB-Trainer Kari Jalonen steht eine Niederlage vor seiner grössten Schmach.



Eigentlich ist es einer dieser Standardsätze, die in den Playoffs dazu gehören wie das Glockengeläut zur Alpabfahrt. Biel steht zum ersten Mal in seiner Geschichte im Finale, wenn der SCB am Samstag besiegt wird. Mathieu Tschantré (35) sagt, nun müsse man alle Umstände ausblenden. Es gehe einfach darum, ein Spiel zu gewinnen.

Aber es ist keine Floskel. Biels Captain, der den langen Weg aus dem NLB-Mittelmass zur Schwelle des Finals gegangen ist, trifft genau den wunden Punkt: die Bieler können den SCB nur ein weiteres Mal besiegen, wenn sie cool bleiben und die historische Bedeutung dieser Partie ausblenden.

Biels Mathieu Tschantre jubelt nach seinem Tor (2-2), beim Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem EHC Biel und den SCL Tigers, am Freitag, 22. Februar 2019, in der Tissot Arena in Biel. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Der 35-jährige Mathieu Tschantré. Bild: KEYSTONE

Ein Sieg über den Titanen SCB für das Finale! Es wäre der letzte, grosse Schritt von einer guten zu einer grossen Mannschaft. Der grösste Erfolg der Klubgeschichte seit dem letzten Meistertitel von 1983. Mehr geht nicht. Biel hat dem maximalen negativen Druck zweimal im 7. Spiel einer Liga-Qualifikation auf eigenem Eis standgehalten. Nun ist es der maximale positive Druck.

Diese Ausgangslage hilft dem SCB und dem grossen Taktiker Kari Jalonen, der auf Berechnung, Ordnung und Disziplin setzt. Wenn der SCB mit seinem Schablonen- und Lego-Hockey eine Chance hat, dann in Biel gegen einen emotional aufgeputschten Gegner.

Was ist beim SCB am Donnerstag schon wieder schief gegangen? Wie kann es sein, dass eine Mannschaft, die mit Powerhockey jeden Gegner überrollen und besiegen kann, im bisher wichtigsten Spiel der Saison so passiv auftritt und so kläglich 0:2 verliert?

Als Advokat von Kari Jalonen können wir sagen: es war einfach Pech. Was kann der Trainer dafür, wenn im Powerplay der Puck dreimal von der Torumrandung zurückspringt? Die Hockeygötter haben gewürfelt.

Einspruch. Biel hat den ersten Pfostenschuss beim Stande von 0:0. Und wenn der reingeht, gibt es mit ziemlicher Sicherheit die drei SCB-Stangentreffer nicht mehr. Oder anders gesagt: der SCB ist selbst schuld, dass sich die Hockeygötter den Bielern zugewandt haben.

Siege haben viele Väter. In diesem Falle sind es zwei. Torhüter Jonas Hiller und eben SCB-Trainer Kari Jalonen.

Biels Goalie Jonas Hiller, rechts, stoppt ein schiesst von Berns Calle Andersson, links, im fuenften Eishockey Playoff-Halbfinalspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EHC Biel, am Donnerstag, 4. April 2019, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Jonas Hiller hält im fünften Spiel den Laden dicht. Bild: KEYSTONE

Mit dem wahrscheinlich besten Spiel seit seiner Rückkehr in die Schweiz im Sommer 2016 ermöglicht der ehemalige NHL-Titan Biel diesen grossen Sieg. Ein Merkmal grosser Torhüter ist es, wieder aufzustehen: die Niederlage am letzten Dienstag (2:5) hatte Jonas Hiller mit dem kuriosen ersten Gegentreffer eingeleitet und mitverschuldet. Jetzt hat er sich im Stil eines ganz, ganz grossen Torhüters revanchiert.

Berns Welttrainer Kari Jalonen ist der zweite Vater dieses Bieler Sieges. Er gehört zu jenen grossen Bandengenerälen, die dazu in der Lage sind, auf dieses unberechenbare Spiel Einfluss zu nehmen und ein System einzuüben. Die eine Mannschaft in eine «Hockey-Maschine» verwandeln, die unbeirrbar wie der Zamboni dem Sieg entgegenrollt.

An einem guten Abend ist der SCB eine unerbittliche Sieges-Maschine. Unter Kari Jalonen haben die Berner 2017 den Titel und inzwischen dreimal hintereinander die Qualifikation gewonnen. Wer den SCB-Trainer kritisiert, muss auch diese Erfolge erwähnen.

Aber Eishockey ist ein Spiel. Zu einem Spiel gehören Risikobereitschaft, Unberechenbarkeit, Kreativität, Emotionen und ein bisschen taktischer Ungehorsam.

Spieler von SC Bern reagiert nach der Niederlage (0-2), im fuenften Eishockey Playoff-Halbfinalspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EHC Biel, am Donnerstag, 4. April 2019, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Die SCB-Spieler mit hängenden Köpfen. Bild: KEYSTONE

Bei diesem 0:2 ist das Spielfeld wieder einmal mit einem Maschinenraum verwechselt worden. Zu wenig Bewegung und zu viel Passivität. Aber Passivität passt zu einem grossen Hockey-Team wie löchrige, wollige Kniestrümpfe zu einem sexy Model. In Normalfall der Qualifikation reicht es dem SCB auch in wolligen Kniestrümpfen zum Sieg. Zu einem 2:1 gegen die Miserablen aus Rapperswil-Jona.

Aber je weiter die Playoffs fortschreiten, desto seltener wird dieser Normalfall. Jonas Hiller war am Donnerstag kein normaler Torhüter und damit war diese Partie keine normale mehr. Wer das Risiko scheut und auf Spielkontrolle, Spielverwaltung, Spielverlangsamung setzt, erzielt selbst gegen einen durchschnittlichen Goalie selten mehr als drei Treffer, gegen einen guten vielleicht zwei und gegen einen grossen keinen. Wer den aus mehreren hundert NHL-Schlachten gestählten Jonas Hiller erschüttern will, darf nicht passiv sein. Dieses donnerstägliche 0:2 ist eine Strafe der Hockey-Götter für die Verwandlung eines wunderbaren Spiels in taktische Arbeit.

Dem Publikum missfällt diese Art von Eishockey immer mehr. Unter Kari Jalonen hat der SCB sechs der letzten neun Playoff-Heimpartien verloren. Europas grösste Arena war am Donnerstag nicht ausverkauft. Nie mehr seit dem ersten Halbfinalspiel gegen den HC Davos am 17. März 2015 unter dem unseligen defensiven Defensivcoach Guy Boucher sind so wenig Frauen, Männer und Kinder herbeigeeilt, um einem SCB-Halbfinalheimspiel beizuwohnen.

Das hat den meisten der Fans nicht gefallen: Das Bieler 1:0 durch Earl.

Ein Zuschauerrückgang ist für SCB-General und -Mitbesitzer Marc Lüthi schlimmer als Niederlagen. Unvergessen bleibt, wie er Larry Huras im Oktober 2011 ohne jede sportliche Not wegen langweiliger und defensiver Spielweise gefeuert hat (das war tatsächlich die offizielle Begründung). Obwohl der Kanadier mit dem SCB 2010 den Titel geholt hatte. Kari Jalonen mutet dem Publikum inzwischen schlimmeres Hockey zu als damals Larry Huras.

SCB Headcoach Larry Huras, rechts, kuesst neben Stuermer Brett McLean den Pokal des Schweizer Meisters, nachdem der SCB das 7. Eishockey Playoff Finalspiel der National League A zwischen dem SC Bern und dem Geneve-Servette HC gewinnen konnte, am Samstag, 24. April 2010, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Larry Huras holte 2010 mit dem SC Bern den Titel – das reichte aber nicht. Bild: KEYSTONE

In einer normalen Serie können wir nach einem Spiel, wenn wir wissen, wie alles geendet hat, so tun, als sei gar kein anderes Resultat möglich gewesen. Als sei alles logisch und folgerichtig und mit wichtiger Miene erklären, wie es nun weitergehen wird.

Aber dieses Halbfinale ist eben längst keine normale Serie mehr. Ein besonderes Merkmal ist die Unberechenbarkeit. Es gibt keinen erkennbaren Weg vor uns, sondern nur einen hinter uns. Inzwischen würfeln die Hockeygöttern bei jedem Spiel. Bei allen fünf Partien war jeder Ausgang möglich.

Ein grosser, meisterlicher, wahrer SCB ist in Zeiten der Playoffs nicht nur taktisch wohlgeordnet. Die Berner treten in diesen Zeiten immer auch dominant und einschüchternd auf. Sie sind böse. Ein grosser, meisterlicher, wahrer SCB hätte es den Bielern nicht erlaubt, immer wieder aufzustehen, davonzulaufen und dreimal zu gewinnen. Sie hätten die Gangart bestimmt. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft dominiert und das Eishockey hätte sich nicht in ein Würfelspiel mit ungewissem Ausgang verwandelt.

Den Hockeygöttern dieses Würfelspiel durch Passivität zu erlauben ist die unverzeihliche Hockey-Kardinalsünde von Kari Jalonen.

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