Biels unbegründeter «Bier-Pessimismus» und Langnau muss sein Februar-Rätsel lösen
Der «Bier-Pessimismus» erweist sich als falsch. Eine langjährige Biel-Anhängerin kreuzt vor dem Spiel gegen die SCL Tigers mit acht leeren Kunststoff-Bierbechern auf. Da sie einen völlig nüchternen Eindruck macht, ist die Frage berechtigt: Warum um alles in der Welt schon vor dem Spiel acht leere Bierbecher? Ihre Antwort: Sie habe im Haushalt alle Bierbecher zusammengesucht und wolle die nun im Stadion zurückgeben, um das Depot zu kassieren.
Hätte Biel nach 60 Minuten gegen Langnau verloren, wäre es in der Tat die letzte Partie der Saison gewesen.
Inzwischen wissen wir: Dieser «Bier-Pessimismus» war unbegründet. Biel gewinnt 5:1 und darf im Play-In den SCB herausfordern. Die «Rolex-Variante» ist, wie vom Chronisten befürchtet, wahr geworden: Biel aus der Uhrenstadt und der reiche SCB im Play-In. Langnau nicht im Play-In.
Ganz ohne Zittern ging es allerdings nicht: Biel dominiert das erste Drittel mit 12:2 Torschüssen – und Langnau führt mit dem ersten Torschuss 1:0. Der Führungstreffer zum 2:1 gelingt erst in der 26. Minute. Kein Problem: Die Wahrheit steht immer oben auf dem Videowürfel. Biel gewinnt 5:1. Erneut ist Langnaus Goalie (Luca Boltshauser) nicht dazu in der Lage, den Sieg zu stehlen.
Eine Niederlage (1:5) und ein knappes Scheitern auf der Zielgerade führt zu einem Kuriosum in der Geschichte der SCL Tigers. Sie stecken in einer tiefen Krise und keiner merkt es. Stell dir vor: Krise in Langnau und niemand polemisiert. Das ist so, weil es zwei völlig gegensätzliche und doch fachlich richtige Analysen gibt. Eine optimistische und eine pessimistische Analyse.
Der Optimist sagt: Die SCL Tigers verpassen mit einem 1:5 in Biel das Saisonziel (10. Rang) erst im zweitletzten Spiel. Obwohl sie mit Stéphane Charlin den besten Torhüter der letzten Saison verloren und ihn mit Robin Meyer durch einen Goalie aus der Swiss League ersetzt haben. Es hat diese Saison nie Diskussionen um den Trainer gegeben und Ausländerwechsel aufgrund ungenügender Leistungen waren nicht erforderlich.
Die positive Entwicklung ist im vierten Jahr unter Thierry Paterlinie alles in allem eindrücklich bestätigt worden: In seinem ersten Amtsjahr hat er die SCL Tigers im Playout gegen Ajoie gerettet und seither ist immer mindestens Rang 11 erreicht worden – im vergangenen Frühjahr kamen die Langnauer sogar in den Viertelfinal. Kritiker vergessen, dass es in der neueren Geschichte noch nie eine so lange nahezu sorgenfreie Periode ohne jede Unruhe rund um die Trainerposition und die Ausländer gegeben hat. Zuletzt 9 von 10 Spielen verloren? Egal. Ist nur Statistik. Alles richtig gemacht.
Der Pessimist hingegen warnt. Langnau startet vielversprechend ins neue Jahr, gewinnt nach der Weihnachtspause vier von sieben Spielen, drei davon zu null (4:0 Biel, 3:0 Ambri, 3:0 Servette) und bodigt auch Leader Davos (3:1). Das Play-In ist näher als der Meistertitel für den FC Thun im Fussball. Stéphane Charlin ist vergessen. Robin Meyer und Luca Boltshauser bilden eines der besten Goalie-Duos der Liga.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Doch nach dem 3:0 gegen Servette am 16. Januar gehen die Lichter aus: Langnau hat seither 9 von 10 Spielen verloren und alle 5 seit der Olympiapause. Seit dem 16. Januar funktioniert nichts mehr richtig: Powerplay ungenügend, Boxplay ungenügend, beide Torhüter ungenügend, Chancenauswertung ungenügend, Zweikampfverhalten ungenügend, Disziplin ungenügend. Trotzdem fällt die Mannschaft nie auseinander.
Es ist eine der rätselhaftesten Krisen der Neuzeit. Sportchef Pascal Müller sagt nach dem 1:5 in Biel:
Einfach Pech? Nein, ein Alarmzeichen: Es geht in jeder Partie um das Resultat und wer nicht mehr dazu in der Lage ist, Resultathockey zu spielen und 9 von 10 Partien verliert, hat mindestens zwei Probleme. Ein Trainer-Problem und ein Goalie-Problem.
Wer hat recht? Der Optimist oder der Pessimist? Fachlich sind beide Analysen fundiert. Aber der Pessimist ist auch ein Realist. Nur findet er noch kein Gehör. Die optimistische Analyse hat nach dem doch so knappen Scheitern eine viel stärkere Strahlkraft. Trösten und auf die Schultern klopfen ist angesagt. Aber wenn es im Herbst so weitergeht, werden die SCL Tigers erstmals seit der Amtsübernahme von Pascal Müller und Thierry Paterlini (2023) in Turbulenzen geraten.
9 Niederlagen in 10 Partien werden im Oktober oder November zu einem Absturz ans Tabellenende hinter Ajoie und einer Destabilisierung von Thierry Paterlini führen. Zumal sein Vertrag am Ende der nächsten Saison im Frühjahr 2027 ausläuft.
So oder so beginnen in Langnau bereits im Sommer Trainerdiskussionen. Die Lage ist delikater als die Emmentaler jetzt ahnen: Schon ein leicht missglückter Saisonstart (beispielsweise 2 Niederlagen in den ersten 3 Partien) werden die Erinnerungen an die 9 Pleiten in den letzten 10 Spielen und die schlafenden Dämonen der Polemik wieder zum Leben erwecken.
Pascal Müller und Thierry Paterlini stehen vor der grössten Herausforderung: Sie müssen die Ursachen für den rätselhaften Zusammenbruch in den letzten Wochen herausfinden und dieses «Februar-Rätsel» lösen.
