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Erstmals in diesem Playoff-Final muss Rikard Grönborg eine Niederlag einstecken.
Erstmals in diesem Playoff-Final muss Rikard Grönborg eine Niederlag einstecken.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

ZSC-Trainer Rikard Grönborg darf diesen Final nicht mehr verlieren

Die Zuger blickten nicht in den Abgrund. Deshalb haben sie gegen die ZSC Lions zum ersten Mal in diesem Final gewonnen (4:1) und eine Meisterfeier im Hallenstadion verhindert. Die Zürcher haben durch das Tor des meisterlichen Himmels geschaut. Deshalb haben sie verloren. Nun kommt in diesem Final ein neues Element des Dramas hinzu.
26.04.2022, 06:3726.04.2022, 12:26

Es gibt ein Wort für das Würfelspiel der Hockey-Götter: «Bounces». Zugs Trainer Dan Tangnes hat es im Laufe dieses Finals oft verwendet. Um das aus seiner Sicht eigentlich Unerklärliche zu erklären. Dass nämlich seine Zuger dreimal hintereinander verloren haben. Obwohl sie doch fast gleich gut und phasenweise sogar besser waren. Obwohl sie dreimal 1:0 geführt hatten und daraus nichts machen konnten. Obwohl sie genügend Chancen, Pfosten- und Lattenschüsse gehabt hatten, um mit dem Beistand der Hockey-Götter dreimal zu gewinnen.

Auch in diesem vierten Final treffen die Zuger wieder die Torumrandung. Früh beim Stande von 0:0 und im letzten Drittel beim Stande von 2:1. Aber sie werden gewinnen und diesen vergebenen Möglichkeiten nicht nachtrauern.

«Bounces» ist ein Wort aus der nordamerikanischen Hockeysprache und lässt sich nicht wörtlich übersetzen. Das Wort will sagen, dass der Puck springt, abprallt und abgelenkt wird. Mal in diese, mal in die andere Richtung. Unverhofft, unvermutet, unerwartet, unversehens, überraschend. «Bounces» steht eigentlich für alle möglichen Varianten des Hockey-Glückes und die Unabwägbarkeiten eines unberechenbaren Spieles auf rutschiger Unterlage. Es ist das Würfelspiel der Hockey-Götter.

Die Tore des Spiels.Video: YouTube/MySports

Normalerweise ist dieses Glück ungefähr gleichmässig verteilt. Mal fallen die Würfel für diese, mal für die andere Mannschaft. In den ersten drei Finalpartien sind die Würfel jedes Mal für die Zürcher gefallen. Natürlich nicht unverdient. Torhüter Jakub Kovar war noch besser als Leonardo Genoni. Sven Andrighetto und Denis Malgin waren die dominanten offensiven Einzelspieler und bissiger als Zugs Grégory Hofmann.

Nun ist der Puck zum ersten Mal für die Zuger gesprungen. Dazu passt, dass das bereits vorentscheidende 2:1, das Verteidiger Christian Djoos zugeschrieben wird, ein Eigentor von ZSC-Captain Patrick Geering war: Er lenkte den Puck unhaltbar für Jakub Kovar ins eigene Netz ab. Eine Szene, für die das Wort «Bounces» erfunden worden ist.

Zugs Trainer Dan Tangnes weist auf einen feinen Unterschied hin, der in diesem Match eine entscheidende Rolle spielt: «Wir haben nicht gehofft, dass die «Bounces» zu unseren Gunsten ausfallen. Wir wussten, dass wir gut genug sind, um dieses Spiel so oder so zu gewinnen.» Keiner habe am Tag nach der dritten Niederlage den Kopf hängen lassen. Es sei keine Motivationsrede nötig gewesen. «Wir haben unsere tägliche Routine und Gewohnheiten nicht geändert. Wir wussten, dass wir gewinnen, wenn wir so weitermachen wie bisher.»

Die Macht, die positive Kraft der Gewohnheiten einer Mannschaft, die seit sieben Jahren mehr Spiele gewinnt als verliert. Siegen ist auch eine Gewohnheit. Zugs Trainer hat lediglich die Sturmreihen ein wenig umgestellt. Zum ersten Mal stürmt Grégory Hofmann nicht mehr neben Topskorer Jan Kovar. Sein Center heisst nun Marco Müller.

Grégory Hofmann stürmte neu an der Seite von Marco Müller.
Grégory Hofmann stürmte neu an der Seite von Marco Müller.Bild: keystone

Die Zuger blickten trotz drei Niederlagen hintereinander nach vorne. Sie schauten nicht nach unten in den Abgrund des drohenden Titelverlustes und Saisonendes. Deshalb sind sie nicht abgestürzt.

So wie in den drei ersten Partien bereits ein Sieg der Zuger, so wäre natürlich in diesem vierten Spiel auch ein Sieg für die ZSC Lions möglich gewesen. Aber der Schwung nach dem 1:0 – zum ersten Mal erzielt der ZSC in diesem Final den ersten Treffer! – geht zu rasch verloren. Weil die Psychologie nun eine Rolle spielt. 1:0 in der vierten Partie! Unser Titan Denis Malgin hat schon wieder getroffen! Leonardo Genoni hat erneut einen Treffer zugelassen, der nicht ganz unhaltbar scheint. Jetzt haben wir die Zuger! Der Sieg wird den Titel bringen! Das Hallenstadion bebt! Der meisterliche Traum wird Wirklichkeit! Der Triumph ist so nahe! Zum ersten Mal öffnet sich das Tor zum meisterlichen Himmel. Die Zürcher schauen hinein und werden geblendet.

Zum ersten Mal in diesem Final sind die Zürcher nicht rauer, wilder, zäher und bissiger. Zum ersten Mal haben sie nicht die grösseren Energiereserven und nicht mehr die Kraft, um im Schlussdrittel zuzulegen. Zum ersten Mal geht das Schlussdrittel verloren. Zum ersten Mal haben die Zuger mehr Energie und Kraft. Zum ersten Mal werden Denis Malgin und Sven Andrighetto mit einer Minus-Bilanz (-1) vom Eis gehen.

Ab der frühen Führung (1:0/5. Min.) haben die ZSC Lions also sehr viel zu verlieren – und die Zuger rein gar nichts mehr. Dieser feine Unterschied wirkt sich auf dem Eis aus. Erst recht bei so guten Mannschaften, die beides können: Eher taktisch spielen (wenn in Führung) und offensiv sausen und brausen, wenn es gilt, einen Rückstand aufzuholen.

Der Meister dominiert nach dem 0:1-Rückstand wie noch nie in diesem Final. Am Ende werden die Statistiker 39:21 Torschüsse für die Zuger notieren. Es ist die Flucht nach vorne, um dem drohenden Saisonende davonzulaufen. Aber keine unkontrollierte. Die grosse «Hockey-Maschine» Zug funktioniert im Vorwärtsgang perfekt. Die Balance zwischen Offensive und Defensive bleibt gewahrt. Leonardo Genoni lässt sich nicht mehr bezwingen und weist zum ersten Mal in diesem Final die bessere Fangquote auf als Jakub Kovar.

Die Frage, die im Schlussdrittel beantwortet werden muss: Gelingt es dem Titelverteidiger, den Vorsprung (2:1) ins Ziel zu bringen? Oder fallen die Würfel zum vierten Mal für die Zürcher, die in den drei dritten Dritteln der ersten drei Partien ein Torverhältnis von 6:0 erreicht haben?

Der Optimismus von Dan Tangnes wurde belohnt.
Der Optimismus von Dan Tangnes wurde belohnt.Bild: keystone

Die Zuger retten den Vorsprung mit bemerkenswerter Gelassenheit und erstaunlicher Dominanz durchs letzte Drittel. Sie geraten nie in Gefahr und erzielen den siegsichernden dritten Treffer plus einen ins leere, von Jakub Kovar verlassene Gehäuse. Die Zürcher hatten alle drei Schlussdrittel der drei ersten Partien gewonnen (3:0/1:0/2:0) und auch nach Torschüssen dominiert (16:7, 11:7 und 9:7). Nun verlieren sie erstmals den letzte Spielabschnitt (0:2) bei ausgeglichenem Torschussverhältnis (10:10).

Das alles ist aus neutraler Sicht überaus erfreulich. Denn so geht der vielleicht beste, intensivste Final der Schweizer Hockeygeschichte weiter. Es wäre ein Kuriosum der besonderen Art gewesen, wenn ein so hochstehender Final zwischen zwei praktisch gleichwertigen Mannschaften mit einem 4:0 geendet hätte.

Zugs Trainer Dan Tangnes hatte nach der dritten Niederlage in Zug gesagt, nun habe seine Mannschaft die Chance, etwas Einmaliges zu vollbringen: Erstmals einen Final nach einem 0:3-Rückstand zu gewinnen. Das sei das Licht am Ende des Tunnels.

Nun ist dieses Licht ein wenig heller geworden. Fortsetzung am Mittwoch in Zug. Unter den gleichen Voraussetzungen: Mit einem Sieg sind die ZSC Lions Meister. Die Zuger benötigen drei Siege zur Titelverteidigung.

Da ist noch etwas: ZSC-Trainer Rikard Grönborg darf diesen Final nicht mehr verlieren. Noch strahlen und wirken Lob und Preis und Ruhm und Ehre aus seinen zwei WM-Titeln mit Schweden (2017, 2018).

Letzte Saison im Halbfinal gegen Servette gescheitert? Vergeben und vergessen, wenn er jetzt Schweizer Meister wird. Den Cupfinal 2021 im Hallenstadion kläglich gegen den SCB verloren? Interessiert niemanden mehr, wenn sich die ZSC Lions als Champions aus dem Hallenstadion verabschieden. Selbst eine gewöhnliche, normale Finalniederlage wäre dem Schweden verziehen worden.

Sinkt Rikard Grönborg wie einst die Vasa in Stockholm?
Sinkt Rikard Grönborg wie einst die Vasa in Stockholm?Bild: shutterstock

Aber den Final nach einer 3:0-Führung noch verlieren? Es wäre die ultimative Schmach für den ZSC-Trainer. Rikard Grönborg würde den Schwefelgeruch des Verlierers nicht mehr aus Kleidern und Bart bringen. Der erste Trainer der Schweizer Hockey-Geschichte, der im Final eine 3:0-Führung vergeigt. Ein Untergang der ZSC Lions in diesem Final würde in Schwedens Hockeykreisen wohl ähnlich dramatisch bewertet wie seinerzeit der Untergang der Vasa von König Gustav Adolfs Hofchronisten. Sie war eines der grössten und am stärksten bewaffneten Kriegsschiffe des 17. Jahrhunderts und sank wegen Konstruktionsmängeln schon bei der Jungfernfahrt nach etwas mehr als einem Kilometer im Hafen von Stockholm.

Der Final hat ein zusätzliches Element des Dramas bekommen.

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42 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Loeffel
26.04.2022 07:59registriert Oktober 2016
„Bounces“ unübersetzbar? 🧐

Wie wärs mit altdeutsch „Abpraller“?
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maylander
26.04.2022 07:11registriert September 2018
Der Geist des Hallenstadions hat einfach noch nicht genug und ein noch ein Hockeymatch mehr sehen.
356
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Matlokk
26.04.2022 08:22registriert März 2014
Der Legende nach befahl König Gustav II den Konstrukteuren, auf dem obersten Deck schwerere Kanonen zu installieren, um die Feuerkraft eines gleichwertigen dänischen Schiffs zu überstrahlen. Die Schiffsbauer hatten erhebliche Zweifel über die Stabilität des Schiffes, konnten ihrem König aber nicht widersprechen. Dadurch wurde dar der Schwerpunkt des Schiffs zu hoch und es kenterte auf seiner Jungfernfahrt bei der ersten Böe und sank im Hafen von Stockholm.
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