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Joël Genazzi im roten Trikot von Lausanne.
Joël Genazzi im roten Trikot von Lausanne.
Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Bei Lausanne ist alles anders – und der SCB ist an Joël Genazzi interessiert

Kein anderes Team hat je ohne Not so abgerüstet wie Lausanne: nach Joel Vermin und Robin Grossmann ist nun mit Joël Genazzi schon wieder ein WM-Silberheld auf dem Markt. Lausanne als FC Sion des Eishockeys.
06.10.2021, 02:08

SCB-Untersportchef Andrew Ebbett hat bereits in der Sache telefoniert. «Wir haben uns bei Lausanne gemeldet. Wir sind an Joël Genazzi interessiert. Er würde sehr gut in unsere Verteidigung passen. Aber wir haben noch keine Antwort erhalten. Wir wissen also nicht, ob er von Lausanne tatsächlich freigegeben wird. Auch wissen wir nicht, was die finanziellen Forderungen im Falle eines Transfers wären.»

Diese Ungewissheit kommt nicht ganz überraschend: schon im Sommer 2020 gab es ein wochenlanges Theater bis Joël Vermin (29) schliesslich aus einem laufenden Vertrag nach Genf transferiert worden ist. Ab nächster Saison wird er für den SCB stürmen.

Zuletzt hat Lausanne auch noch Robin Grossmann (34) aus einem gültigen Vertrag mit 80'000 Franken abgefunden und ihn für Biel freigegeben. Geht nun auch noch Joël Genazzi (33), dann hat gleich drei hochkarätige Nationalspieler und WM-Silberhelden freiwillig ausgemustert.

Lausanne ist der FC Sion des Eishockeys

Beim HC Lausanne ist eben fast alles anders. Dieses Hockey-Unternehmen kann nicht mit den in der Deutschschweiz oder im Tessin üblichen Denkansätzen analysiert werden. Als einziger Klub wird Lausanne von Geldgebern ausländischer Herkunft kontrolliert. Lausanne gibt genug Geld aus, um die Liga zu dominieren.

Ob und in welcher Form dieses Geld vorhanden ist, wissen wir hingegen nicht und spielt, anders als in der wertkonservativen übrigen helvetischen Hockeywelt auch gar keine Rolle.

Eigentlich ist Lausanne der FC Sion des Eishockeys. Aber ohne Titel. Sion war schon mehrmals Meister und Cup-Sieger. Lausanne hat bis heute weder Titel noch Cup gewonnen. Aber die Parallelen sind erstaunlich.

In Sion regiert Präsident Christian Constantin absolutistisch wie ein Bienenkönig: in seinem Reich herrscht ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenhaus bei schönem Honigwetter. In Lausanne regiert General Manager Petr Svoboda absolutistisch wie ein Bienenkönig: in seinem Reich herrscht ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenhaus.

Aber anders als bei einem richtigen Bienenvolk gibt es beim emsigen Treiben weder in Sion noch in Lausanne eine höhere innere Logik. Trainer und Spieler werden nach Tageslust und Laune geheuert und gefeuert und der oberste Chef mischt sich in Sion und Lausanne laufend ins sportliche Tagesgeschäft ein. Christian Constantin war sogar schon Trainer. Petr Svoboda bisher noch nicht.

In den letzten 10 Jahren standen in Sion mehr als 30 verschiedene Trainer an der Seitenlinie. In Lausanne stehen aktuell immerhin drei Trainer auf der Lohnliste: die geschassten Ville Peltonen und Craig MacTavish versuchen auf dem Rechtsweg, an ihr Geld zu kommen und niemand mag Geld in eine Wette investieren, ob der aktuelle Cheftrainer John Fust am Saisonende noch an der Bande stehen wird. Bleibt Petr Svoboda so lange an der Macht wie Christian Constantin (insgesamt schon mehr als 20 Jahre Sion-Präsident) bringt er es auch auf über 30 Trainer.

Unter solchen Umständen ist das Einüben einer meisterlichen Taktik nach dem Vorbild des grossen Kari Jalonen unmöglich. Aber im Hockey sind taktische Disziplin und Ordnung noch wichtiger als im Fussball. Schliesslich wird im Laufe eines jeden Spiels die gesamte Mannschaft mindestens 30mal ausgewechselt, meistens sogar fliegend. Nur ein Trainer mit absoluter Autorität – ein «Bandengeneral» - kann im Hockey erfolgreich sein. Wenn sich der Manager oder der Teambesitzer ständig ins Tagesgeschäft einmischt wie Petr Svoboda in Lausanne oder Christian Constantin in Sion, dann ist ein Titelgewinn eigentlich unmöglich.

Aber Achtung: im Hockey geschehen noch mehr Zeichen und Wunder als im Fussball. Eine Meisterschaft wird im «Spurt» der Playoffs entschieden. Die Spieler können für eine kurze Zeit in ungeahnten Höhen fliegen. Der SC Bern hat 2016 den Titel vom 8. Platz aus erobert, die ZSC Lions holten ihre bisher letzte Meisterschaft 2018 vom 7. Rang aus.

Wenn, wie in Lausanne eigentlich nicht viel zusammenpasst, aber alles vorhanden ist, was es zum Titelgewinn braucht – Geld, Infrastruktur, Publikum, Talent – dann kann jederzeit im Frühjahr für ein paar Wochen ein meisterlicher Vulkan ausbrechen. Dann spielt es keine Rolle mehr, wie hoch die Schulden, wie gross das Chaos auf der Führungsebene, wie konzeptlos die Transferpolitik ist.

Ja, aus Chaos kann Energie und Dynamik werden. Dann entscheidet nur noch, was in der Kabine passiert – und wenn die Welt darum herum untergeht. Dann kann sogar Lausanne Meister werden, unabhängig davon, was im Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember, Januar und Februar passiert ist. Dann kann Lausanne Meister werden.

Mit oder ohne Joël Genazzi. Mit oder ohne John Fust.

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Höchste Zeit, dass auch sie sich wandeln upgraden und ihre HC, SC und EV durch zeitgemässe Namen ersetzen!

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