«… aus der Tiefe des Raumes kommt Roman Josi»
Im Herbst 1997 wird Ralph Krueger Nationaltrainer und rasch ist die Schweiz erstmals seit den 1950er Jahren international wieder respektiert. Aber noch nicht gefürchtet. Es fehlt an Tempo, Talent und NHL-Titanen. Also führt er den Calvinismus im Hockey ein und erfindet das Spiel mit Schablone, um fehlendes Talent zu kompensieren. Der Calvinismus steht hier sinnbildlich für eine strenge, disziplinierte und pflichtbewusste Spielweise, bei der harte Arbeit, Ordnung und Selbstkontrolle wichtiger sind als blosses Talent oder Genialität. Die ultradefensive Stabilität erlaubt erste sensationelle Resultate. Der erste Sieg über Russland bei einem Titelturnier (1998) oder der Triumph über die kanadischen NHL-Profis in Turin (2006). Aber ein Titelanwärter ist die Schweiz noch nicht.
Die Partien der Schweizer galten jahrelang als die langweiligsten eines WM-Turniers. Zu viel defensive Stabilität, zu wenig Spektakel. Damals waren erst Torhüter (Martin Gerber, David Aebischer, Jonas Hiller) sowie ein Verteidiger (Mark Streit) NHL-Profis. Also defensive Titanen. Erst seit 2012 kommen auch helvetische Stürmer in der NHL zum Zug. Mehr offensives Talent bedeutet mehr spielerische Möglichkeiten und ermöglicht Nationaltrainer Patrick Fischer ab Herbst 2015 die offensive Öffnung.
Das Gegenstück zum Schablonen-Hockey unter Ralph Krueger ist Hockey ohne Schablone und ohne fixe Rollenverteilung: Die Nordamerikaner nennen es «Positionless Hockey». Der Trend zu diesem „totalen Hockey“ setzt sich auch in der NHL mehr und mehr durch und wird im internationalen Hockey von den Schweizern perfektioniert. Oder eben dionysisches, statt calvinistischen Hockeys: Der Ausdruck «dionysisch» geht auf den griechischen Gott Dionysos zurück – den Gott des Weins, der Ekstase, des Rausches, der Kunst und – auf die Moderne übertragen – des entfesselten Hockeys.
«Positionless Hockey» – oder eben «dionysisches Hockey» – beschreibt eine Spielweise, bei der die klassischen festen Positionen – Verteidiger, Center oder Flügel – flexibler interpretiert werden. Statt dass jeder Spieler nur seine traditionelle Aufgabe erfüllt, bewegen sich alle dynamisch über das ganze Eisfeld und übernehmen situativ unterschiedliche Rollen. Ein Verteidiger ist auf einmal der vorderste Mann und ein Stürmer sichert zuhinterst ab. Verteidiger als Spielmacher, Flügel als defensive Arbeiter, Center als Raumdeuter. So entwickelt sich ein schnelleres, kreativeres und schwerer berechenbares Spiel.
«Positionless Hockey» erfordert hohe Spielintelligenz, gute Kommunikation und viel Talent. So werden offene Räume erkannt und genützt und Überzahlsituationen in der gegnerischen Zone kreiert. Hockey der Intelligenz, der Improvisation, der Eleganz und des Spektakels.
Patrick Fischer ist in drei Finals (2018, 2024, 2025) die Krönung (WM-Titel) noch nicht gelungen. Sein Nachfolger Jan Cadieux setzt ebenfalls auf Hockey ohne Schablone und hat nun sieben Spiele hintereinander gewonnen: 6:1 in der letzten Partie vor der WM gegen Tschechien und bei der WM gegen die USA (3:1), Lettland (4:2), Deutschland (6:1), Österreich (9:0), die Briten (4:1) und zuletzt gegen Ungarn (9:0). Dabei ist zeitweise – wie etwa in der entscheidenden Phase gegen Deutschland, Österreich und Ungarn – geradezu magisches, perfektes «Positionless Hockey» gespielt worden.
Die Symbolfigur dieser spielerischen Freiheit ist Roman Josi. Er war schon 2013 und 2024 bei der WM im All-Star-Team und als bester Verteidiger des Turniers ausgezeichnet worden. Aber noch nie hatte er so viele formstarke und talentierte Mitstreiter und noch nie war sein Spiel im Nationalteam so komplett (bei dieser WM bisher 6 Spiele/4 Tore/4 Assists).
Die treffendste Beschreibung stammt aus der Fussball-Literatur: «… und aus der Tiefe des Raumes kommt Netzer». Dieser berühmte Satz wird dem ARD-Kommentator Ernst Huberty zugeschrieben, ist längst in die Literatur eingegangen und wird von Essayisten, Kolumnisten und Chronisten immer wieder aufgegriffen. Er scheint wie für Roman Josi erfunden.
Günter Netzer war zwar kein Verteidiger. Sondern Mittelfeld-Stratege. Aber der Spruch bringt seine Spielweise auf den Punkt: Elegant, überraschend, kreativ, aus dem Hintergrund kommend und spielentscheidend. Akkurat wie Roman Josi, der «Günter Netzer des Hockeys». Seine Kunst besteht darin, die Ordnung des Gegners nicht mit Wucht, Wasserverdrängung und Kraft frontal zu zerstören, was im Hockey möglich ist. Sondern sie mit Eleganz und Intelligenz aufzulösen.
Doch jedes noch so schöne Spiel muss sich in der Praxis bewähren. Das mussten schon die Brasilianer bei der WM 1982 erfahren. Sie hatten um Socrates herum das spielerisch vielleicht beste Team der Geschichte aufgebaut und scheiterten am gnadenlosen Realismus der Italiener.
Gelingt Jan Cadieux die Krönung mit einem Finalsieg am nächsten Sonntag? Der erste, aussagekräftige Test ist das letzte Gruppenspiel am Dienstag gegen Finnland. Noch spielt eine Niederlage keine grosse Rolle. Der Viertelfinal auf Rang 1 oder 2 ist so oder so gesichert. Aber die Finnen – und nicht mehr die Schweden – sind inzwischen die smartesten Defensivkünstler. Sie haben bisher bei dieser WM mit sieben Gegentoren neben den Schweizern (fünf Gegentreffer) am wenigsten Tore kassiert.
Die Partie gegen Finnland wird der erste echte Test für Jan Cadieux und sein Hockey ohne Schablone. Zum ersten Mal wird in Zürich die Frage beantwortet, ob sich die spielerische Freiheit der Schweizer auch durchsetzen kann, wenn die Räume nicht mehr offenstehen. Die Schweiz gegen Finnland ist mehr als nur ein Gruppenspiel.
