Deutschland in der Krise – Schadenfreude? Nein, eine Warnung
Zürich ist für die Deutschen kein Kraftort: 1998 stiegen sie hier bei der WM ab. Und nun droht ihnen ausgerechnet in Zürich mit dem zweiten verpassten Viertelfinal in Serie der nächste sportliche Offenbarungseid. Die Krise begann mit einem blamablen 1:6 gegen die Schweiz.
Wir vergleichen uns im Hockey seit Anbeginn der Zeiten mit Deutschland. Zu Recht. Die Strukturen sind sehr ähnlich: Die Schweiz hat etwas mehr als 16'000 Junioren, Deutschland nicht ganz 16'000. 143 Eishallen gibt es in Deutschland, 122 bei uns. Die höchsten Ligen (DEL, National League) umfassen in beiden Ländern 14 Teams. In den letzten zehn Jahren sind 22 Spieler aus Deutschland und 26 aus der Schweiz durch den NHL-Draft gegangen. Diese Saison verdienen 11 Schweizer und 8 Deutsche ihr Geld in der NHL.
Aber bei der WM sind die Schweizer in den letzten zehn Jahren erfolgreicher. Sie werden in Zürich zum neunten Mal in Serie den Viertelfinal erreichen. Sie standen während dieser Zeit dreimal im Final, zuletzt zweimal hintereinander, und haben realistische Chancen auf den ersten WM-Titel. Halleluja!
Die Deutschen haben im gleichen Zeitraum einmal den Final und einmal den Halbfinal erreicht, werden aber voraussichtlich in Zürich zum insgesamt dritten Mal den Viertelfinal verpassen. Krise. Nie war die gefühlte Differenz grösser.
Grund zur Schadenfreude? Nein, im Gegenteil. Deutschlands Hockey-Schicksal ist eine Warnung. Das Potenzial des Deutschen Hockeys zeigt sich zwar in den Finals von 2023 (WM) und 2018 (Olympia). Aber was fehlt, ist eine mit der Schweiz vergleichbare Konstanz auf internationalem Spitzenniveau. Was sich auch an der Klassierung der Weltrangliste ablesen lässt: Die Schweiz ist aktuell die Nummer 2, Deutschland die Nummer 7. Noch 2019 war die Schweiz hinter den Deutschen die Nummer 8.
Im Wesentlichen haben die Schweizer zwei Vorteile, die den Unterschied ausmachen. Aber es sind Vorteile auf dünnem Eis und dieses Eis kann einbrechen, wenn wir die Krise der Deutschen mit Schadenfreude geniessen und nicht als Warnung verstehen.
Um ein Maximum herausholen zu können, ist ein charismatischer Nationaltrainer unerlässlich. Eine WM hat im Eishockey im Hinblick auf einen Vertrag in der NHL (Nordamerika ist für alle das Traumziel) nur einen geringen Karriere-Stellenwert. Absagen für WM-Teilnahmen sind daher fast nicht zu vermeiden.
Dank dem ehemaligen Nationaltrainer Patrick Fischer gibt es seit gut sieben Jahren praktisch keine Absagen mehr. Im Gegenteil: Die Schweiz konnte es sich leisten, einen NHL-Profi (Lian Bichsel) bis und mit der WM 2026 aus dem Nationalteam zu verbannen.
Bundestrainer Harold Kreis fehlt dieses Charisma. Der sachliche, spröde Taktiker ist nicht dazu in der Lage, die deutsche Nationalmannschaft emotional aufzuladen und zum Traumziel zu machen. Zudem hat er die Spieler aus der heimischen Liga, auf die er angewiesen ist, durch die einseitige Forcierung der NHL-Stars beim Olympischen Turnier verärgert.
Es geht weder in Deutschland noch in der Schweiz ohne Nationaltrainer, der es versteht, das Team auf eine Mission mitzunehmen, und als Kommunikator der gesamten Sportöffentlichkeit das Eishockey näherzubringen.
Aber Achtung: Das Frühjahr 2026 markiert womöglich in dieser Beziehung einen einsamen Höhepunkt unseres Hockeys: Das Olympische Turnier und die Heim-WM wollte einfach keiner verpassen. Unser Hockey und unser Nationaltrainer haben in den letzten Jahren von der Strahlkraft dieser beiden Anlässe profitiert.
Es ist keineswegs garantiert, dass die Nationalmannschaft dauerhaft Sehnsuchtsort aller Spieler – auch der NHL-Stars – bleiben wird. Patrick Fischers Nachfolger Jan Cadieux steht vor einer nicht zu unterschätzenden Herausforderung. Zwar profitiert er davon, dass Eishockey in der Schweiz wirtschaftlich, politisch und medial einen ungleich höheren Stellenwert hat als in Deutschland. Trotzdem ist das Bekenntnis zum Nationalteam, bei uns in den letzten Jahren eine Selbstverständlichkeit geworden, eben keine Selbstverständlichkeit. Es bedarf permanenter sorgfältiger Pflege. Das Eis ist dünn.
In der DEL dürfen aktuell pro Partie 9 Ausländer eingesetzt und insgesamt 11 lizenziert werden. Früher waren es noch mehr. Ein signifikanter Unterschied zu unserer National League mit 6 Ausländern auf dem Matchblatt und 10 Lizenzen. Noch wirkt sich die letzte Erhöhung der Anzahl Ausländer von 4 auf 6 bei der Nationalmannschaft nicht aus. Weil einheimische Spieler in der Liga durch die ausländische Konkurrenz stärker gefordert und dadurch besser werden. Aber die ausländischen Spieler beanspruchen in den Klubs Schlüsselpositionen, die im Nationalteam die NHL-Profis übernehmen. Bereits mittelfristig werden wir in der National League weniger überdurchschnittliche Spieler wie Denis Malgin, Sven Andrighetto oder Christoph Bertschy haben, die auch auf WM-Niveau dominieren können.
Das Nationalteam profitiert von einer «goldenen Generation», die sich anschickt, in das Abendrot des Ruhmes zu reiten: Leonardo Genoni ist 38, Roman Josi 35, Dean Kukan 32, Christian Marti 33, Sven Andrighetto 33, Christoph Bertschy 32 und Nino Niederreiter 33. Unser WM-Team hat beim aktuellen Turnier den höchsten Altersdurchschnitt. Eine Erneuerung ist unerlässlich.
Die National League ist – wie die DEL in Deutschland – juristisch vom Verband unabhängig. Deshalb sind Reformen im Gesamtinteresse des Hockeys – beispielsweise die Reduzierung der Anzahl Ausländer – in beiden Ländern so schwierig durchzusetzen.
Aber unser Verband hat die Möglichkeit, mit einer unspektakulären, aber umso wirksameren Massnahme die Basis zu verbreitern. Also dafür zu sorgen, dass mehr Kinder zum Hockey finden. Die Basisarbeit leisten die kleinen Amateurclubs mit Hockeyschulen bereits für fünf, sechsjährige Kinder. Trainingsmöglichkeiten vor Ort – also bei Amateurklubs auch in kleineren Gemeinden und nicht nur in den urbanen Zentren – sind entscheidende Voraussetzungen für die Rekrutierung des Nachwuchses.
Ein Problem, das mittelfristig fatale Folgen haben kann: Die Kosten für die Erstausbildung im Eishockey werden immer höher. Kleine Amateurklubs haben mehr und mehr Probleme, ihre Nachwuchsabteilungen zu finanzieren. Auch deshalb, weil die besten Talente spätestens ab 14 Jahren in die Nachwuchsorganisationen der grossen Klubs wechseln. Das ist sportlich sinnvoll. Weil dort die Ausbildung besser ist. Aber es schwächt jene Vereine, die überhaupt erst dafür sorgen, dass Kinder den Weg aufs Eis finden.
Unser Hockey hat ein gut funktionierendes Ausbildungssystem. Wenn ein Klub einen Spieler ausbildet, dann wird er während der ganzen Karriere dieses Spielers mit einer Ausbildungs-Entschädigung belohnt. Diese Entschädigung ist an der Basis, also beim Klub, der die erste Lizenz löst, signifikant zu erhöhen. Diese Erhöhung liegt in der Kompetenz des Verbandes, der zusätzlich durch sinnvollen Einsatz der in den Verbandskassen gebunkerten Millionen (die aktuell vor allem einer Funktionärskaste zugutekommen) die Basis-Nachwuchsausbildung subventionieren kann. Um den Amateurklubs zu helfen, die dafür sorgen, dass Kinder überhaupt zum Hockey kommen. Denn dort beginnt alles.
Die Verbreiterung der Basis ist die wirkungsvollste Massnahme, um die internationale Konkurrenzfähigkeit unseres Hockeys langfristig zu sichern. Damit die WM-Finals und die WM 2026 nicht Frühlingsmärchen bleiben, die bald nur noch melancholische Nostalgie sind.
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